Palästinensische modifizierte Version der Grabtragung von Raffael. Foto Palestinian Media Watch

Der neue Antisemitismus, der sich in der Dämonisierung des Staates Israel ausdrückt, wird in einem Buch beschrieben, das sich die Entlarvung der Täter, ihrer Vorgehensweisen und ihrer Ziele zum Anliegen gemacht hat. Ist die israelische Regierung bereit diesem Phänomen entgegenzutreten?

Eine Buchrezension von Zvi Mazel, Makor Rishon

Manfred Gerstenfeld: The War of a Million Cuts: The Struggle against the Delegitimization of Israel and the Jews, and the Growth of New Anti-Semitisms. (Jerusalem Center for Public Affairs/RVP Publishers, 501 Seiten)

Dr. Manfred Gerstenfelds neues Buch in englischer Sprache, The War of a Million Cuts, ist in seiner Darstellung des neuen Antisemitismus praktisch so etwas wie eine Enzyklopädie. Nach Gerstenfelds Definition spiegelt der neue Antisemitismus eine Verschiebung des Fokus vom Hass auf das jüdische Individuum zum Hass auf den Staat Israel. Hier nimmt er vielleicht keine Neuerung vor, aber er präsentiert ein weit detailliertes und fundierteres Bild als das, das wir bereits kennen.

Gerstenfeld listet eine nach der andern die Quellen des neuen Hasses auf Israel auf. Es gibt davon viele und sie verkörpern eine Unmenge politischer Parteien, bürgerlicher und sozialer Organisationen, die Vereinten Nationen, Kirchen, viele Medien, Teile der akademischen Welt, Künstler und Einzelpersonen mit öffentlichem Ansehen und – sowohl offensichtlich als auch insbesondere – die arabischen Staaten und muslimische Organisationen. Die Einzigartigkeit dieses Buchs entstammt der Tatsache, dass Gerstenfeld die sich aus diesem globalen Hass ergebende Delegitimierung Israels in all ihren Aspekten und Dimensionen als einen machtvollen Prozess vorstellt. Dieser ist in die europäische Gesellschaft vorgestossen und dringt weiter in sein, verursacht beim jüdischen Volk und dem Staat Israel nachhaltige Verletzung und Schaden – die „Millionen Schnitte“. Daher der Titel dieses Buchs.

Die Bedeutung dieses Bandes für die jetzige Zeit ist offensichtlich. Das ist auch der Grund, dass mit dem Thema vertraute europäische Persönlichkeiten ihre Unterstützung gegeben haben, indem sie ihre Hochachtung für das Buch auf seinem Einband bekunden. José Maria Aznar, ein ehemaliger spanischer Premierminister, schrieb sogar das Vorwort dazu.

Die Linke und der radikale Islam
Gerstenfeld schreibt, dass der „Holocaust den Antisemitismus in westlichen Gesellschaften nur vorübergehend unterdrückte. Heute ist es in diesen Gesellschaften oft nicht politisch korrekt sich öffentlich als Antisemit zu erklären. In Israel hat man jedoch ein Ersatzziel gefunden, auf das die Antisemiten ihren Hass richten können.“ Es ist wichtig zu betonen, dass Antisemitismus nie aufgehört hat.

Gerstenfeld erwähnt, dass der Antisemitismus kurz nach dem Zweiten Weltkrieg wieder auftauchte, als einige europäische Länder jüdische Holocaust-Überlebende davon abhielten in ihre Häuser zurückzukehren, die in der Zwischenzeit von anderen bewohnt wurden. Damit wurde ein Lage geschaffen, die an den Bibelvers 1. Könige 21,19 erinnert: „So spricht der HERR: Hast du gemordet und auch noch den Besitz übernommen?“ Das Problem ist nie gelöst worden und es darf bezweifelt werden, dass es je gelöst werden wird. Danach durchlief der Antisemitismus Phasen des Auf und Nieder. Die Zeit nach dem Sechstage-Krieg war von einem Tief beim Antisemitismus gekennzeichnet. Mit den weiteren Entwicklungen im arabisch-israelischen Konflikt wie zum Beispiel dem Zweiten Libanon-Krieg und der erst kurz zurückliegenden Operation Fels in der Brandung, erreichte der Antisemitismus jedoch neue Höhen.

In dieser Zeit, schreibt Gerstenfeld, betrat ein neuer Faktor die europäische Bühne, der für das Thema zentral wurde: die Masseneinwanderung von Muslimen, die in Zusammenarbeit mit der europäischen Linken die Grundlagen für antisemitische arabische Propaganda legte. Die Befürworter und Täter des neuen Antisemitismus sind in ihrem Kampf gegen Israel sehr tatkräftig; sie behaupten, dass ihre Worte und Taten legitime Kritik an der Politik Israels in den Gebieten darstellt und sich „gegen die Besatzung“ richten. Sie rechtfertigen sogar Angriffe auf europäische Juden, die sie als legitimes Ziel betrachten, „weil sie Israel unterstützen, das einen Völkermord am palästinensischen Volk verübt“.

Die bedeutendste und akuteste Bekundung der antiisraelischen Kooperation zwischen Muslimen und europäischen linken Organisationen wurde auf dem NGO-Forum der UNO-Konferenz gegen Rassismus in Durban (Südafrika) im Jahr 2001 stark betont. Eine unheilige Partnerschaft aus revolutionären, frustrierten Linken und Muslimen, die infolge ihrer Kultur gegen Menschenrechte sind, wie sie in der westlichen Welt verstanden werden, führte zur berüchtigten Erklärung von Durban. Diese Erklärung nannte Israel einen rassistischen Staat, der eine Apartheidpolitik betreibt; dazu hiess es in ihr: „Die Palästinenser haben das Recht mit allen ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln dagegen zu kämpfen“, bis sie ihre Ziele erreichen, wozu die Rückkehr aller Flüchtlinge nach Israel gehört. Mit anderen Worten: Das Ziel ist es den jüdischen Staat zu vernichten und dem jüdischen Volk das Recht auf einen unabhängigen Staat zu verweigern. Gerstenfeld sieht in dieser Erklärung – und zwar zurecht – die Grundlage für die Entwicklung des neuen Antisemitismus, wie er von der Aufstachelung zu globalem Hass auf Israel repräsentiert wird. Das ist die Untermauerung für die Bewegung Boykott, De-Investition und Sanktionen (BDS); sie hat die NGO-Erklärung von Durban als Schlachtruf übernommen.

Dr. Manfred Gerstenfeld, ein Holocaust-Überlebender, ist Wirtschaftswissenschaftler und Antisemitismus-Forscher. Er wurde in Wien geboren. Seine Familie floh in die Niederlande, als der Einfluss der Nazis zunahm. Die Familie ging in den Untergrund und schaffte es die Nazizeit zu überleben. Nach Abschluss seines Studiums begann Gerstenfeld seine Karriere als Wirtschaftsberater, wurde aber später angesichts seiner persönlichen Erfahrungen und seiner zionistischen Aktivitäten in den Niederlanden und andernorts in die Antisemitismusforschung gezogen.

Sein Freund, der verstorbene Professor Daniel Elazar, der das Jerusalem Center for Public Affairs gründete, brachte ihn in das JCPA. Gerstenfeld fand dort reichlich Gelegenheit für seine Antisemitismusforschung, die er tiefgreifend entwickelte. Innerhalb des Rahmens des Zentrums gründete er das Programm für Antisemitismus-Studien und brachte viele Forscher aus dem Ausland zu Vorträgen über seinee verschiedenen Aspekten dorthin. Er machte aus dem JCPA eines der wichtigsten Forschungszentren zum Thema. Bis 2012 diente er auch als Vorsitzender der Stiftung.

Gerstenfeld hat viele Bücher und Hunderte Artikel in einer Vielzahl von Ländern und in mehreren Sprachen veröffentlicht. Seine Schriften konzentrieren sich besonders auf sein Fachgebiet – europäischen Antisemitismus. Die Titel seiner Bücher bringen ihren Inhalt prägnant zum Ausdruck: den Verrat Europas und seiner Eliten an den Juden und am Staat Israel.

Im aktuellen Band legt Gerstenfeld, wie schon erwähnt, die Liste der Kristallisationspunkte des Antisemitismus dar, auch wenn er garantiert, dass diese Liste längst nicht vollständig ist. Um die unbegreifliche und beträchtliche Vielzahl und das Ausmass dessen, wie der Hass zum Ausdruck kommt, zu illustrieren, zitiert er die Täter der schlimmsten antisemitischen Verunglimpfungen der letzten Jahre an, wie sie vom Simon Wiesenthal Center veröffentlicht wurden. 2012 gehörten dazu die Muslimbruderschaft, die iranische Regierung, der brasilianische Karikaturist Latuff, die antisemitischen Fussballfans in Europa, die Partei Svoboda in der Ukraine, die Partei Goldene Morgenröte in Griechenland, die Partei Jobbik in Ungarn, Trond Ali Linstad (ein zum Islam konvertierten Norweger), der deutsche Journalist Jakob Augstein und Louis Farrakhan, der Führer des Nation of Islam in den Vereinigten Staaten. 2013 standen auf dieser Liste der oberste Revolutionsführer des Iran, Ali Khamenei, der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan, Richard Falk (der Autor des UNO-Berichts zu Palästina), die BDS-Bewegung und so weiter.

Die regelmässigen und vielfältigen, von Muslimen und linken Organisationen initiierten Aktivitäten haben sowohl in der politischen Arena als auf der Strasse Hass auf Israel entfacht. Das ist hauptsächlich in europäischen Ländern aufgetreten, ist aber auch auf anderen Kontinenten zu sehen. Er kommt öfter in endlosen Attacken zum Ausdruck, mit denen Israels Name durch Vergleiche mit Nazideutschland zusammen mit Anschuldigungen verunglimpft werden soll, Israel töte absichtlich palästinensische Kinder und begehe sogar einen Völkermord an den Palästinensern.

All dies wird begleitet von gewalttätigen Aktionen gegen Juden und Aufrufen das jüdische Volk auszurotten. Der Wahlspruch „Tod den Juden“ ist auf Demonstrationen in europäischen Ländern zu einer akzeptierten Parole geworden. Es gibt Bemühungen den historischen Status des Judentums als Quelle des Christentums in Zweifel zu ziehen, indem darauf bestanden wird, dass Jesus ein Palästinenser war. Das erfolgt mit Hilfe antisemitischer Gruppen. Es ist unmöglich all die fingierten Anschuldigungen aufzuführen, die Israel zugeschrieben werden. Wir sprechen von einer gut geölten Propagandamaschine, die unablässig arbeitet und die Medien sowie die sozialen Netzwerke nutzt, um die Botschaft und ihre Auswirkungen zu verstärken. Das offensichtliche Ziel besteht darin Israel zu dämonisieren und zu delegitimieren, es zu isolieren und zu untergraben und zusätzlich den Juden Angst zu machen, die als seine Unterstützer wahrgenommen werden.

Ein derart breit angelegter Angriff durch eine so grosse Gruppe an Gremien über viele Jahre hinweg, betont Gerstenfeld, zielt darauf ab der Welt im Allgemeinen und dem „aufgeklärten Europa“ im Besonderen das Gefühl einzuprägen, dass Israel und die Juden das Böse verkörpern und dass die Vernichtung Israels und der Juden ein wünschenswertes und akzeptables Ziel ist.

Schwerer Schaden
Gerstenfeld beschreibt ausführlich die Aktivitäten in den meisten Ländern der Europäischen Union, wo der neue Antisemitismus sich entwickelt hat. Er zeigt, wie der neue Antisemitismus in der Psyche der Öffentlichkeit Wurzeln geschlagen hat und wie Bürger Europas dazu gekommen sind Israel als Staat zu betrachten, der den Weltfrieden gefährdet, auf einer Stufe mit dem Iran und Nordkorea.

Dabei bringen 40% der Bürger der Europäischen Union bis zu einem gewissen Grad antisemitische Gefühle zum Ausdruck. Eines der Ergebnisse des neuen Antisemitismus ist natürlich die merkliche Flucht von Juden aus Europa, insbesondere aus Frankreich, Heimat der grössten jüdischen Gemeinschaft in Europa – in der Diaspora die zweitgrösste nach der in den USA.

Dem Phänomen gegenüber, sagt Gerstenfeld, verschliesst Westeuropa die Augen, womit es seine jüdischen Bürger praktisch im Stich lässt. Die Medien und die akademische Gemeinschaft kollaborieren entweder damit oder ignorieren, was geschieht; damit sind sie zu Partnern der muslimischen Propagandakampagne geworden. Darüber hinaus werden die Lügen über Israels Politik und die falschen Vorwürfe des Völkermords an den Palästinensern von der Europäischen Union als wahr akzeptiert; diese setzt Israel politisch und wirtschaftlich unter Druck und fügt dem Land damit grossen Schaden zu.

Gerstenfeld erklärt zu Beginn des Buches, dass er sich nicht auf die Vorstellung eines theoretischen akademischen Dokuments über Antisemitismus beschränken, sondern die Täter, ihre Vorgehensweise und ihre Ziele auf systematische Weise darlegen will. Sein Ziel ist es die israelische Regierung dazu zu bewegen mit aller Dringlichkeit eine aktive Politik gegen dieses Phänomen zu planen, da der neue Antisemitismus den Staat Israel in Gefahr bringt und dem jüdischen Volk erheblichen Schaden zufügt.

Gerstenfeld betont, dass aufeinander folgende israelische Regierungen das Problem ignoriert haben. Inzwischen, sagt er, ist das Phänomen weit stärker geworden. Es ist unerlässlich die geeigneten Personen so schnell wie möglich zu organisieren, eine Infrastruktur aufzubauen, die über Mobilisation von Geheimdienstinformationen, Menschen und Budgets rasch handeln kann. Es gibt in Israel viele, die behaupten, die Antisemitismus-Frage sei übertrieben und dass Israel werde wenig Schaden zufügt. Sie argumentieren, wenn die Juden durch Antisemitismus geschädigt würden, dann sollten sie nach Israel ziehen. Gerstenfelds Buch weist diesen Unsinn zurück und hebt die unmittelbar bevorstehende Gefahr des neuen Antisemitismus mit äusserster Klarheit hervor. Israels Regierung sollte ihn mitnichten ignorieren. Dieses Buch ist wichtig und sollte in alle europäischen Sprachen übersetzt werden. Im gegenwärtigen Klima darf jedoch bezweifelt werden, dass sein Aufruf gehört werden wird.

Zvi Mazel ist ehemaliger Botschafter Israels in Ägypten, Rumänien und Schweden. Heute ist er leitender Analyst am Jerusaelem Center for Public Affairs. In deutsch zuerst erschienen bei Heplev.

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3 KOMMENTARE

  1. Es waren die Juden und die Römer…einer konnte nicht ohne den anderen- damit Gottes Heilsplan für alle Menschen erfüllt wird ….Lest mal Römer 11 und Epheser 2-Sacharja 12,10

  2. „Verschiebung des Fokus vom Hass auf das jüdische Individuum zum Hass auf den Staat Israel“
    Antisemit ist also jemand der etwas gegen den Staat Israel sagt. Perfekt. Nur wird dieser Staat aber momentan von einem Regime regiert. das Zeev Sternhell mit Vichy 1940 vergleicht. Also faschistisch. Somit werden Gegner eines faschistischen Regimes zu Antisemiten. Es ist immer wieder erstaunlich, zu was sich die Irren von Zion (ein Buchtitel von Henryk M. Broder) hier wieder durchgedacht haben.
    MfG
    Werner T. Meyer

    • Bei Ihrer Argumentation frage ich mich, ob Sie noch alle Tassen im Schrank haben… Antisemitismus pur!

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