Am Freitag, 3. Juli 2015, hatte der angeblich 17 Jahre alte Palästinenser Muhammad Hani al-Kasba nahe dem Grenzübergang Kalandia im Norden Jerusalems „aus nächster Nähe“ Felsbrocken auf das Auto des Kommandeurs der Benjamin Brigade, Col. Yisrael Shomer, geworfen und dabei die Windschutzscheibe zertrümmert.

Shomer und weitere Soldaten verliessen das Fahrzeug, feuerten Warnschüsse in die Luft und forderten Kasba auf, das Steinewerfen zu unterlassen. Als er weiter machte, schoss ihm Shomer in die Brust. Kasba erlag seinen Verletzungen im Hospital.

Foto IDF
Foto IDF

So eine erste Darstellung des Vorfalls. Inzwischen hat die linksgerichtete Organisation Betzelem das Video einer Sicherheitskamera der Tankstelle an jener Strassenkreuzung erhalten. Da ist zu sehen, wie eine kleine Figur am Bildrand, also Kasba, auf den Militärjeep Shomers zugeht, einen Stein wirft und wegrennt. Das Fahrzeug hält an, drei Figuren, darunter der Colonel, steigen aus und rennen hinter dem fliehenden Palästinenser her. Was dann passiert, ist ausserhalb des Blickwinkels der Sicherheitskamera. Nach wenigen Sekunden kehren die drei Figuren, die Soldaten, zurück und fahren davon.

Militärsprecher hielten trotz des Films von Betzelem daran fest, dass Shomer sich den Regeln entsprechend verhalten habe. Der Palästinenser, Kasba, habe ihren Rufen, nicht Folge geleistet und störte sich nicht an den Warnschüssen. Als er sich umgedreht habe, sah Shomer angeblich, dass er „etwas“ in der Hand hielt. „Das hätte auch eine Handgranate sein können“, sagte einer der Sprecher im Rundfunk. Daraufhin habe Shomer auf Kasba geschossen.

Betzelem warf den Soldaten vor, sich nicht um den auf der Strasse liegenden Verwundeten gekümmert zu haben, sondern sofort zu ihrem Fahrzeug zurückgekehrt zu sein. Hierzu argumentierten die Sprecher, dass sich in der Gegend Hunderte Palästinenser aufgehalten hätten. In dem Sicherheitsvideo ist tatsächlich zu erkennen, wie Dutzende Palästinenser in Richtung des Verwundeten rennen. Für die drei Soldaten hätte es Lebensgefahr bedeutet, nach dem Zwischenfall bei dem Verwundeten zu bleiben. Innerhalb weniger Minuten, so die Augenzeugenberichte, sei der Verwundete in ein Krankenhaus abtransportiert worden. Dort konnte nur noch sein Tod festgestellt werden.

Eine erste Untersuchung der Militärs ergab, dass sich Shomer „entsprechend der Regeln“ verhalten habe. Westliche Medien und die Palästinenser berichteten: „Israelische Soldaten erschiessen palästinensischen Teenager“. Romantisierend hiess es, dass er keine Steine geworfen, sondern die Sperrmauer erklommen habe, um (mangels israelischer Einreiseerlaubnis) nach Jerusalem zu wechseln und dort in der El Aksa Moschee zu beten. Der britische Independent lieferte sogar ein entsprechendes Foto, wie Palästinenser mit Leitern die Mauer überwinden.

"Märtyrer" Kasba. Foto Facebook
„Märtyrer“ Kasba. Foto Facebook

Die Palästinenser veröffentlichten derweil ein Bild des „Märtyrers“, dem „unschuldig“ getöteten, minderjährigen Bartträger. Der wurde abgelichtet mit einem grossen automatischen Gewehr im Arm. Ein Militärsprecher bestätigte auf Anfrage, dass die Familie Kasbas „bekannt“ und das Foto mit dem Gewehr „echt“ sei. Kasba war also gewiss nicht nur ein einfacher „Protestler“, wie europäische Zeitungen berichteten. Auch Behauptungen, wonach er sich ganz unschuldig auf dem Weg zu Gebet in Jerusalem befand, wurde durch den Sicherheitsfilm und palästinensische Augenzeugen entkräftet. Es stellte sich heraus, dass zwei seiner Brüder während der zweiten Intifada im Jahr 2002 ums Leben gekommen seien.

Zu seinem Begräbnis im Flüchtlingslager Kalandia bei Ramallah erschienen bewaffnete vermummte Mitglieder der El-Aksa-Brigaden, dem „bewaffneten Arm“ der Fatah-Partei.

Während sich für die Palästinenser eine Untersuchung erübrigt und Kasba mit kämpferischen Plakaten als „Märtyrer des palästinensischen Widerstandes“ gefeiert worden ist, gehört beim israelischen Militär eine eingehende Prüfung von Vorfällen mit tödlichem Ausgang zum Standard.

Die NGO Betzelem behauptet vorsorglich, dass den Militäruntersuchungen nicht zu trauen sei: „Die Schüsse auf Ali-Kosba waren ungerechtfertigt und ungesetzlich.“ Bei Betzelem muss man wohl lange suchen, bis man einen Fall findet, bei welchem genauso bestimmt festgestellt wird, dass Schüsse von Israelis auf einen Palästinenser „gerechtfertigt waren und dem Gesetz entsprachen“. Bemerkenswert ist, wie Betzelem hier ein klares Urteil fällt, ohne Colonel Shomer oder israelische Stellen befragt zu haben.

Als Kasba nach dem Steinwurf weggelaufen war, habe er keine tödliche Gefahr mehr für die verfolgenden Soldaten bedeutet, behauptet Betzelem. „Ein Gefühl von Gefährdung rechtfertigt noch längst keine tödlichen Schüsse auf einen Fliehenden.“

Weiter schreibt Betzelem, dass die Soldaten „gegen grundlegende menschliche Moral“ verstossen hätten, indem sie dem Angeschossenen medizinische Hilfe versagt hätten. Die NGO beklagt auch, dass die sofortige Solidarität mit dem schiessenden Offizier durch seine Vorgesetzten ein falsches Signal für israelische Soldaten setzte. Es legitimiere Schüsse auf jegliche palästinensischen Steinewerfer, selbst wenn sie schon auf der Flucht seien und keine Gefahr mehr darstellten.

Während eine richterliche Untersuchung des Militärs noch aussteht, ist bemerkenswert zu beobachten, wie manche Medien ohne Prüfung nach dem Vorfall Dinge berichteten, die sich als falsch herausgestellt hatten. Selbstverständlich werden keine Richtigstellungen veröffentlicht. Bedenklich stimmt auch das einseitige „Urteil“ der NGO Betzelem und das vorsorgliche Misstrauen gegen die noch ausstehende militärische Untersuchung. Bei der UNO und Menschenrechtsorganisationen wie Amnesty International wird den Behauptungen von Betzelem unkritisch Glauben geschenkt, jedenfalls mehr, als offiziellen Verlautbarungen der israelischen Regierung oder des Militärs.

Über Ulrich W. Sahm

Ulrich W. Sahm, Sohn eines deutschen Diplomaten, belegte nach erfolgtem Hochschulabschluss in ev. Theologie, Judaistik und Linguistik in Deutschland noch ein Studium der Hebräischen Literatur an der Hebräischen Universität in Jerusalem. Seit 1975 ist Ulrich Sahm Nahost-Korrespondent für verschiedene deutschsprachige Medien und berichtet direkt aus Jerusalem.

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1 KOMMENTAR

  1. Es ist auffällig, dass Täter dieser Sorte posthum nicht selten eine wundersame Verjüngung erfahren. Bei vielen Menschen mit entsprechenden Erwartungshaltungen scheint dies sehr gut anzukommen. Was, genau betrachtet, auf diese ein überaus bezeichnendes Schlaglicht wirft.

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