Der Umgang mit Kirchenschändung in Israel

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Brandanschlag auf Kirche am See Genezareth. Foto Fire and Rescue Services/TOI
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In der Nacht zum Donnerstag haben Unbekannte einen Brand in der berühmten Brotvermehrungskirche in Tabgha am See Genezareth gelegt und hebräische Graffiti hinterlassen: „Götzendiener werden ausgerottet“.

Ein 75 Jahre alter Priester und eine 19-jährige Volontärin erlitten leichte Rauchverletzungen. Fünf Teams der Feuerwehr von Tiberias waren schnell zur Stelle und konnten den Brand unter Kontrolle bringen, ehe er auf das Kirchengebäude übergegriffen war. Der Empfangsraum, ein Andenkenladen und ein Büro der deutschen Benediktiner war durch die Flammen zerstört worden.

Am Donnerstag beherrschte der Überfall die Nachrichten in den israelischen Medien.

Innerhalb von Stunden hatte die Polizei eine Gruppe von 16 Talmudschülern aus dem Zentrum Israels verhört und wieder freigelassen, weil sich kein Zusammenhang zu der Tat herstellen liess. Der Polizeiminister wies die Polizei an, der Aufklärung dieser Kirchenschändung höchste Priorität einzuräumen. Premierminister Benjamin Netanjahu verurteilte die Schändung mit scharfen Worten und wies seinen Geheimdienstchef Josef Pardo an, mit dem Inlandsgeheimdienst Schin Beth die Täter ausfindig zu machen. Politiker aller Fraktionen, der Regierungskoalition wie der Opposition verurteilten die Tat. Im Rundfunk und Fernsehen kamen der Prior der Kirche in Tabgha und der hebräisch sprechende stellvertretende Vize-Patriarch David Neumann zu Wort. Sie riefen die Christen auf, gerade jetzt das Heilige Land zu besuchen. Es bestehe keine Gefahr. Beide riefen die Religionsführer der drei monotheistischen Religionen auf, Toleranz, Respekt und gegenseitiges Verständnis vor allem jungen Menschen zu predigen.

Einfache Israelis seien aus Tiberias gekommen, um vor der Kirche zu weinen. Tabgha zieht Pilger an und gilt neben Kapernaum als einer der wichtigsten Wallfahrtsorte im Norden Israels.

Der deutsche Botschafter Andreas Michaelis fuhr sofort nach Tabgha, um dort seine Abscheu zu äussern. Seine Worte wurden in allen israelischen Medien zitiert. Zuvor hatte die deutsche Botschaft in Tel Aviv eine Verurteilung veröffentlicht: “Es muss sichergestellt werden, dass diese Einrichtungen in Israel, ebenso in Deutschland und Europa, geschützt sind und bleiben.” Da Diplomaten bekanntlich ihre Worte gut auswählen, klingt es, als wäre der Schutz “dieser Einrichtungen” in anderen Ländern weniger bedeutsam.

Dieser Ansicht scheinen sich auch die deutschen Medien angeschlossen zu haben. Dem Anschlag im israelischen Tabgha, mutmasslich durch jüdische Extremisten, haben sie grosse Schlagzeilen gewidmet. Sie sind sogar über die Täter besser informiert, als die israelische Polizei. Die Täter seien „Siedler“, obgleich es Extremisten mit Hass auf Christen und andere Nicht-Juden durchaus auch in Israel gibt und nicht nur unter den „Siedlern“ in den besetzten Gebieten.

Anschläge auf christliche Kirchen in anderen Ländern
In deutschen Medienberichten fällt auf, dass der Anschlag in Israel eine überproportionale Beachtung findet. In der gleichen Woche gab es jedoch auch Anschläge auf christliche Kirchen in anderen Ländern, mit ungleich schlimmeren Folgen. Die Identität der mutmasslichen Täter scheint in Deutschland grössere Bedeutung zu haben, als die Folgen des Anschlags, zumal es in Israel keine Toten und nur Sachschaden gegeben hat.

In Lahore in Pakistan sprengte ein Selbstmordattentäter in einer gefüllten Kirche eine Bombe und tötete 17 Menschen. Er verletzte 80, während vor der Kirche ein Kumpane mit dem Maschinengewehr schoss. In der Schlagzeilen wurde erwähnt, dass zwei Helfer der Terroristen zu Tode gelyncht worden seien.

In Charleston in den USA erschoss ein Weisser 9 Menschen in der schwarzen Emanuel AME Church.

Ein Report beschuldigte Syriens Assad-Regierung, 40 Attacken auf Kirchen durchgeführt zu haben, darunter auf das Mar Elias Kloster, dessen Prior entführt worden sei. In Homs sei die römisch-katholische “Lady of Peace” Kirche sechs Mal mit Mörsern und Raketen angegriffen worden. Eine Mine in der Kirche habe einen Mann getötet.

Am Donnerstag seien nach Angaben der Nachrichtenagentur Aina ein assyrischer Priester und ein Dekan aus dem Mar Ilyan al-Sharqi Kloster entführt worden, darunter der Prior des Klosters, Fr. Jacques Murad. Von den 2013 in der Gegend von Aleppo entführten assyrischen und griechischen Bischof fehlt bis heute jede Spur. Ebenso seien der syrisch-orthodoxe und der griechisch orthodoxe Erzbischof, Paul Yazigi und Yohanna Ibrahim, während “humanitärer Hilfe” aus dem Dorf Dael von “terroristischen Gruppen” entführt worden.

Die nigerianische Terror-Gruppe Boko Haram habe zwei Dörfer im benachbarten Niger angegriffen, darunter Kirchen, und 40 Menschen getötet. Insgesamt habe Boko Haram 13.000 Menschen getötet und 1,5 Millionen in die Flucht getrieben.

Während deutschsprachige Medien und sogar der Vatikan weitgehend schweigen, findet man in englischsprachigen Medien noch unzählige weitere Attacken auf Christen und ihre Gotteshäuser.

In der zentralafrikanischen Republik seien 8 Kirchen, Missionszentren und eine unbekannte Zahl christlicher Heime in der Provinz Nana Grebizi niedergebrannt worden nach Attacken schwerbewaffneter muslimischer Fulami Hirten.

In Ägypten wurden zahlreiche koptische Kirchen verbrannt und angegriffen, was zu einem Exodus einer der ältesten christlichen Gemeinschaften geführt hat. Im Irak haben Islamisten von IS nicht nur chaldäische Kirchen aus dem 10. Jahrhundert, sondern auch Heiligtümer aus den letzten 3000 Jahren zerstört. Die meisten Christen im Irak sind geflohen, wenn sie vorher nicht ermordet worden sind. In den deutschen Medien macht sich niemand die Mühe, die Massaker, Vertreibungen und Zerstörungen christlicher Kulturgüter einzeln zu verfolgen.

Diese Liste lässt sich noch beliebig ausweiten auf Kenia, Libanon, Libyen, wo 21 koptische Christen von dem IS am Strand geköpft worden sind, Uganda, und andere Länder.

Über Ulrich W. Sahm

Ulrich W. Sahm, Sohn eines deutschen Diplomaten, belegte nach erfolgtem Hochschulabschluss in ev. Theologie, Judaistik und Linguistik in Deutschland noch ein Studium der Hebräischen Literatur an der Hebräischen Universität in Jerusalem. Seit 1975 ist Ulrich Sahm Nahost-Korrespondent für verschiedene deutschsprachige Medien und berichtet direkt aus Jerusalem.

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