Foto Ralf Roletschek. Lizenziert unter CC BY-SA 3.0 via Wikimedia Commons.
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Innerisraelische Konflikte drängen zurzeit die Irandebatte in den Hintergrund. Jüdischer und arabischer Terror, aber auch soziale und ethische Fragen beschäftigen die israelische Gesellschaft durch alle Schichten.

Von Sabrina Goldemann. Freie Autorin

Dazu gehören auch Gewaltausbrüche vor einem Krankenhaus in der israelischen Küstenstadt, Aschkelon. Auslöser ist, der sich seit mehr als zwei Monaten im Hungerstreik befindliche Palästinenser, Mohammed Allaan. Der 31jährige Rechtsanwalt soll dem islamischen Dschihad angehören und ist in israelischer Administrativhaft. Sein Hungerstreik löste eine öffentliche Debatte um die Zwangsernährung von Häftlingen aus.

Die Schweizer Medien interessierten sich zwar für das Thema, aber übernahmen unreflektiert eine Meldung der Schweizerischen Depeschenagentur, die ihrerseits Informationen der Nachrichtenagentur, AFP bezieht und keine israelischen Quellen in die Recherchearbeit einfliessen lässt. So ist der Islamische Dschihad, zu der Allan gehöre, laut AFP in einer aktuellen Meldung zum Thema, nur eine „von Israel als Terrororganisation eingestufte Palästinensergruppe“. Bevorzugte Quellen sind hier die Palästinensische Autonomiebehörde und andere arabische Stimmen, die ein eher einseitiges Bild auf die Hintergründe abgeben.

Dagegen wirkt die Neue Zürcher Zeitung mit einer dpa Meldung und einem inhaltlichen Bezug zum israelischen Online-Portal, Ynet sachlicher.

Ethno-terminologische Konstruktionen
In der auf die SDA basierenden Meldung der „Südostschweiz“ und des „Tagesanzeigers“ erscheinen dagegen eigenartige ethno-terminologische Konstruktionen und einseitige Tatbestände, die offensichtlich kein beteiligter Redakteur hinterfragte. „Hunderte israelische Araber und Palästinenser“ wurden von einer Gruppe „rechtsgerichteter jüdischer Aktivisten angegriffen“, wobei die „Aktivisten“ als besonders gewaltbereit dargestellt werden. „Sie zerstörten unter anderem die Scheiben eines Fahrzeugs des palästinensischen TV-Teams.“ Letztendlich war jedoch die Aufregung ganz umsonst. Wie die Neue Zürcher Zeitung später per Nachtmeldung nach Informationen der israelischen Zeitung Haaretz mitteilte, entschied die israelische Regierung Allan „befristet freizulassen“.

Die von der Mehrheit der israelischen Bevölkerung verachteten Anschläge „jüdischer Extremisten“, bei denen ein Baby und dessen Vater ums Leben kamen und „das Schicksal des Verwaltungshäftlings“ führten, laut SDA, zu mehreren „Gewaltausbrüchen“. Letzteres heisst übersetzt: Messerattacken auf Zivilisten und Soldaten von Seiten arabischer Attentäter. Mit der üblichen Opfer-Täter-Schiene und einer kreativen geografischen wie zeitlichen Collage der jüngsten vier Messerattacken gibt der Text ein verzerrtes Bild von den Taten wieder. Durch Angaben wie, „Zentrum des Palästinensergebiets“, „Norden des Westjordanlands“, „an einer Kreuzung südlich von Nablus“ soll der manipulierte Eindruck der Landnahme entstehen, die die Taten für den Leser zumindest nachvollziehbar macht. Tatsächlich geschahen wenigstens zwei der vier Angriffe in der Nähe der israelischen Stadt ModiinZudem bewirkt die Betonung auf „Grenzpolizist“ und „Soldat“ im Gegensatz zu „junger Palästinenser“, die Verharmlosung der Tatsache, dass die israelischen Opfer meist nicht älter als 20 Jahre sind.

Aktueller und deutlicher in seiner Wirkungsabsicht zeigt sich die Veröffentlichung einer anderen SDA-Meldung. Hier steht klar der erschossene, nicht der angeschossene der beiden beschriebenen Attentäter im Vordergrund.

Terroristen sind Terroristen
Frank A. Meyer zitierte dagegen deutlich im „SonntagsBlick“ zum Thema „jüdischer Terror“  den israelischen Oppositionschef Jitzchak Herzog und äusserte damit eine andere Haltung: «Terroristen sind Terroristen, ungeachtet dessen, ob sie Muslime oder Juden sind.» und fragt, wo die arabische, die muslimische Opposition sei, die solche Worte findet gegen Raketen auf Israel, gegen antijüdischen Terror, gegen die rhetorischen Vernichtungs­fantasien, die Israel das Recht auf Existenz absprechen. „Wir müssen etwas überhört haben.

Hörbar agierte jedoch die Boykottbewegung (BDS) gegen Israel und war dabei erfolgreich. Pascal Blum sah im „Bund“ den israelischen Filmbeitrag „Tikkun“ (Reparatur) schon als Favorit für den Hauptpreis auf dem Filmfest in Locarno. Doch mit Hilfe von Radio SRF, „Kultur Kompakt“, liessen hochrangige Schweizer und internationale Filmschaffende, die Mitglieder der Boykottbewegung sind, über Israel, das nicht wie andere Länder sei, da es widerrechtlich palästinensischen Boden besetze, kritischen Dampf ab. „Zu Recht?“, wie die Moderatorin selbstbewusst kommentierte. Da die Filme durch den staatlichen Israel Film Fund, vor Ort vertreten durch Katriel Schory, unterstützt wurden, dürften sich die Künstler nicht am Festival beteiligen, hiess es. Er könne Kritik am Staat Israel verstehen, so Shory, aber sie richte sich hier an den falschen Adressaten. Die anfangs standhafte Festivalleitung liess sich schliesslich von den BDS – Stimmen beeindrucken und änderte den Namen des Förderungsprogramms von „Carte Blanche“ in „First Look“. Nach dem Motto: Kein Persilschein für Israel. Gegen iranische und andere Teilnehmer aus Länder mit einer menschenverachtenden Politik richtet sich, wie es scheint, keine Boykottbewegung. Haben diese Unstimmigkeiten etwa dazu geführt, dass der Favorit, „Tikkun“, letztendlich nur einen Sonderpreis bekam?

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