Der Schweizer Squashspieler Alex Imhof (Mitte). Foto Sabrina Goldemann
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„Maccabi Chai“ von der Berliner Band, Jewdyssee, wurde zur symbolhaften Hymne der diesjährigen Europäischen Maccabi Games in Berlin.

Von Sabrina Goldemann. Freie Autorin, Berlin.

Ein rockiges „Wir sind stark und wir kämpfen“ riss das Publikum während der Eröffnungsfeier von den Sitzen und stimmte sie auf den „Maccabi Spirit“ ein. Dazu gehörte die Bedeutung des Olympiaparks als symbolischer Protagonist der Veranstaltung, die auch ein starkes Signal für das neue deutsch-jüdische Selbstverständnis sendete – „raus aus dem Schatten der Vergangenheit in eine von Freundschaft, Vertrauen und Zuversicht geprägte Zukunft“.

Im Jahre 1936 wurden auf diesem Berliner Olympiagelände unter Ausschluss jüdischer Sportler die olympischen Sommerspiele ausgetragen. Die heute 101jährigen Gretel Bergmann, die damals Rekordhalterin im Hochsprung war, ist eine der Ausgestossenen, weil sie Jüdin war. Die Nazis hatten ihr aufgrund internationalen Drucks die Teilnahme erst pro forma gestattet, dann aber kurz vor den Spielen verweigert. Internationale Hitler-Gegner wurden von den Nazis erfolgreich mundtot gemacht. Weder der nazifreundliche Präsident des Amerikanischen Olympischen Komitees, Avery Brundage, noch hohe Staatsvertreter hatte gegen den Ausschluss der Juden protestiert. Die Nazis mussten jedoch entgegen ihrer Überzeugung nicht nur 12 jüdischen Athleten, sondern auch dem grossartigen Jesse Owens Medaillen überreichen. Erst im November 2009, als 95jährige, erkannte der Deutsche Leichtathletik Verband Gretel Bergmanns Weltrekord von 1936 an. Viele jüdische Olympioniken haben den Holocaust nicht überlebt.

Dr. Oren Osterer, Organisationschef der European Maccabi Games. Foto Sabrina Goldemann
Dr. Oren Osterer, Organisationschef der European Maccabi Games. Foto Sabrina Goldemann

Nun zeigt diese grösste jüdische Veranstaltung europaweit, „dass wir wieder da sind“, so Dr. Oren Osterer, Organisationschef der European Maccabi Games. „Die über einjährige Vorbereitungszeit und der Stress haben sich wirklich gelohnt.“, sagte der geborene Israeli. Seine Bilanz: „Das ist der Wahnsinn – im positivsten Sinne“. Eine der grössten Herausforderungen war die Unterbringung der über 2300 Teilnehmer. Osterers Organisationsteam hat nicht mit so einem Andrang gerechnet. Der Rahmen des riesigen Hotel Estrel & Convention Centers, „wurde gesprengt“ und Zustellbetten organisiert. Hier entstand ein ganz eigenes „olympisches Dorf“, das Wohnen, Spass und Kultur vereinte. Niemand störte es, dass sich das Hotel in einem Berliner Bezirk befindet, der wiederholt als „No-Go-Area“ für Juden bezeichnet wird. Makkabi Deutschland Präsident, Alon Mayer, warnte, nicht mit Kippa und Davidsternketten umherzulaufen. Bis auf nur zwei unangenehme Zwischenfälle genossen letztendlich alle Athleten die Spiele. Die Sicherheitslage blieb natürlich gespannt und ein grosser Teil der Gelder floss in diesen Bereich. Auf der anderen Seite konnte jedoch vor allem das französische Team die letzten schweren Attentate in ihrem Land für 10 Tage vergessen und sich voll auf Spiel und Fröhlichkeit einstellen.

Nur drei „Hauptamtliche“ und ein „fantastisches Team aus Mitarbeitern, Freiwilligen und Praktikanten“ koordinierten mit voller Leidenschaft, aber begrenzten Mitteln die auf verschiedene Orte verteilten Spiele“, erklärte der 34jährige mit dem „Makkabi Herz“. So pendelte er ständig zwischen den Veranstaltungsorten und dem Hotel, um die „Dinge im Griff zu behalten“. Hat jeder, was er braucht? Bekommen alle Spieler jederzeit die Möglichkeit zu essen? Ist der Busshuttle pünktlich? Die enormen Entfernungen innerhalb der deutschen Metropole sollte man nicht unterschätzen.

Der 21 jährige Squashspieler Alex Imhof aus dem Schweizer Team. Foto Sabrina Goldemann
Der 21 jährige Squashspieler Alex Imhof aus dem Schweizer Team. Foto Sabrina Goldemann

Alex Imhof aus dem Schweizer Team kam zur Medaillenvergabe gerade noch pünktlich. Der 21 jährige Squashspieler ging stolz mit drei Medaillen in allen Farben und vielen neuen Kontakten nach Hause. Ihm hat der „Spirit“ sehr gut gefallen und neben dem sportlichen Eifer genoss er den sonst eher seltenen Kontakt zu gleichaltrigen Juden, die „auch noch aus verschiedenen Ländern“ kamen. Der historische Hauptaustragungsort im Olympiapark, der symbolisch für die NS Diktatur steht ist ihm wie den meisten Teilnehmern zwar bewusst, aber nicht ständig präsent. Die Gedenkveranstaltung auf dem nahen Maifeld dagegen liess zu Beginn der Veranstaltung bei jedem starke Emotionen frei.

Die Teams aus 38 Ländern waren zwar hoch motiviert, aber natürlich auch am interkulturellen Austausch interessiert. Während eines relaxten Sonnenbads zwischen den Wettkämpfen im riesigen Olympiaparkt bei durchschnittlich 30 Grad am Pool oder auf den weitläufigen Rasenflächen gab es auch schon mal die eine oder andere intensive Begegnung.

Siebzig Jahre nach Ende der Shoa und 50 Jahre nach Aufnahme diplomatischer Beziehungen zwischen der Bundesrepublik Deutschland und dem Staat Israel war den Spielern, Sponsoren und Organisatoren bewusst, dass „diese Spiele etwas Besonderes sind“.

Berlin war 1898 der Gründungsort der zionistisch geprägten jüdischen Sportbewegung, die dem Ideal des „Muskeljudentums“ als Gegenbewegung zum antisemitischen Zerrbild vom „schwächlichen Ghettojuden“ gerecht werden wollte. Zudem war es Anfang des 20. Jahrhunderts Juden verboten, in deutsche Vereine einzutreten. Der Makkabi Weltverband entstand 1921 und 12 Jahre später fand in Palästina die erste Makkabiade statt. Besonderen Zulauf erhielten die deutschen Makkabivereine nach Beginn der Ausgrenzung jüdischer Bürger ab 1933. Viele Athleten konnten sich nach Palästina retten und ihre physische Kraft nun für den Aufbau der neuen Heimat einsetzen. Gretel Bergmann floh in die USA und profilierte sich als Spitzensportlerin.

Konzept und Intention der Maccabi Games haben überzeugt. Von öffentlicher Seite, so Oren Osterer „gab es ein sehr starkes Feedback, Engagement und Unterstützung in jeder Beziehung“. Bis die Organisatoren eine stärkere Öffentlichkeitsarbeit und Medienpräsenz nutzten, hielt sich die Spendenbereitschaft der grossen Unternehmen in Grenzen. Die deutsche Presse berichtete bereits lange vor Beginn der „jüdischen Olympiade“ ausführlich. Monate vor der Veranstaltung entdeckten die Berliner riesige Werbeposter an ihren Bushaltestellen mit gigantischen Davidsternen und witzigen Slogans. Offenes Judentum auf Berliner Strassen ist zwar im Kommen, aber immer noch nicht selbstverständlich für die Bevölkerung. Neben den vielen Wohlwollenden und Interessierten gab es auch Skeptiker und Verständnislose. „Wer braucht denn eine jüdische Olympiade?“, fragten sich einige. Leserreaktionen auf Artikel zum Thema beinhalteten vor allem die Sorge, wer denn das alles bezahlen wird? Viele interessierte es gar nicht, „nur einen Verkehrsstau soll es nicht geben“. Andere wundern sich, warum das nur für Juden ist. „Die sollen sich doch integrieren“.

Oren Osterer kennt solche Fragen. „Keiner beschwert sich, wenn es deutsche Regionalmeisterschaften nur für Hessen oder Bayern gibt“, kommentiert er. Brauchen wir eine „jüdische Olympiade?“. „Ja“, sagte er, „weil es hier u.a. um Identität geht“. Dazu gehört auch die Schweigeminute während der Eröffnungsfeier der „jüdischen Olympiade“, um an die 1972 ermordeten israelischen Athleten in München zu gedenken. Eine Minute, die den Hinterbliebenen auch während der letzten Sommerspiele in London nicht gewährt wurde.