In der vermeintlich “sterilen” Schuhada Strasse in Hebron unterhält sich ein illegaler jüdischer Siedler mit einem arabischen Andenkenhändler, den es in der vermeintlich “sterilen” Strasse dort gar nicht gibt. Auch die Autos im Hintergrund sind offensichtlich eine optische Täuschung, wenn man der NZZ und Jehuda Schaul glauben darf. Foto Gershon Elinson/Flash90

Die NZZ hat zum Auftakt der Eröffnung der Ausstellung „Breaking the Silence“ (Schweigen brechen) in Zürich eine erneute einseitige Reklame für den Erfinder der Ausstellung, Jehuda Schaul, veröffentlicht.

Sehr treffend hat David Signer für die NZZ vom Donnerstag die gespenstische Stimmung im Stadtzentrum von Hebron beschrieben: Menschenleere Strassen, schwerbewaffnete Soldaten, verfallende Häuser.

Signer beschreibt den grausamen Amoklauf des Baruch Goldstein als Wende. Der Siedlerarzt hatte im Februar 1994 im Grabmal des Erzvaters Abraham ein Massaker an 29 betenden Moslems verübt und 125 weitere verletzt, ehe er – mit einem Feuerlöscher überwältigt – getötet wurde.

Signer behauptet: „Israel hätte diese Siedler mitten in Hebron nach Baruchs Gewaltexzess evakuieren können. Das Gegenteil passierte. Die Palästinenser bezahlten für Baruchs Tat. Die arabischen Altstadtbewohner wurden vertrieben, um die paar hundert militanten Siedler zu schützen.“

Gemäss dieser Logik dürfte es kaum noch Palästinenser im Westjordanland geben, falls Signer meint, dass die Israelis nach jedem palästinensischen „Gewaltexzess“ genauso Palästinenser aus Jerusalem, Ramallah oder Bethlehem „evakuieren“ sollten. Und an Gewaltexzessen gegen Israelis ermangelte es nun wirklich nicht, weder vor, während oder nach der blutigen Intifada ab Herbst 2000. Aber es ist gut zu wissen, dass ein Autor der NZZ der Meinung ist, dass eine komplette Minorität wegen einem Gewaltexzess einfach vertrieben werden könnte.

Signers Führer Jehuda Shaul ist nicht nur in einer orthodoxen Familie aufgewachsen. Er trägt bis heute eine Kipa auf dem Kopf und stammt aus einer Familie, die selber in Hebron lebte und 1929 bei dem arabischen Pogrom mit 64 jüdischen Ermordeten aus der „Stadt der Erzväter“ vertrieben worden ist. Seine Schwester lebt heute noch, mit einem der Siedler verheiratet, mitten in Hebron.

Siedlungen
Weiter schreibt Signer: „Nach dem Jom-Kippur-Krieg 1973 erstellte man neue Siedlungen in der Innenstadt.“ Diese Formulierung findet man oft in deutschsprachigen Medien. Was heisst hier „erstellte Siedlungen“? Gemeint sind natürlich einzelne Wohnungen oder Häuser, nicht aber ganze Ortschaften mitten in einer Stadt. „Siedlungen“ hat eben einen negativen Beigeschmack im Zusammenhang mit Israel, aber nicht bei germanischen Pfahlhäusern am Bodensee.

Das deutsche Wikipedia bringt eine Liste der „Siedlungen“ in Hebron:

  • Beit Hadasa (seit 1979); Wohnhaus mit zehn Familien
  • Beit Romano (seit 1983); Talmudhochschule mit 250 Studenten
  • Tel Rumeida (seit 1984); Wohnhaus mit 15 Familien
  • Beit Hasson; Wohnhaus mit sechs Familien
  • Beit Castel; Wohnhaus mit einer Familie
  • Beit Schneerson; Wohnhaus mit sechs Familien und Kindergarten mit 30 Kindern
  • Beit Fink
  • Beit haSchischa (seit 2000); Wohnhaus mit sechs Familien
  • Beit Avraham Avinu, auf Arabisch Hay Al-Yahud (Jüdisches Haus), an der Stelle der alten Synagoge und von Siedlern erworben von Juden, die 1492 aus Spanien vertrieben und sich in Hebron niedergelassen hatten. Auch Jehuda Shaul zählt zu ihnen.

„Beit“ ist das hebräische Wort für Haus. Also ist eine „Siedlung“ nur ein Haus mit einer oder mehreren Familien.

Weiter geht es mit der Behauptung: „1980 kam es zum ersten tödlichen Anschlag auf einen jüdischen Zivilisten in der Stadt, dem weitere folgen sollten.“

Hier hilft das englische Wikipedia. Da wird am 9. Oktober 1968 die Granate erwähnt, von einem 17 Jahre alten Palästinenser geworfen, die 17 Juden im Abrahamsgrab verletzt habe, dort, wo 1994 Goldstein sein Massaker an Moslems verübte. Am 29. Dezember 1968 attackierten Palästinenser einen israelischen Sicherheitsposten. 1976 verletzten Palästinenser mit Schüssen zwei Juden in einem Bus und am 3. Oktober stürmten Palästinenser das Abrahamsgrab,um Torarollen zu entweihen.

Signer hat das alles wegzensiert. Es handelte sich um Angriffe von Palästinensern auf die wenigen jüdischen „Siedler“ im uralten jüdischen Viertel im Stadtzentrum, aus dem sie beim Pogrom von 1929 vertrieben worden waren. Araber hatten inzwischen die jüdischen Häuser übernommen. Bis heute kann man in arabischen Wohnungen Davidsterne als Schlussstein in Gewölben oder die typischen Einbuchtungen in den Türpfosten sehen, wo Juden früher eine „Mesusa“ angebracht hatten.

Schon vor Goldsteins Massaker wurde die Lage im Zentrum Hebrons immer angespannter. Nach einem von der NZZ nicht erwähnten Massaker 1980 an 6 Jugendlichen auf der Strasse und 20 Verletzten, haben die Israelis das Wohnhaus geschliffen, das den Angreifern als Stellung diente. Die arabischen Familien aus den benachbarten ehemals jüdischen Häusern wurden vertrieben. Nach zahllosen weiteren Zwischenfällen wurden der zentrale Marktplatz und ein Busbahnhof gesperrt. Die Liste der Vorfälle zeigt allerdings, dass die Schliessungen und Vertreibungen den Angriffen von Palästinensern folgten.

Signer bleibt weiter ungenau. „Es gibt die Zone H2, den jüdischen Teil, der prinzipiell aus der Siedlung Kiryat Arba besteht, und H1, den palästinensischen Teil.“ Tatsache ist, dass die Stadt Kirjat Arba ausserhalb Hebrons liegt und deshalb nicht Teil des vertraglich mit den Palästinensern ausgehandelten H2 Gebiets ist. Im grösseren H1 Gebiet ist übrigens seit der offiziellen Übergabe 1997,von Benjamin Netanjahu in Wye Plantation ausgehandelt, die palästinensische Autonomiebehörde mit eigenen Polizeikräften verantwortlich.

„Das Problem ist aber vor allem die Altstadt, die eigentlich zum arabischen Territorium gehören würde.“ Obwohl Signer für die NZZ berichtet, gehört es nicht zu den Aufgaben eines Journalisten, ausgehandelte und unterzeichnete Verträge umzuschreiben. Es gibt Stadtpläne, in denen die Grenzen eingezeichnet sind, was palästinensisches Gebiet ist und was von Israel kontrolliert wird, aber laut Signer „eigentlich“ zum „arabischen Territorium“ gehört.

Die sterile Strasse
Signer fährt fort mit Details, die ihm Shaul bei der Führung erzählt hat. So sei die Schuhada-Strasse im Zentrum Hebrons „steril“. Tatsächlich ist sie für Autoverkehr weitgehend gesperrt. Aber Schaul, Signer und andere Touristen dürften sie entlang gegangen sein, ebenso wie Palästinenser, die dort bis heute Andenkenläden betreiben. Erwähnt wird sogar ein Jogger. Ebenso kehren durch die „sterile Strasse“ palästinensische Schüler von ihrer Schule im israelischen kontrollierten H2 Gebiet in ihre Heime in H1 heim. Das kann man täglich beobachten, während von europäischen Kirchen finanzierte EAPPI Beobachter an den Strassenecken stehen und die Kinder zählen. Ebenso tauchen im H2 Gebiet Palästinenser in der „sterilen“ Strasse auf,um Journalisten und Touristen mit Stadtplänen und sonstigen Andenken penetrant zu belästigen. Doch Signer scheint nur Siedlern begegnet zu sein, die Shauls Vergehen seiner Zeit als Kommandeur in Hebron nicht verzeihen.

Und schliesslich erwähnt Signer noch, wie er am Checkpoint angelangt sei, den Jehuda Shaul nicht passieren dürfe, weil er Israeli sei. Schade dass Signer selber auch keinen Schritt in den arabischen Teil der Stadt getan hat. Dann hätte er gesehen, wie dort im Basar das Geschäftsleben blüht und wie dort, fern aller Siedler, die Wohnhäuser vergitterte Fenster haben, weil es so üblich ist.

Über Ulrich W. Sahm

Ulrich W. Sahm, Sohn eines deutschen Diplomaten, belegte nach erfolgtem Hochschulabschluss in ev. Theologie, Judaistik und Linguistik in Deutschland noch ein Studium der Hebräischen Literatur an der Hebräischen Universität in Jerusalem. Seit 1975 ist Ulrich Sahm Nahost-Korrespondent für verschiedene deutschsprachige Medien und berichtet direkt aus Jerusalem.

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