Hassan Rouhani und Vladimir Putin. Foto Kremlin.ru. Lizenziert unter CC BY 3.0 via Wikimedia Commons.
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Der „grosse Satan“ Amerika verliert zunehmend seine letzten Verbündeten im Mittleren Osten. Nach dem von George W. Bush hinterlassenen „Scherbenhaufen“ hat Präsident Barack Obama trotz Avancen in Richtung Moslems seine wichtigsten Verbündeten vor den Kopf gestossen.

In Ägypten hat er entscheidend zum Sturz Hosni Mubaraks beigetragen und den jetzigen „starken Mann“, Präsident Al Sisi, zum Militärdiktator erklärt. Mit Israel befinden sich die Beziehungen seit Jahren auf einem Tiefpunkt und gewiss nicht nur wegen dem demokratisch gewählten Ministerpräsidenten Benjamin Netanjahu. US Aussenminister John Kerry macht vorsorglich Israel verantwortlich, falls der amerikanische Kongress den Wiener Atomvertrag ablehnen sollte. Israel werde in der Welt noch mehr isoliert und diffamiert sein.

Netanjahu wird „Angstmache“ vorgeworfen. Die Amerikaner wollen den Israelis verbieten, Angst vor dem Iran und seinem Atomprogramm zu haben, obgleich Teheran täglich tödliche Drohungen gegen das „zionistische Gebilde“ veröffentlicht, mit und ohne Atomprogramm. „Tod Israel!“ wird da von Khatemi und auf der Strasse skandiert. In Youtube-Filmchen wird demonstriert, wie Tel Aviv in Flammen aufgeht. Obama kann sich wohl nicht vorstellen, dass Juden/Israel derartige Rhetorik seit Hitler, Gamal Abdel Nasser, Hisbollah-Chef Hassan Nasralla und der Hamas mit Millionen Toten bezahlen mussten. Solange Israel der einzige Staat der Welt ist, dem diplomatisch in der UNO, militärisch und mit täglichen Terroranschlägen die Auslöschung angedroht wird, verlässt sich Israel nur auf sich selber. Trotz enger Kooperation mit den USA seit 1970, hat Israel niemals ein Verteidigungsbündnis unterzeichnet. Und Israel vertieft bewusst seine Beziehungen mit Indien, China, Singapur und auch mit Russland. Da gibt es auch militärische Zusammenarbeit. Doch neben der Beteiligung an Ausstellungen ist das wahre Ausmass der Kooperation streng geheim.

Das alles gilt umso mehr für Russland. 1990 sind immerhin eine Millionen Russen nach Israel eingewandert. Der bisherige Aussenminister Israels, Avigdor Lieberman, konnte ohne Dolmetscher mit Putin reden. Beide Länder teilen auch gemeinsame Interessen, über welche nicht offen geredet werden kann oder darf. Beide wünschen ein politisches Überleben des syrischen Präsidenten Baschar Assad. Die Russen rüsten seit Jahrzehnten das syrische Regime militärisch auf und verfügen in Tartus über ihren einzigen Militärhafen im Mittelmeer. Für Israel ist Syrien zwar ein grausamer Erzfeind. Aber die Assads haben seit 1973 das Entflechtungsabkommen auf den Golanhöhen (fast) ohne Verletzungen eingehalten. Die Alternativen wären IS, Al Nusra, El Kaeda oder sonstige Extremisten, auf die keinerlei Verlass ist. Syrien und weiter westlich die Hisbollah werden bekanntlich auch von Iran unterstützt, mit Waffenlieferungen, Raketen, Beratern und Revolutionsgarden.

Goodbye Washington, hello Moscow
Diese Konstellation nutzt Putin jetzt, um sein Land anstelle der Amerikaner in Position zu bringen. Gemäss dem Motto „Goodbye Washington, hello Moscow“, wie der Christian Science Monitor titelte, traf sich Putin mit dem ambitionierten saudischen Verteidigungsminister Prinz Mohammed bin Salman. Putin bot angeblich militärisches Gerät, damit die Saudis ihre Abhängigkeit von den Amerikanern mindern könnten. Er empfahl den Saudis, von ihrer Unterstützung der Rebellen in Syrien zu lassen, während er gleichzeitig versprach, auf Iran Druck auszuüben, die Huthi-Rebellen im Jemen fallen zu lassen. Die Saudis fühlen sich durch die Huthis akut bedroht und führen einen erbarmungslosen Krieg im Jemen, ihrem „Hinterhof“.

In Teheran ruft niemand „Tod den Russen!“. Das Atomabkommen wird allein den Amerikanern angelastet, während die Russen dem Iran sogar beim Atomprogramm mit dem zivilen Reaktor in Buscheir geholfen haben. Eine Annäherung der Saudis an Russland könnte deren Widerstand gegen das Atomkommen mindern. Das entspricht einem Interesse Teherans. Für Moskau kommen noch gewaltige wirtschaftliche Interessen hinzu, wie der Bau russischer Atomreaktoren in Saudi Arabien oder der Lieferung von S-300 Luftabwehrsystemen an Iran.

Die Russen haben keine moralischen Hemmungen wie der Westen und sind deswegen freier in der Wahl ihrer Partner und Verbündeten.

Welche Auswirkungen dieser russische Vorstoss auf Israel und seine Interessen zu Syrien, Saudi Arabien oder Iran haben werden, lässt sich nicht absehen, wie Experten im israelischen Fernsehen sagten. Putins Initiative wird mit Interesse verfolgt, zumal sie das strategische Gefüge im Mittleren Osten auf den Kopf stellen könnte.

Da Israel den Amerikanern (oder der EU) kaum mehr vertraut, weil die sich in Sachen Zwei-Staaten-Lösung und Siedlungspolitik ideologisch deutlich gegen Israel gestellt haben, wäre eine russische Vormachtstellung in Nahost eine neue und in jedem Fall beachtenswerte Entwicklung.

Über Ulrich W. Sahm

Ulrich W. Sahm, Sohn eines deutschen Diplomaten, belegte nach erfolgtem Hochschulabschluss in ev. Theologie, Judaistik und Linguistik in Deutschland noch ein Studium der Hebräischen Literatur an der Hebräischen Universität in Jerusalem. Seit 1975 ist Ulrich Sahm Nahost-Korrespondent für verschiedene deutschsprachige Medien und berichtet direkt aus Jerusalem.

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