Flaggen des Islamischen Staats schwenkende Palästinenser versuchen im Januar 2015 das französische Kulturzentrum in Gaza Stadt zu stürmen. Foto eban tv/YouTube Screenshot
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Der von der Hamas kontrollierte Gazastreifen, der nach Hoffnung der Palästinenser eines Tages Teil eines zukünftigen Palästinenserstaats sein wird, gleitet rasch in Anarchie und Chaos ab.

Seit ihrer gewaltsamen Machtübernahme im Sommer 2007 hat die Hamas einen festen Zugriff auf das Gebiet mit rund 1,7 Millionen Palästinensern behalten. Doch heute scheint die totalitäre Herrschaft der Hamas über den Gazastreifen sich dem Ende zu nähern, da die islamistische Bewegung sich zunehmenden Herausforderungen durch verschiedene Milizen und Gruppen in dem Bereich gegenüber sieht.

Einige der Hamas-Rivalen gehören radikaleren Terrorgruppen wie dem Islamischen Staat und Al-Qaida nahe stehenden Milizen an, die von salafistischen Jihadisten innerhalb des Gazastreifens gebildet wurden. Andere gehören zur säkularen Fatah-Fraktion, deren Mitglieder weiter von dem Tag träumen, an dem sie in der Lage sein werden das Hamas-Regime zu stürzen und die Kontrolle über den Gazastreifen wiederzugewinnen.

Die radikal-islamistischen Terrorgruppen streben den Sturz der Hamas an, weil sie glauben, dass die Bewegung zu „weich“ ist, wenn es um die Durchsetzung der Scharia und den Kampf gegen Israel geht. Das Ziel dieser Gruppen ist die Gründung eines islamischen Kalifats im Gazastreifen um Israel vom Angesicht der Erde zu wischen.

In einem gerade im Internet eingestellten Video verkündete der Islamische Staat, seine Männer würden bald den Gazastreifen erreichen und die Hamas-„Tyrannen“ von der Macht entfernen. „Mit Allahs Willen werden wir den Staat der Juden ausreissen und ihr [Hamas] und andere werden verschwinden, da der Gazastreifen von der Scharia beherrscht werden wird, ob ihr es mögt oder nicht“, warnte ein maskierter Sprecher des Islamischen Staats.

Palästinenserquellen im Gazastreifen sagen, dass der Islamische Staat es im Verlauf der letzten Monate geschafft hat Hunderte junger Männer für sich zu rekrutieren. Nach Angaben der Quellen sind die meisten der Männer, die sich dem Islamischen Staat anschlossen, ehemalige Mitglieder der bewaffneten Flügel von Hamas und Islamischem Jihad, dazu eine Reihe verstimmter Fatah-Milizionäre, die mit der Politik des palästinensischen Autonomiebehörde (PA) und dem Führer ihrer Fatah-Bewegung, Mahmud Abbas unzufrieden sind – besonders mit der erklärten Opposition zu Terroranschlägen gegen Israel.

Ende letzten Jahres gelobte eine salafistisch-jihadistische Miliz im Gazastreifen dem Islamischen Staat die Treue, womit sie eine weitere starke Herausforderung für die Hamas darstellt.

Bis vor kurzem prahlten die Hamas-Führer mit dem Erfolg ihrer Bewegung bei der Wiederherstellung von Recht und Ordnung im Gazastreifen nach Jahren der Anarchie und Gesetzlosigkeit unter der PA. Doch die „Utopie“, die die Hamas geschaffen haben will, sieht sich einer existenziellen Bedrohung gegenüber, da der Gazastreifen eine heftige Zunahme an interner Gewalt erlebt. Einige Palästinenser fangen sogar an sich zu fragen, ob die Hamas bereits die Kontrolle über den Gazastreifen als Ganzes verloren hat.

Die Gewalt erreichte ihren Höhepunkt, als eine Serie gleichzeitiger Explosionen das Viertel Scheik Radwan in Gaza Stadt erschütterte. Die Explosionen trafen die Autos von sechs hochrangigen Kommandeuren des bewaffneten Flügels von Hamas und Islamischem Jihad. Es wurden keine Opfer gemeldet.

Die jüngsten Bombenanschläge werden als schwerer Schlag für die Hamas gewertet, insbesondere angesichts der Tatsache, dass sie in einer Gegend stattfanden, die ihre Sicherheitskräfte schwer bewachen.

Einige Berichte legen nahe, dass der Islamische Staat hinter den Anschlägen steckt, die für die Führer von Hamas und Islamischem Jihad im Gazastreifen als Schock kamen.

Eine Reihe Hamas-Offizieller sagte, sie schlössen die Möglichkeit nicht aus, dass Fatah-Mitglieder hinter den Explosionen steckten. Die Offiziellen behaupteten, die Fatah habe ein Interesse daran, der Welt zu zeigen, dass die Hamas nicht Herr der Lage im Gazastreifen ist. In der Vergangenheit beschuldigte die Hamas die Fatah hinter einer weiteren Welle an Bombenanschlägen zu stecken, die sich ebenfalls gegen ihre Männer im Gazastreifen richtete.

In der Öffentlichkeit geben die Hamas-Führer allerdings nicht gerne zu, dass ihre Bewegung innerhalb des Gazastreifens auch von Anhängern des Islamischen Staates und Al-Qaida herausgefordert wird. Für diese Führer ist es bequemer die „israelische Besatzung“ für die Gewalt verantwortlich zu machen; als Vorwand wird angeführt, Israel sei die einzige Seite, die an der Entfernung der Hamas von der Macht interessiert ist.

Diese Behauptung hat sich jedoch im Gefolge der öffentlichen Drohungen verschiedener Palästinensergruppen gegen die Hamas als unwahr erwiesen. Der Versuch die Schuld einzig Israel anzulasten spiegelt die wachsende Sorge der Hamas-Führung, die stur und durchgängig die Existenz von Terroristen des Islamischen Staats und Al-Qaida im Gazastreifen leugnete.

So hatte Ismail Al-Ashqar, ein Top-Funktionär der Hamas, zu den jüngsten Bombenanschlägen dies zu sagen: „Gaza wird sicher und ruhig und stabil bleiben und es wird keine Rückkehr zum früheren Zustand der Anarchie geben, wie die Besatzung und ihre Kollaborateure es sich wünschen. Die israelische Besatzung ist in vollem Umfang für die Explosionen verantwortlich.“

Ashqar gestand ein, dass die Beziehungen seiner Bewegung und der Fatah „sehr schlecht und angespannt“ sind, besonders nach dem jüngsten Durchgreifen der PA gegen Hamas-Männer in der Westbank. In den letzten Wochen haben nach Angaben palästinensischer Quellen PA-Sicherheitskräfte in der Westbank mehr als 250 Hamas-Männer verhaftet; sie stehen im Verdacht Komplotte zu schmieden, um das Regime von Präsident Mahmud Abbas zu untergraben.

Die Konfrontation zwischen der Hamas und ihren Rivalen innerhalb des Gazastreifens wird in den kommenden Wochen und Monaten wahrscheinlich eskalieren. Die Hamas hat inzwischen so viele Feinde innerhalb des Gazastreifens, dass sie, um sie zu bekämpfen, ihre repressiven Massnahmen erheblich verstärken müsste. Diese Massnahmen werden allerdings nur zu mehr Vergeltungsangriffen durch Anti-Hamas-Kräfte führen und den Gazastreifen in einen Zustand zunehmender Anarchie und Chaos stürzen. Viele Palästinenser machen sich Sorgen, dass der Gazastreifen früher oder später in die Hände des Islamischen Staats oder Al-Qaida fallen wird.

In der Westbank gibt es eine solche Bedrohung unterdessen nicht, weitgehend dank der israelischen Sicherheitsmassnahmen gegen die Terrorinfrastruktur und -zellen. Die PA ihrerseits führt ebenfalls eine massive Kampagne gegen Hamas und andere islamistische Gruppen in der Westbank. Sie macht das nicht aus Sorge um den „Friedensprozess“ mit Israel; Mahmud Abbas und seine Stellvertreter wissen, dass diese Islamisten auf dem Weg zum Morden an Juden zuerst sie töten werden.

Der zunehmende Zustand der Anarchie im Gazastreifen sowie der fortgesetzte Machtkampf zwischen Hamas und Fatah sind kein gutes Zeichen für diejenigen, die immer noch glauben die Gründung eines Palästinenserstaats werde der Region Frieden und Stabilität bringen. Wie die Dinge heute – besonders im Gazastreifen – stehen, scheint es, dass der zukünftige Palästinenserstaat der Liste der arabischen Länder hinzugefügt werden wird, die derzeit Bürgerkriege und Blutbäder erleben.

Es wird Zeit, dass die internationale Gemeinschaft aufwacht und erkennt, dass der palästinensische Traum von der Gründung eines unabhängigen Staates von niemand anderem als den Palästinensern selbst zerstört wird.

Zusammenfassung eines Originalbeitrags von: Khaled Abu Toameh via Gatestone Institute. Khaled Abu Toameh ist ein preisgekrönter arabisch-israelischer Journalist und TV-Produzent, der sich in den letzten drei Jahrzehnten palästinensischen und arabischen Angelegenheiten gewidmet hat. Er erhielt 2014 den Daniel Pearl Award vom renommierten Los Angeles Press Club verliehen. Übersetzung: Stefan Frank

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