Foto Maurice Velati. Lizenziert unter CC BY 2.0 via Wikimedia Commons.
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In Sachen Nächstenliebe, religiöse Toleranz, Moral und kultiviertes Benehmen als ethische Bewertungskriterien liegt die mediale Messlatte für den jüdischen Staat meist höher als bei anderen Ländern. Die Schweizer Medien mussten sich innerhalb ihrer Israel-Berichterstattung nun auch indirekt mit dem jüdischen Neujahrsfest (Rosh HaShana) auseinandersetzen.

Von Sabrina Goldemann, freie Autorin

Eigentlich ist in der Zeit zwischen dem Neujahrs-und Versöhnungsfest eine höhere Macht für die Bestimmung und Bewertung des jüdischen Schicksals zuständig. Wie man sieht, fühlen sich einige Journalisten auch an diesen heiligsten Tagen verpflichtet, den Juden zu erklären, dass ihre blosse Anwesenheit im eigenen Staat eine Provokation darstellt.

Am Versöhnungstag, dem Jom Kippur, steht das jüdische Leben in Israel gespenstisch still. Diesen Schwachpunkt nutzten die syrische und ägyptische Armee im Herbst 1973, um Israel anzugreifen und mit der Absicht, es zu vernichten. Dieser Krieg, der Israels Existenz fast beendet hätte, löste ein tiefes Trauma aus. Seitdem gibt es auch an den Feiertagen keine unbewachten Brennpunkte mehr im Land. Dazu gehört auch der Tempelberg, Har HaBait für die Juden und Haram al-Sharif für die Muslime, die keinem Nicht-Muslim gestatten, dort zu beten. Seit jeher besteht die Angst, dass die Juden Ansprüche auf den heiligen Platz stellen, wenn sie dort beten.

Statt am heimischen Tisch mit der Familie traditionell den Apfel in den Honig zu tauchen und auf ein gutes Jahr zu hoffen, mussten israelische Soldaten und Polizisten drei Tagen lang arabische Steinewerfer in Schach halten. Die Schweizer Medien berichten über „Unruhen“ in der Altstadt und vor der Al Aksa Moschee. Gab es anfangs noch ausschliesslich Meldungen der Schweizer Depeschenagentur (sda), (dpa) und (afp) mit gewohnt verzerrter David gegen Goliat – Wahrnehmung, schien der NZZ-Korrespondent vor Ort, Ulrich Schmidt, durch sachlichere Faktendarstellung zu punkten.

Das gelingt ihm jedoch nur teilweise. Seiner Meinung nach sei Religionstoleranz in Jerusalem zwischen „strenggläubigen Muslimen und Juden“ ein „Fremdwort“. Dabei verwechselt er die den Tempelberg meidenden Ultraorthodoxen mit manchmal randalierenden Rechtsextremisten, die aber diesmal gar nicht zu den Protagonisten gehören. Ein verlinktes Youtube-Video, welches die hasserfüllten, oft „rassistischen Parolen“ ausschliesslich auf jüdischer Seite verdeutlicht, rundet das übliche Bild ab. Quelle des informativen Streifens ist ein „Anti-Apartheid“ Ableger der Boykottbewegung, der den Eindruck hinterlässt, dass die jüdische Bevölkerung Jerusalems ein lynchbereiter Mob sei.

Zusammenfassend wird dem Leser suggeriert, dass ausschliesslich von jüdischer Seite provozierende „radikale Juden“ vom seltenen Bet-Recht auf dem Tempelberg an Rosh HaShana Gebrauch machen. Eine dpa Meldung lässt „militante palästinensische Jugendliche“ letztendlich wie Steinchen werfende Teenager aussehen, die durch die israelischen Polizeieinsätze natürlich unverhältnismässig hart bestraft und provoziert werden. Unerwähnt bleibt, dass diese „Jugendlichen“ oft mit riesigen Pflastersteinen u.a. auf Touristen werfen, auch von oben auf Beter an der Klagemauer, dem letzten authentischen Bausegment des zweiten jüdischen Tempels, an dessen Stelle heute die Al Aksa Moschee und der Felsendom stehen.

Zumindest informiert die sda darüber, dass sich in der Nacht zum Neujahrsfest „junge maskierte Muslime“ mit Steinen und Feuerwerkskörpern in der Moschee verschanzten, um erwartete jüdische Besucher zu „stören“. Die Depeschenagentur nennt die Täter „junge Demonstranten“, die sich gegen „Blendgranaten“ werfende Polizisten mit Steinen zur Wehr setzen müssen.

Die verklärte Darstellung des jungen palästinensischen Rebellen erhält jedoch Risse. Eltern haften ab jetzt mit hohen Geldstrafen für ihre Kinder, wenn diese Steine auf Menschen werfen,

Eigentlich ein ganz normales Strafmass.

Die „drittheiligste“ Stätte der Muslime war also tatsächlich, ganz unethisch, mit gebastelten Petroleumbomben und riesigen Pflastersteinen gefüllt, die wie gewöhnlich jüdische und nichtjüdische Besucher des Tempelberges verletzen sollten – eine offensichtlich geplante Aktion. Dass die arabische Seite mit den Ausschreitungen begann, geht in den Meldungen völlig unter. Ein rigoroses Vorgehen der israelischen Regierung gegen die tötenden Steingeschosse, auch rechtlich, sollte eigentlich für jeden Demokraten eine logische Konsequenz sein.

Stattdessen ist die gesamte Welt erzürnt, vor allem die muslimische, wie das Onlinemagazin Tachles zusammenfasste, und massregelt die israelische Regierung. Hamas spricht von einer „Kriegserklärung“, Jordanien droht mit einem Ende der Beziehungen und der türkische Ministerpräsident, Recep Tayyip Erdoğan, kann von seinen politischen Fauxpas ablenken indem er die UNO gegen Israel mobilisiert.

Mit dem erhobenen moralischen Zeigefinger verurteilen auch die USA jede „Form der Gewalt“ und die EU möchte Ruhe am Platz. Weniger stört die internationale Wertegemeinschaft jedoch der aggressive Kampf gegen nicht-muslimische Beter auf dem Tempelberg und der durch Steinwurf verursachte Tod eines Israelis. Alexander Levlovitz, 64, war gerade auf dem Weg nach Hause, nachdem er den Beginn des Neujahrfestes mit Freunden feierte. Im Jerusalemer Bezirk Talpiot haben Unbekannte – allem Anschein nach Palästinenser aus dem Dorf Sur Bacher – Steine auf das fahrende Auto geworfen. Er verlor daraufhin die Kontrolle über den Wagen und verunglückte tödlich. Zwei weitere Personen im Auto wurden verletzt. Die Angreifer bewarfen gemäss israelischen Medienberichten weitere Autos auf der gleichen Strasse mit Steinen.

Schön wäre es, wenn die europäisch-amerikanisch-arabische Einigkeit gegen Israel auch so konsequent in der momentanen Flüchtlingssituation funktionieren wird.