Jesidiische Flüchtlingen im Irak, August 2014. Foto DFID - UK Department for International Development/ Rachel Inkovic/International Rescue Committee.
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Vor fast einem Jahr waren die globalen Medien und die öffentliche Meinung in Aufruhr über die humanitäre Krise und den Beinahe-Völkermord, dem sich die jesidische Bevölkerung im Nordirak gegenüber sah, als dieser bei dem Vormarsch des Islamischen Staates in die Region Sindschar in dessen Hände fiel.

Damals berichteten die wichtigsten westlichen Medien über die Massaker des IS an den Jesiden, über die Versklavung und Vergewaltigung von jungen Jesiden-Frauen und Mädchen und über andere Gräueltaten, die die jesidische Minderheit im vergangenen Sommer zu erleiden hatte.

Allerdings wurden seit August 2014 die Luftangriffe gegen den IS Schritt für Schritt reduziert, bis sie vollständig aufhörten. Die humanitäre Hilfe hat sich ebenso verlangsamt. Die IS-Kämpfer streunen immer noch durch das Land, und die Kämpfe im Irak sind immer noch weit verbreitet eine tägliche Realität. Hat die Internationale Gemeinschaft das notleidende Volk der Jesiden vergessen?

In einem Telefoninterview sprach am Dienstag, 26. Mai, die Nachrichtenagentur Tazpit mit Mirza Ismail, einem Jesiden-Führer und Leiter der „Yezidi Human Rights Organization – International“. Ismail gab einen Bericht aus erster Hand über die aktuelle Situation und die Not der Jesiden, die sich noch im Nordirak und der Region Sindschar befinden.

„Das Schicksal der jesidischen Nation ist sehr schlimm und immer noch eine aktuelle humanitäre Krise“, berichtete Mirza Ismail aus dem Irak. „Im Moment bin ich im Nordirak, ich besuchte zuvor den Mount Sindschar und kam wieder zurück. Überall habe ich die jesidischen Flüchtlingslager wie Khanke, Sharyia und Esia besucht, um die aktuelle Situation mit eigenen Augen zu sehen.“

„Ganz allgemein versucht unsere Organisation die humanitäre Krise und die Not der jesidischen Nation und ihrer Flüchtlinge im Bewusstsein der Medien, Länder und Politiker wachzuhalten und um Hilfe und Unterstützung zu bitten“ erklärte Ismail.

„Gerade jetzt arbeitet die jesidische Menschenrechtsorganisation am Versuch, Flüchtlinge, die derzeit in Lagern von der Türkei bis Kanada sind, wieder anzusiedeln. Bislang hat Deutschland 80 jesidische Mädchen aufgenommen und gewährte ihnen Asyl. Deutschland hat zugesagt, insgesamt 1.000 Jesiden aufzunehmen. Wir hoffen, dass andere westliche Länder sich ein Beispiel an Deutschland nehmen und jesidischen Flüchtlingen Asyl gewähren und sie aufnehmen. “

Über 50.000 Flüchtlinge
Laut einem Menschenrechtsbericht der Vereinten Nationen hat die IS-Kampagne gegen die Jesiden zwischen Juli und September 2014 zu mehr als 50.000 Flüchtlingen und mehreren Tausend Getöteten geführt. Tausende Jesiden flohen in das Sindschar-Gebirge und sahen sich dort auf einmal gestrandet und von IS-Streitkräften belagert. Diese unmittelbare Gefahr eines Völkermord-Massakers wurde nur durch die US-Luftangriffe und die Abwürfe humanitärer Hilfspakete auf das Sindschar-Gebirge verhindert.

Ismail teilte Tazpit mit, dass noch 12.000 Jesiden im Sindschar-Gebirge aufgehalten werden, die meisten von ihnen Kinder und ältere Menschen. Viele der Kinder sind Waisen der Jesiden-Kämpfer, und diese wurden vom Islamischen Staat massakriert. „Sie leben in sehr schlechten humanitären Bedingungen,“ bemerkte Ismail.

„Es gibt hier keine medizinische Betreuung und die Menschen leiden an Krankheiten. Sie haben Angst, vom Berg herunter zu kommen.“ „Sie haben Angst vor dem Islamischen Staat, Angst, getötet zu werden, wie es ihren Familien und Freunden ergangen ist, und sie haben kein Vertrauen in die irakischen Soldaten und in die irakische Regierung“, sagte er.

Ismail erklärte daraufhin die Ursprünge dieses Misstrauens der Jesiden und sagte: „Der Irak verfolgte und diskriminierte ebenfalls die Jesiden und liess den Völkermord an den Jesiden geschehen. Sie haben die Jesiden zum Abschlachten freigegeben.“

„Es gibt immer noch Gewalttaten und Morde an Jesiden, erst vor zwei Wochen wurde ein junger Jeside gefunden, der an einen Baum gefesselt und zu Tode verstümmelt war, ein anderer verschwand aus dem Eisa-Lager und wurde später tot gefunden.“

Mirza Ismail mit freiwilligen  Jeisidischen Kämpfern. Foto  Mirza Ismail/Tazpit News Agency
Mirza Ismail mit freiwilligen Jeisidischen Kämpfern. Foto Mirza Ismail/Tazpit News Agency

Laut Mr. Ismail gibt es zurzeit insgesamt 430.000 Jesiden, die meisten von ihnen leben in Flüchtlingslagern im Nordirak und in der Türkei unter unerträglichen Lebensbedingungen. „Wenn der Sommer kommt, wird das Leben sicherlich sogar noch schwieriger als jetzt. Die heissen Wetterbedingungen im Nordirak können schwerwiegend sein, und es gibt nicht einmal einen einzigen Ventilator, um den Menschen Kühlung zu bieten.“

Ismail malt ein düsteres Bild von der aktuellen Lage der Flüchtlinge in nordirakischen Lagern und beschreibt eine immer grössere Not bei denen, die immer noch im Sindschar-Gebirge abgeschnitten sind.

„In den nördlichen Lagern haben sie [die jesidischen Flüchtlinge] in den letzten 2 bis 3 Monaten keine Entlastung oder Hilfe erhalten.“ sagte Ismail.

„Es gibt eine UN-Präsenz; Ich habe UNICEF dort gesehen; ich habe gehört, dass Ärzte ohne Grenzen vielleicht dort aktiv sind. Allerdings hat keine einzige Organisation Hilfe in das Sindschar-Gebirge geschickt. Es sind vor allem die Kinder, die am meisten leiden, sie haben keinen Unterricht, keine Lehrer kommen, die Kinder leiden an Unterernährung, mit weniger als zwei Mahlzeiten am Tag.“

Ismail erzählte Tazpit, dass sich ein allgemeines Gefühl der Hoffnungslosigkeit und der Angst sowohl auf dem Sindschar-Gebirge wie auch in den Flüchtlingslagern verbreitet. Es gibt Berichte darüber, dass Jesiden vergewaltigt, ermordet und in die Sklaverei verkauft werden. Noch im Mai behauptete der IS, dass 300 Jesiden in der Nähe von Mosul ermordet wurden. Diejenigen, die den Massakern entfliehen konnten, sind von schlechten Wetterbedingungen, Krankheiten und Hunger bedroht.

„Wenn ich sterbe, dann sterbe ich eben“

„Es gibt Menschen, die dringend eine Operation benötigen, ich traf mindestens zehn Jesiden, die unbedingt lebensrettende Operationen benötigen, aber keinen Zugang zu Ärzten haben. Ich traf ein junges Mädchen, das auf eine notwendige Operation wartete und mir sagte ‚Wenn ich sterbe, dann sterbe ich eben‘, die Menschen verlieren jede Hoffnung“.

„Sie brauchen internationale Hilfe im Sommer, um hier zu überleben.“ sagte Ismail und betonte die Notwendigkeit von Aktivitäten der Internationalen Gemeinschaft, praktische humanitäre Hilfe für die Region Sindschar bereitzustellen und Flüchtlingen Asyl zu gewähren.

Ismail fügte seinem Bericht eine jüdische Perspektive hinzu und sagte im Gespräch mit der Agentur Tazpit „In Kanada arbeite ich eng mit Mrs. Rananah Goldhar [eine starke jüdische pro-israelische Aktivistin in Toronto], die ihr Bestes gibt, um Bewusstsein und Aktivitäten für die Jesiden zu fördern, um sie vor den schrecklichen Grausamkeiten, die sie bedrohen, zu retten.“

„Meine Organisation arbeitet daran, die kanadische Regierung zu beeinflussen, dass sie Flüchtlinge und Asylbewerber aufnimmt, zumindest jene Jesiden mit Verwandten in Kanada.“

Wobei Tausende im Sindschar-Gebirge feststecken, fern jeder humanitären Hilfe. Zehntausende gibt es darüber hinaus in den zugänglichen Flüchtlingslagern, die nach Auskunft von Ismail – wenn überhaupt – nur begrenzte Unterstützung erhalten. Und dann die immer noch vorhandene Bedrohung durch den Islamischen Staat. Es scheint nach dem Augenzeugenbericht von Ismail, dass die jesidische humanitäre Krise noch lange nicht beendet ist.