Assads Ende?

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Assad Foto anjči / Sebastian Wallroth. Lizenziert unter CC BY 2.0 über Wikimedia Commons.
Lesezeit: 3 Minuten

Israels Probleme mit seinen Nachbarn rundum sind so kompliziert und vielfältig, dass niemand vorhersehen kann, was am nächsten Tag passiert.

Jederzeit kann eine Rakete aus dem Gazastreifen eine israelische Stadt treffen, sei es von der Hamas Organisation oder vom extremistischen Islamischen Dschihad. Auf der Sinai Halbinsel herrscht Krieg. Ägypten versucht mit schweren Waffen, die mit israelischer Zustimmung in den Sinai verlegt worden sind, Extremisten unterschiedlicher Ausrichtung zu bekämpfen, darunter die Hamas, Al-Qaida und Ableger von IS. Gelegentlich schwappt dieser Krieg nach Israel über: Raketen auf Eilat im Süden und Terroranschläge entlang der Grenze. Während die Beziehungen zu Jordanien stillschweigend gut sind, befindet sich die andere „heisse“ Front im Norden Israels, entlang der Grenzen zu Libanon und Syrien.

 Israels Nordgrenze
„Noch nie war unsere Lage gegenüber Libanon so gut wie heute“, wird Israels Verteidigungsminister Mosche Jaalon in israelischen Medien zitiert, obgleich Hisbollah-Chef Nasrallah mit Tausenden auf Israel gerichteten Raketen droht. Doch Jaalon könnte Recht haben. Ein schwitzender und verzweifelt aussehender Nasrallah hatte kürzlich zur Rekrutierung aller verfügbaren Männer im Libanon aufgerufen, um im Bürgerkrieg in Syrien zu siegen und IS aus Libanon fern zu halten. Tausende Hisbollah-Kämpfer sind im syrischen Bürgerkrieg engagiert, auf Befehl Irans, um den syrischen Präsidenten Baschar Assad zu retten. Eine zweite Front gegen Israel kann sich die Hisbollah nicht leisten.

An der syrischen Front ist die Lage schwieriger. Die „Aufständischen“ haben den Grenzübergang Quneitra erobert und die Regierungstruppen vertrieben. UNO-Beobachter haben ihre Stellungen weitgehend geräumt. Immer wieder explodieren Querschläger aus Syrien in israelisch-kontrolliertem Gebiet. Bisher gab es nur wenige Opfer. Von Israel aus kann man die Kämpfe in Syrien sehen und vor allem hören.

Assad in Bedrängnis
Alle Aufmerksamkeit ist jedoch auf den Präsidentenpalais in Damaskus gerichtet. Assad scheint es „so schlecht, wie noch nie“ zu gehen. Zwei Drittel Syriens hat er an IS verloren. Ramadi, Palmyra und Idlib sind Beispiele für verlorene Städte. Angeblich bereitet sich IS schon zum Sturm auf Assads Heimatstadt Latakije im Norden Syrien vor. Da geht es für den Präsidenten ans Eingemachte. Denn das ist eine Hochburg der Alawiten, dem Stamm der Präsidentenfamilie. Der Hafen von Latakije hat auch strategische Bedeutung, für Syrien wie für die Russen. Die unterhalten dort ihren wichtigsten Marinestützpunkt im östlichen Mittelmeer. In den vergangenen Tagen wurde bekannt, dass die Russen ihr gesamtes „nicht unabdingliches“ Personal evakuiert hätten. Ebenso wurde berichtet, dass die Russen ihre ständigen Vertreter im Sicherheitskabinett Syriens abgezogen hätten.

Die einflussreichste arabische Zeitung Aschark El Ausat behauptete schon, dass Wladimir Putin Syrien aufgeben wolle. Eine offizielle Bestätigung gibt es dafür noch nicht, aber erste Anzeichen.

Der Abwurf von Fassbomben, gefüllt mit Chlorgas oder tödlichen Metallsplittern auf die eigene Bevölkerung werden von israelischen Kommentatoren als letzte Verzweiflungsakte des bedrängten Assad Regimes gesehen. Gerüchte kamen schon über einen bevorstehenden Machtwechsel an der Spitze auf. Die Alawiten rufen nach Rifat Assad, dem für seine Brutalität bekannten Onkel von Baschar Assad.

Israel hat sich aus dem Geschehen mit Erfolg weitgehend herausgehalten und auch nie öffentlich erklärt, wen es favorisiere. Die Familie des „Schlächters“ Assad hat seit 1973 für völlige Ruhe und eine absolut dichte Grenze gesorgt. Gleichwohl wäre Israel ein „zivilisiertes“ Regime in Syrien lieber.

Israels Herausforderungen
Gelegentlich gab es in Syrien und sogar nahe Damaskus ominöse Luftangriffe auf Raketenlager. Doch Israel hat nie bestätigt, der Urheber zu sein, sodass Syrien nicht gezwungen war, darauf zu reagieren.

Israel hat derweil über zwei Tausend Verwundete des Bürgerkriegs, Schwerkranke und hochschwangere Frauen, manchmal sogar mit „Überweisungsschein“ syrischer Ärzte, aufgenommen und in Hospitälern auf Kosten des Staates behandelt. Seitdem Aufständische den Grenzübergang erobert haben, hat Israel sein Feldlazarett an der Grenze wieder abgebaut.

Demnächst könnte Israel mit einer Flüchtlingswelle konfrontiert werden. Beiderseits der Grenze leben Drusen. Das Dorf Charta auf der syrischen Seite wird von IS bedrängt. Drusen auf der israelischen Seite bangen um ihre Verwandten. Wird Israel sie im Falle eines Angriffs von IS einlassen? Bisher schweigen die Militärs und andere offiziellen Stellen, während die Medien öffentlich Fragen in den Raum stellen.

Über Ulrich W. Sahm

Ulrich W. Sahm, Sohn eines deutschen Diplomaten, belegte nach erfolgtem Hochschulabschluss in ev. Theologie, Judaistik und Linguistik in Deutschland noch ein Studium der Hebräischen Literatur an der Hebräischen Universität in Jerusalem. Seit 1975 ist Ulrich Sahm Nahost-Korrespondent für verschiedene deutschsprachige Medien und berichtet direkt aus Jerusalem.

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1 Kommentar

  1. Nun ja, kaum jemand mag Assad, aber wenn er stürzt, wird in Syrien die Hölle ausbrechen. Es wird ein islamistischer Saat entstehen und der wird ohne Minderheiten sein.
    Christen und andere werden in akute Todesgefahr kommen, im besten Falle „nur“ vertrieben werden.
    Als Israeli würde ich Assad auch nicht mögen, aber ohne ihn wird es noch weit schlimmer werden.
    Sein Sturz wäre im wahrsten Sinne des Wortes ein Pyrrhussieg.

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