Polnische Forscher untersuchen die wenig bekannte Geschichte der jüdischen Kinder, die während des Zweiten Weltkrieges von christlichen Eltern adoptiert wurden und am Kriegsende eine schwere Identitätskrise hatten. Einige lehnten es ab, zu ihren Familien oder dem Judentum zurückzukehren.

Vor dem Zweiten Weltkrieg lebten über eine Million jüdische Kinder in Polen. Nur wenige von ihnen überlebten den Holocaust, und die meisten von diesen, weil sie von nicht-jüdischen Eltern „adoptiert“ wurden. Aber aus unbekanntem Grund wurde die Geschichte dieser „Wunderkinder “ verdrängt und von den Historikern seit vielen Jahrzehnten vernachlässigt – bis Prof. Joanna Beata Michlic sich ihrer annahm.

Prof. Michlic ist polnische Jüdin, eine Sozialhistorikerin, die auf die Forschung des Holocaust und seine Auswirkungen auf Kinder und Familien spezialisiert ist. Sie startete eine Forschungsreise, um die Spuren dieser Kinder zurückzuverfolgen, durchforschte Archive jüdischer Organisationen, Waisenhäuser und Kibbuzim in Israel und sie sammelte Original-Interviews. In Israel verbrachte sie auch einige Zeit als Wissenschaftlerin im Rahmen des renommierten Fullbright – Programms, welches den akademisch-wissenschaftlichen Austausch zwischen den Vereinigten Staaten und Israel fördert.

Ihre Studie zeigt das düstere Bild einer schweren Identitätskrise – Familien, die im Laufe der Kriegswirren und am Kriegsende auseinanderfielen.

„Kindheit im Holocaust ist ein Thema, das verdrängt worden ist“ sagt Michlic über den Ausschluss von Kindheitserfahrungen innerhalb der akademischen Forschung. „Es gibt einen Streit über die Verwendung der Zeugenaussagen von Überlebenden, vor allem von Kindern, und es ist äusserst problematisch, denn wenn man die Forschung als Quelle für das historische Verständnis betrachtet, gibt es die Kinder und ihre Erfahrungen überhaupt nicht.“

Eine Geschichte des Holocaust ohne Kinder
Prof. Michlic ist die Gründerin des Hadassah – Brandeis Instituts, Dozentin an der Universität von Bristol in Grossbritannien und eine Art Mysterium. Sie ist in Polen geboren und aufgewachsen. Eine Studie über Antisemitismus in ihrem Land, an der sie als Studentin arbeitete, führte sie zu Daten, die die Geschichte jener jüdischen Kinder dokumentieren, die von polnischen Familien während des Holocaust gerettet wurden.

Warum gab es kein Interesse an dem, was die Kinder zu sagen hatten?
„Man hatte das Gefühl, dass die Informationen verzerrt waren. Zeugenaussagen von Kindern sind naturgemäss ungenau. Ihre Darstellung der Realität ist manchmal anders. Die Tatsache, dass sie jung waren lässt Historiker an ihrer Erinnerungsfähigkeit zweifeln. Ein Kind war natürlich das ultimative Opfer, und seine Zeugenaussage war ein Symbol – aber nur auf psychologischer Ebene. Historiker hatten nicht das Gefühl, dass es eine wichtige Stimme hatte, durch die die Umstände und historischen Ereignisse – und die Kindheitsgeschichte im Allgemeinen – während und nach dem Holocaust, untersucht werden sollten. Meiner Meinung nach ist es ein wichtiger Bestandteil der Quellenbenutzung. Es stimmt, dass Kinder ein anderes Zeitgefühl, eine andere Perspektive haben. Sehr kleine Kinder konnten sich nicht einmal an ihre Namen erinnern. Sie verloren ihre Identität, als sie für eine Weile nicht in der Lage waren, ihre echten Namen zu verwenden. “

Eltern verwandeln sich in Fremde
In ihrer Studie dokumentiert Prof. Michlic herzzerreissende Beschreibungen von Tragödien und Traumata, an denen die Kinder litten, die glücklicherweise mit einer falschen Identität überlebten.

„Es war so traumatisch“, sagt sie, „dass die Kinder ihre Verwandten, die ankamen, um sie nach Hause mitzunehmen, als Wildfremde betrachteten. Einige der jüdischen Kinder, die nach dem Krieg in ein jüdisches Waisenhaus in Polen überführt wurden, versuchten zu den Menschen zu flüchten, die sie für ihre Eltern hielten. Die emotionale Verbindung zwischen ihnen war in einigen Fällen sehr tief, und die Trennung war herzzerreissend.“

Wer waren die Christen, die sich jener Kinder annahmen?
„Die Herkunft der Retter war unterschiedlich. Einige kümmerten sich um sie, als wären sie ihre eigenen Kinder. Andere äusserten antisemitische Ansichten und einige waren ebenso gewalttätig gegenüber den adoptierten wie zu ihren leiblichen Kindern. Es gab auch Fälle, in denen Familien die ihnen anvertrauten Kinder ermordeten. In Häusern, wo Kinder missbraucht wurden – auch sexuell übrigens – waren diese nach dem Krieg sehr glücklich, als sie über ihre jüdische Herkunft erfuhren und weggehen konnten. In Familien jedoch, in denen sie sich geliebt und geschätzt fühlten, gab es grosse Schwierigkeiten. Einige der Eltern wussten nicht einmal, dass sie ein jüdisches Kind angenommen hatten, und die Trennung war furchtbar schmerzhaft. Für viele dauerte es Jahre, bis sie wirklich Abschied nehmen konnten.“

Michlic bemerkt zudem, dass unter dem Sowjetregime „diese Angelegenheit ein Tabuthema war. Die polnischen Familien hatten Angst, ihren Kontakt zu den Kindern der Juden zu offenbaren, und haben sie daher nicht gepflegt. Die Archive wurden versiegelt. Erst heute, als sie zu lokalen Helden ernannt wurden, kann der Sachverhalt offen diskutiert werden. Aber die meisten von ihnen sind nicht mehr am Leben, und die Beziehungen zwischen ihnen und den Kindern, die sie aufgezogen hatten, wurden auf sehr traumatische Weise zerstört.“

„Eine der wunderbarsten Quellen, um die Beziehung zu verstehen, waren Briefe, die die Kinder während des Bürgerkriegs in Polen an jüdische Organisationen schrieben, um anzufragen, ob ihre Retter in Sicherheit seien.“

Jüdische Kinder beten zur Jungfrau Maria
Die durch Michlic entdeckten Unterlagen beschrieben Dutzende Fälle, in denen es Schwierigkeiten beim Abschied von der Adoptivfamilie gab. Sara Avinun, eine der Befragten in Michlics Untersuchung, dokumentiert ihre Geschichte in dem Buch „Aufstieg aus dem Abgrund“, die Michlic als eine der stärksten und wichtigsten Schilderung der Kindheitserfahrung während des Holocaust sieht. Aber auch diese Dokumentation, sagt sie, erhielt innerhalb der Forschung der vergangenen Jahre nicht die angemessene Aufmerksamkeit.

„Sie beschreibt die Erfahrungen eines kleinen Mädchens, das sich während einer bestimmten Lebensphase – nach einer Reihe von schwierigen Erfahrungen des sexuellen Missbrauchs, der Einsamkeit und mehr – in einem christlichen Waisenhaus befand. Sie wurde von einem kinderlosen polnischen Paar aufgenommen und schuf sich eine neue Kindheit für sich selbst“, sagt Michlic.

„Nach dem Krieg, sie war neun Jahre alt, ist ihr Onkel angekommen und sie weigerte sich einfach, mit ihm zu gehen. Sie floh zurück zu ihren ‚Eltern‘, bis sie ihr Grossvater gewaltsam mitnahm. Er war ein religiöser Mensch, und weil er glaubte, dass die Kluften zwischen ihnen zu gross waren und er wollte, dass sie ihre jüdische Identität wieder akzeptiert, brachte er sie in einen Kibbuz mit anderen Kindern.“

Avinuns Geschichte endete gut. „Sie hat eine wunderbare Familie und eine jüdische Identität, aber für eine lange Zeit hielt sie Kontakt zu ihren Adoptiveltern, die nicht einmal wussten, dass sie jüdisch war. Es gab Perioden mit grossen Schwierigkeiten, einer gemischten Identität und Ablehnung gegenüber Judentum und Juden. Die Adoptivmutter weigerte sich, die Tatsache zu akzeptieren, dass die Tochter jüdisch war und sie wollte sie sogar noch viele Jahre später zurück.“

„Und es gab Kinder, die sich jahrelang entschieden, mit ihrer christlichen Identität weiterzuleben und ihre jüdische Identität zu verheimlichen. Diese Gruppe hat sich in den letzten Jahren verringert. Es gab Kinder, die die Wahrheit erst als Erwachsene herausfanden, wie Romuald (Jakub) Weksler-Waszkinel, der bereits katholischer Priester war, als er es erfuhr, und bis heute in Israel mit einer gespaltenen jüdisch-katholischen Identität lebt. “

Nach Michlic „gab es sogar Kinder, die offiziell zum Christentum übertreten wollten, wenn die Eltern überlebten.“ Leider waren diese Erfahrungen für viele Jahre kein Teil des historischen Gedenkens. Einige der Kinder reden nicht wirklich darüber und unterdrücken es, aber auch diejenigen, die sprechen, wurden nicht gehört. Und so konnte man ein Kind sehen, das auf der einen Seite nach Israel einwandern will und auf der anderen Seite weiterhin jeden Sonntag zur Kirche geht.“

Die Spaltung der religiösen Identität setzt sich fort. Michlic beschreibt viele Fälle, in denen kleine Kinder weiterhin zur Jungfrau Maria beten oder ihr Bild bei sich tragen. Und es begleitete sie sogar, als sie bereits wussten, dass sie Juden waren.

„Andere“, erklärt sie, „fanden es schwierig, sich an die Idee zu gewöhnen, dass man wieder jüdisch sein kann. Es handelt sich um Kinder, deren gesamte Familie und Gemeinde, ausgelöscht wurde. Sie hatten Angst, zu ihrer Jüdischkeit zurückzukehren; Angst, Jiddisch zu sprechen. In vielen Fällen sind sie mit antisemitischen Geschichten aufgewachsen, die ihre Ablehnung gegenüber der Enthüllung noch verstärkten.“

Das Trauma geht auf die Folgegeneration über
Wie gingen die Familien, die das Grauen überlebten, mit dem neuen Problem um? „Wir wissen, dass die besten Ergebnisse in Fällen erzielt wurden, in denen die Kinder nicht gezwungen wurden, ihre christliche Überzeugung aufzugeben. Der Wiederaufbau der Familie war am schwersten. Die jüdische Identität war nur eines unter einer Reihe von schwierigen Problemen. Nach Angaben aus den Unterlagen der jüdischen Institutionen zum Beispiel, sahen sich die meisten von ihnen mit Schwierigkeiten konfrontiert, die mit Nahrung zusammenhängen.

„Es gab Kinder, Jungs, die gezwungen wurden, sich im Versteck als Mädchen zu kleiden. Sie kleideten sich noch weiterhin jahrelang als Mädchen und es musste wieder eine Annäherung an ihre Geschlechtsidentität hergestellt werden. Einige der glücklichen Kinder, die den Holocaust mit einem Elternteil überlebten und nach Israel kamen, gelang es, mit diesen eine sehr enge Beziehung zu entwickeln. Aber was passiert, wenn der Elternteil wieder heiratete?

„Wir dürfen nicht vergessen, dass die Eltern, die überlebten, ihre eigenen Probleme hatten. Sie überlebten die Konzentrationslager, Vernichtungslager, auch die sowjetische Besatzung und Jahre im Versteck in ‚arischen‘ Gebieten. Einige litten an mentalen und emotionalen Problemen. Sie hatten nicht immer die Möglichkeit, sich mit den Traumata des Kindes zu beschäftigen. Manchmal blieben Kinder für eine lange Zeit in Waisenhäusern, bis ihre Eltern es schafften, wieder auf die Beine zu kommen. “

Und was passiert, wenn die Eltern nicht überlebten? „Es war nicht immer eindeutig, wer für die Kinder verantwortlich war. Manchmal war es eine Tante oder Onkel, mal eine Grossfamilie. Heute wissen wir aus der Forschung, dass Kinder, die von Verwandten betreut wurden, sich manchmal so fühlten, als ob sie nicht dazugehörten und nicht die Fürsorge erhielten, die sie brauchten. Einige von ihnen wussten einfach nicht, wie man mit einem Kind umgeht, dass das gleiche wie sie selbst erlebt hatte. Die meisten der Kinder, fasst Prof. Michlic traurig zusammen, „waren keine lächelnden ‚Poster Kinder‘, sondern verwundete Kinder mit schwierigen Problemen. Als sie Eltern wurden, ging das unbehandelte Trauma auf die zweite und dritte Generation über. Die Israelis sind bis heute im Schatten dieses Traumas aufgewachsen. Es ist noch nicht vorbei. “

Originalbeitrag von: Tali Farkash via Ynetnews. Übersetzung: Sabrina Goldemann

Diesen Beitrag teilen
  • 46
  •  
  •  
  •  
  •  
  •  
  •  
  •  
  •  
  •  
  •  

1 KOMMENTAR

  1. Eine wenig bekannte und zumeist verdrängte Geschichte. Die gezielte Ermordung der jüdischen Europäer durch die Deutschen und ihrer Helfershelfer hatte nicht nur eine jahrelange Vorgeschichte in Form von Entrechtung und Demütigung. Eine Tatsache, für die sich die wenigsten interessieren , läuft sie doch dem gepflegten Weltbild von den alleine schuldigen deutschen Nazis zuwider.

    Die Arbeit der Sozialhistorikerin Prof. Joanna Beata Michlic zeigt, dass diese Verbrechen sich noch weit über die direkte Vernichtung hinaus auswirkten. Die Traumata der Kinder und Kindeskinder gehören dazu.

Comments are closed.