Eine Palästinenserin, die auf einem Markt in Gaza einkauft, beschwert sich gegenüber dem Fernsehsender Al-Jazeera über eine neue Steuer, die die Hamas eingeführt hat, 25. April 2015. Foto Screenshot Al Jazeera
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Die internationale Gemeinschaft scheint vergessen zu haben, dass Palästinenser nicht nur im Westjordanland und dem Gazastreifen leben, sondern auch in einer Reihe von arabischen Staaten – vor allem in Syrien, Jordanien und dem Libanon.

Westliche Reporter, die über den israelisch-palästinensischen Konflikt berichten, konzentrieren sich fast immer auf die „Notlage“ der Palästinenser, die von der israelischen Sicherheitspolitik betroffen sind, ignorieren hingegen, was mit den Palästinensern in den benachbarten arabischen Ländern passiert.

Diese Journalisten verschliessen beispielsweise oft die Augen vor den täglichen Tötungen von Palästinensern in Syrien und vor der Tatsache, dass die Palästinenser, die im Libanon und anderen arabischen Ländern leben, Apartheid und diskriminierenden Gesetzen unterworfen sind.

Ein Palästinenser, der erschossen wird, nachdem er einen israelischen Soldaten in Hebron niedergestochen hat, bekommt mehr Aufmerksamkeit in der internationalen Presse als eine palästinensische Frau, die in Syrien verhungert.

Die Story und die Fotos von Mahmoud Abu Jheisha, der erschossen wurde, nachdem er mit einem Messer auf einen Soldaten in Hebron losgegangen war und diesen schwer verletzt hatte, erweckte das Interesse vieler westlicher Medien – sie schickten Journalisten und Fotografen in die Stadt, um darüber zu berichten.

Doch am selben Tag, als Abu Jheisha beerdigt wurde, starb eine Palästinenserin in Syrien aus Mangel an Nahrung und Medizin. Die Frau wurde als Amneh Hussein Omari identifiziert, sie hatte im Flüchtlingslager Jarmuk in der Nähe von Damaskus gelebt, das seit 670 Tagen von der syrischen Armee belagert wird. Mit ihrem Tod steigt die Zahl der palästinensischen Flüchtlinge, die dort infolge des Mangels an Medizin und Nahrungsmitteln gestorben sind, auf 176. Über den Fall Omari berichtete keiner der westlichen Journalisten, die in der Region stationiert sind; in ihren Augen ist diese Story nicht wichtig, weil die Frau in einem arabischen Land starb.

Wäre Omari hingegen in einem Dorf oder Flüchtlingslager im Westjordanland oder dem Gazastreifen gestorben, wäre ihre Story auf den Titelseiten der grossen westlichen Zeitungen gelandet – weil sie dann nämlich ihren Tod mit israelischen Massnahmen im Westjordanland oder der Blockade im Gazastreifen hätten in Verbindung bringen können. Dieselben Journalisten, die über die angespannten wirtschaftlichen Verhältnisse im Westjordanland und dem Gazastreifen berichten, scheinen sich nicht für die Palästinenser zu interessieren, die in den arabischen Ländern ausgehungert oder zu Tode gefoltert werden.

Auch darüber, dass seit Beginn des Bürgerkriegs vor vier Jahren mehr als 2.800 Palästinenser in Syrien getötet wurden, informieren die Journalisten ihre Leser und Zuschauer nicht. Aus einem Bericht, der diese Woche von einer palästinensischen Menschenrechtsgruppe veröffentlicht wurde, geht zudem hervor, dass in den letzten vier Jahren über 27.000 Palästinenser aus Syrien nach Europa geflüchtet sind. Weiterhin merkt der Bericht an, dass es in dem Flüchtlingslager Jarmuk seit mindestens 730 Tagen keine Elektrizität und seit 229 Tagen kein Wasser mehr gibt.

Folteropfer
Anfang des Monats erschien ein Zeitungsartikel, wonach in einem syrischen Gefängnis acht Palästinenser an den Folgen der Folter gestorben sind. Drei der Opfer waren Frauen, darunter die 22 Jahre alte Nadin Abu Salah, die zum Zeitpunkt ihres Todes schwanger war. Der Bericht erwähnt, dass allein im März dieses Jahres 83 Palästinenser in syrischen Gefängnissen zu Tode gefoltert wurden. Es ist das Unglück dieser Palästinenser, nicht im Westjordanland oder dem Gazastreifen zu leben. Die internationale Gemeinschaft schenkt Palästinensern nur dann Aufmerksamkeit, wenn sie „Opfer“ Israels sind.

Gleichermassen ignorieren die internationalen Medien weiterhin die „Notlage“ jener Palästinenser, die unter der Herrschaft der Palästinensischen Autonomiebehörde (PA) im Westjordanland und unter der der Hamas im Gazastreifen leben.

Im Westjordanland nehmen die Sicherheitskräfte der PA weiterhin Palästinenser fest, die kritische Bemerkungen auf Facebook posten oder in der Öffentlichkeit gegen palästinensische Führungsfiguren die Stimme erheben. Letzte Woche beispielsweise verhaftete der palästinensische Geheimdienst Khalil Afaneh, einen Angestellten der Waqf (Islamische Stiftung), weil er auf seiner Facebookseite „üble Nachrede“ gegen Jassir Arafat betrieben haben soll.

Am 25. April nahm die PA den Journalisten Ahmed Abu Elhaija aus Dschenin fest, der sich gerade auf dem Weg zu einer Konferenz in Jordanien befand. Es ist nicht die erste Festnahme eines palästinensischen Journalisten oder Bloggers; ein Grund wurde nicht angegeben.

Eine andere Story, die von den internationalen Medien ignoriert wurde, betrifft Jihad Salim, ein Mitglied des mit der Hamas verbundenen Islamischen Blocks an der Universität Bir Zeit im Westjordanland. Salim wurde von palästinensischen Sicherheitsbeamten festgenommen, kurz nachdem der Islamische Block die Wahlen zum Studentenrat an der Hochschule gewonnen hatte.

Nach seiner Freilassung sagte er, dass er von denen, die ihn verhörten, physisch misshandelt worden sei; sie hätten wissen wollen, warum der Islamische Block die Wahl gewonnen habe. „Die Palästinensische Autonomiebehörde will keine Demokratie“, sagte seine Mutter nach seiner Freilassung. „Warum verhaften sie Studenten, und wem dient das?“

Die Situation im Gazastreifen ist nicht viel anders. Die meisten Berichte, die in den internationalen Medien auftauchen, ignorieren die Herrschaftspraktiken und Schikanen, mit denen die Hamas die Palästinenser traktiert. Etwa die jüngste Entscheidung der Hamas, eine neue Steuer für eine Reihe von Gütern einzuführen. Sie wurde von vielen Palästinensern heftig kritisiert, manche riefen sogar offen zu einer Rebellion gegen die Hamas auf. Und wiederum interessiert sich kein westlicher Journalist für diese Story, vor allem deshalb nicht, weil Israel nicht involviert ist.

Indem sie die Augen vor der Not der Palästinenser verschliessen, die in den arabischen Staaten und unter der Herrschaft der Palästinensischen Autonomiebehörde und der Hamas leben, erweisen Journalisten nicht nur ihrem Publikum einen schlechten Dienst, sondern auch den Palästinensern selbst. Die anhaltende Obsession der Medien mit Israel erlaubt es den arabischen Staaten, der Palästinensischen Autonomiebehörde und der Hamas, ihre systematischen Menschenrechtsverletzungen und die Unterdrückung der Meinungsfreiheit fortzusetzen.

Zusammenfassung eines Originalbeitrags von: Khaled Abu Toameh via Gatestone Institute. Khaled Abu Toameh ist ein preisgekrönter arabisch-israelischer Journalist und TV-Produzent, der sich in den letzten drei Jahrzehnten palästinensischen und arabischen Angelegenheiten gewidmet hat. Er erhielt 2014 den Daniel Pearl Award vom renommierten Los Angeles Press Club verliehen. Übersetzung: Stefan Frank