Armenische Flüchtlinge in Syrien 1915. Foto PD
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In der türkischen Gesellschaft werde heute offen über den Genozid an den Armeniern gesprochen, sagte Professor Cengiz Aktar an einer Veranstaltung von Christian Solidarity International (CSI) vor wenigen Wochen in Zürich.

Zwar sei dies gesetzlich weiterhin verboten, Verstösse würden aber nicht mehr geahndet. Von einer Anerkennung des Genozids sei die türkische Regierung jedoch „weit entfernt“.

Im Interesse einer „homogenen Türkei“ wurden vor hundert Jahren die Christen beinahe ausgerottet. Über zwei Millionen wurden getötet. Während Jahrzehnten wurde der Genozid von 1915 totgeschwiegen. Mitte der 1980er Jahre begannen Muslime und Kurden, an diesem Bild zu kratzen. „Sie halfen mit, die Büchse der Pandora voller verschiedener Identitäten zu öffnen“, sagte Cengiz Aktar in Zürich. Der türkische Professor und Journalist sprach auf Einladung von CSI zur „türkischen Politik gegenüber religiösen Minderheiten im hundertsten Jahr des Genozids an den Armeniern“. Er gehört zu den Initianten einer Online-Kampagne, die in der Türkei zur Anerkennung der „Grossen Katastrophe“ und zur Entschuldigung bei den Armeniern aufrief.

Genozid in Gesellschaft allgegenwärtig …
„Als ich Student war, war es unmöglich, auch nur ein einziges Buch über den Genozid zu finden“, sagte Aktar. Heute drucke praktisch jeder Verlag Bücher zu diesem Thema, gerade unter Doktoranden stosse der Genozid auf grosses Interesse. Tabus von früher könne man heute offen ansprechen. So gebe es etwa ein Dutzend Publikationen über die „armenischen Grossmütter“ – diese waren als junge Frauen aus ihren armenischen Familien gerissen, zwangsislamisiert und in muslimische Familien zwangsintegriert worden. Auch besännen sich immer mehr Nachkommen von Armeniern, die zum Islam konvertierten, um ihr Leben zu retten, auf ihre christlichen Wurzeln zurück. Ihre Zahl wird heute auf über eine Million geschätzt, zwangskonvertiert seien 1915 etwa 300 000 Armenier.

… für den Staat weiterhin ein Tabu
Der Diskurs in der türkischen Zivilgesellschaft sei jedoch nur eine Seite der Medaille, betonte Aktar. „Der Genozid ist für den türkischen Staat weiterhin ein Tabu.“ Aktar bezeichnete den Umgang der türkischen Regierung mit der Vergangenheit als „schizophren und paradox“: Auf der einen Seite wird die armenisch-katholische Kirche als juristische Person anerkannt, die Assyrer dürfen – zum ersten Mal seit 1928 – eine eigene Schule eröffnen und der damalige Premierminister Erdogan drückt den Nachkommen der Getöteten von 1915 sein Beileid aus. Doch zur gleichen Zeit bleibe etwa das griechisch-orthodoxe Halki-Priesterseminar geschlossen, nichtmuslimische Staatsbürger seien den muslimischen nicht gleichgestellt und das Wort „Genozid“ bleibe verboten – Zuwiderhandlungen würden aber immerhin nicht mehr bestraft.

Heute finden in Bern um 17:00 Uhr am Münsterplatz eine Kundgebung und anschliessend im Berner Münster ein Gedenkkonzert statt. Mehr Informationen unter http://www.genocide1915.ch

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