Christen im Libanon zwischen ISIS und Hisbollah

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Christen Demo im Libanon. Foto Joseph Barrak
Lesezeit: 4 Minuten

Seit jihadistische Organisationen im Nahen Osten an Macht gewinnen und insbesondere seit grosse Gebiete in Syrien und Irak vom Islamischen Staat bzw. ISIS kontrolliert werden, bangen die christlichen und drusischen Minderheiten im Libanon um ihre Zukunft und sogar um ihr Leben.

Verstärkt werden diese Ängste durch verschiedene Vorfälle: Anfang August 2014 drangen ISIS und Jabhat Al-Nusra (der Ableger von Al Qaida in Syrien, Anm. Audiatur-Online) in den Grenzort Irsal im Nordosten Libanons ein und entführten Duzende libanesische Soldaten und Sicherheitskräfte.

Zudem versuchten ISIS- und Nusra-Kämpfer, den Ort Brital im Süden Irsals zu überfallen und im Oktober 2014 lieferten bewaffnete Gruppen mit engen Verbindungen zu ISIS und Nusra und unterstützt von syrischen Flüchtlingen Gefechte mit der libanesischen Armee in Tripoli. Gemäss libanesischen Armeequellen sind diese Auseinandersetzungen Teil eines umfassenden Plans von ISIS und Nusra, um diese Gebiete zu erobern und eine territoriale Kontinuität mit der Qalamoun-Gegend in Syrien zu etablieren.

Im August 2014 verbrannten einige junge Männer in Al-Ashrafiya, einem christlichen Stadtteil von Beirut, im August eine ISIS-Flagge mit der Shahada (dem islamischen Glaubensbekenntnis: „Es gibt kein Gott ausser Allah und Mohammed ist sein Prophet“), gemäss eigenen Angaben aus Angst vor den Jihadisten und aus Protest gegen deren Verbrechen. Zudem riefen christliche Aktivsten im Internet zu einer „Verbrenne die ISIS-Flagge Challenge“ auf. Einen Tag später zündeten mehrere Sunnis in Tripoli zwei Kreuze an und verunstalteten verschiedene Kirchen mit Slogans wie „ISIS kommt“. In den darauffolgenden Wochen erschienen Drohungen wie „der Islamische Staat wird das Kreuz zerschlagen“ und „Wir sind gekommen, um euch abzuschlachten, Kreuz-Anbeter“ an verschiedenen Orten im Libanon.

Die Christen Libanons reagierten mit verschiedenen Massnahmen auf diese Drohungen. Einerseits organsierten sie Protestkundgebungen und Konferenzen, um auf ihre missliche Lage aufmerksam zu machen und internationalen Schutz zu erlangen. Dabei betonten sie die Notwendigkeit, sunnitischen Extremismus gemeinsam mit moderaten Führungspersonen der Sunnis im Libanon und der arabischen Welt zu bekämpfen und forderten etwa sunnitische und schiitische Geistliche dazu auf, Fatwas gegen das Töten von Christen zu erlassen. Zudem riefen sie die internationale Gemeinschaft, den UN Sicherheitsrat und den Internationalen Strafgerichtshof dazu auf, „alle nötigen Massnahmen zu ergreifen um die Tragödie [der Christen] zu beenden.“

Zugleich haben die Christen Massnahmen ergriffen, um sich mittels Waffengewalt gegen die Extremisten zu verteidigen. Dabei kooperieren sie einerseits mit der libanesischen Armee und Sicherheitskräften und andererseits auch mit der Hisbollah. Gemäss der Hisbollah-nahen Zeitung Al-Akhbar bewaffnet sich ein Grossteil der libanesischen Christen, entweder unabhängig oder in mithilfe der christlichen Parteien, um sich gegen die Jihadisten verteidigen zu können. Andere wiederum zählen darauf, dass sie von der Hisbollah verteidigt werden und einige weitere ergreifen aktive Sicherheitsmassnahmen in Zusammenarbeit mit den libanesischen Sicherheitskräften, wie etwa Patrouillen, die Überwachung syrischer Flüchtlinge oder das Durchsetzen von Ausgangssperren.

Einige Christen gehen noch einen Schritt weiter und schliessen sich Milizen der Organisation an. Gemäss Medienberichten rekrutiert die Hisbollah eine grosse Anzahl an Christen für ihre Widerstandsbrigaden („Saraya Al Muqawama“), die aus Kämpfern besteht, die von der Hisbollah einen Sold beziehen. Die Hisbollah bietet den Rekruten Training und Waffen an und bezahlt ihnen bis zu 2500 US Dollar pro Monat.

Die Hisbollah und ihre Medien haben ein Interesse daran, die Angst der christlichen und drusischen Minderheiten vor ISIS und Nusra weiter zu befeuern und sie zu bewaffnen. Damit rechtfertigt die Hisbollah ihr Waffenarsenal und ihre Beteiligung am Krieg in Syrien. Die Hisbollah präsentiert sich dabei als die Kraft im Libanon, welche die Minderheiten des Landes zu verteidigen weiss. Dadurch versucht die Hisbollah die Unterstützung sowohl der Christen als auch der Drusen im Libanon zu gewinnen. Wie ein Redaktor der saudischen Zeitung Al Sharq Al-Awsat mit Sitz in London zu rech anmerkte: „Die Hisbollah braucht die Unterstützung der Minderheiten, um ihre Präsenz in Syrien zu rechtfertigen und um behaupten zu können, dass sie nicht das einzige Element [im Libanon] sei, welches für die Verteidigung des kriminellen Assads kämpft“ und zugleich die iranische Agenda fördert.

Kurzfassung des Originalbeitrags: Christians In Lebanon, Fearing ISIS And Jabhat Al-Nusra, Seek To Arm Themselves, Gain Protection Of International Community And Hizbullah by E.B. Picali © MEMRI Inquiry & Analysis Series Report No. 1150, May 18, 2015.