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Als ich noch Vorlesungen hielt über das Konzept von wasatia, das arabische Wort für Mässigung, stellten mir palästinensische Zuhörer beharrlich zwei Fragen: Wieso sollte der Islam gemässigt sein, um dem Westen und den Vereinigten Staaten zu gefallen? Und wie würde Mässigung die Besatzung beenden? Diese die sind zwei wichtige Fragen, die sorgfältig und überzeugend beantwortet werden müssen.

In Erwiderung auf die erste Frage zitierte ich Verse aus dem Koran, welche Gläubige dazu auffordern, in allen Aspekten des Lebens gemässigt zu sein, und festhalten, dass die sunna des Propheten Mohammeds – seine Taten und seine Aussprüche – beispielhaft sind für Mässigung, Toleranz und Vergebung. Die zweite Frage ist eine grössere Herausforderung. Palästinenser leben inmitten eines langwierigen Konfliktes und leiden täglich unter einer harschen militärischen Besatzung, politischer Instabilität, armseliger Regierung, sozialen Unruhen und sich verschlechternden wirtschaftlichen Bedingungen. Dies vermischt sich mit den täglichen Schlagzeilen über israelische Landenteignung, willkürliche Inhaftierung, Reisebeschränkungen und Menschenrechtsverletzungen. Wie kann ich diese Frage beantworten, ohne unrealistisch oder zu idealistisch zu klingen.

Radikalismus und religiöser Extremismus haben im letzten Jahrzehnt zugenommen. Sie berauschen Palästinenser, bieten ihnen eine Flucht von ihrem jämmerlichen Alltag. Bei vielen von ihnen finden Logik und Objektivität schlicht keinen Nachhall mehr. Wie mir ein palästinensischer Imam in Ramallah sagte: „Wenn ich in meinem Freitagsgebet über Ethik und religiöse Werte spreche, stelle ich später fest, dass sich die Gläubigen zu einer anderen Moschee davonmachten, wo der Imam in seinem Freitagsgebet eine stürmische, politische Rede hält, in der er Israel und seinen U.S.-Alliierten attackiert, Christen und Juden als Ungläubige beschreibt, welche von Muslimen nicht einmal gegrüssten oder in ihren Heimen willkommen geheissen werden sollen. Was soll ich tun? Zu mir selbst predigen? Zu einer leeren Moschee predigen?

Um die Attraktivität der Wasatia-Bewegung zu vergrössern, ist es wichtig, zu der Öffentlichkeit in einer Sprache zu sprechen, die sie verehrt und respektiert: Die Sprache des Korans. Wir können Hindernisse einreissen und selbst die aufsässigsten Kritiker mit der friedvollen und humanen Botschaft des Islams angehen.

Mässigung ist kein exklusiv islamisches Konzept. Das Ziel der Wasatia-Bewegung ist zweifältig: die muslimische Gemeinschaft zu vereinen und Brücken der Versöhnung zu anderen religiösen Gruppen zu schlagen. Mässigung wird die Aussöhnung inmitten des Konflikts ermöglichen, was zu Kooperation, Wohlstand und schliesslich der Lösung des Konflikts führen würde.

Das Wort wasatia kommt von der arabischen Wurzel wasat. Linguistisch gesprochen bedeutet das Wort „Zentrum“ aber im religiösen Sinne bezeichnet es Gerechtigkeit, Toleranz, Mässigung und Zentrismus. Der Begriff wird im Koran mehr als einmal erwähnt, so etwa in Surat al-Baqarah, Vers 143, welche sich wie folgt liest: „Und so haben Wir euch zu einer ummatan wasatan (eine gemässigte Gemeinschaft) gemacht.“ Seine Kernlehren – Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit – sind grundlegende religiöse Werte, welche bedeutsame soziale und politische Konsequenzen mit sich bringen. Zu den sozialen Werten, welche diesen fundamentalen Prinzipien des Islam entspringen, gehören die Betonung von taaruf (gegenseitiges Kennen), taawun (Kooperation) und takamul (Ergänzung). Auf die Frage, wie Mässigung zu einem Ende der Besatzung führen wird, habe ich eine simple Antwort: Sie wird Israelis und Palästinensern helfen, die Gemeinsamkeiten in ihren Bedürfnissen zu realisieren. Israelis, beschäftigt mit persönlicher und nationaler Sicherheit, werden die benachbarte palästinensische Gemeinschaft als gemässigte Kultur sehen, welche ein besseres Leben für ihre Familien möchte. Und gleichermassen, werden Palästinenser die Israelis als nach Frieden und Sicherheit strebend für eine blühende Zukunft für ihre Gesellschaft wahrnehmen. Auf diese Weise verblasst die raison d’être für Besatzung.

Sowohl islamische als auch jüdische Traditionen unterstützen das Konzept von Versöhnung; die Rechtfertigung für Frieden findet sich in den Texten beider Glauben. Folglich müssen wir miteinanderarbeiten – und nicht gegeneinander; wir dürfen den anderen nicht als einen Feind in einem Konflikt sehen, sondern als einen Partner in Frieden. Vermutlich wäre gegenseitige Anerkennung ein guter Ausgangspunkt. Israel könnte Palästina als Mitglied der Vereinten Nationen anerkennen und Palästina könnte Israel innerhalb der Grenzen von 1967 als Heimstätte des jüdischen Volkes anerkennen. Israel könnte palästinensische Gefangene freilassen und Palästinensern könnten Aufhetzung und ihre Aufrufe für Anti-Normalisierung einstellen.

Wir müssen uns selbst fragen, welches Abkommen dauerhafter, nachhaltiger und legitimer wäre: eines mit der Palästinensische Autonomiebehörde oder eines mit dem Staat Palästina? Strategisch gesehen ist es im Interesse von Israel und den Vereinigten Staaten, das palästinensische Streben nach Eigenstaatlichkeit zu unterstützen. Die Anerkennung des Staates Palästina bedeutet nicht die Anerkennung von Hamas oder Fatah, sondern das Recht des palästinensischen Volkes, der internationalen Gemeinschaft beizutreten. Dies würde Radikalismus und Extremismus daheim untergraben, weil es laut und deutlich sagt, dass Diplomatie funktioniert, nicht Gewalt.

Als Muslim schäme ich mich für die Taten, welche einige Individuen und Gruppen im Namen meiner Religion begehen. Aber ich fühle mich auch sehr stolz, wenn ich über die Toleranz und die Gnade des zweiten Kalifen, Umar ibn al-Khattab, lese, der einen alten Juden betteln sah und ihm ein monatliches Gehalt zukommen liess, oder Saladin, der seinen Leibarzt schickte, um seinen kranken Feind Richard Löwenherz zu pflegen; oder die erleuchtende Geschichte von Andalusien, wo Islam, Christentum und Judentum in Frieden und Harmonie koexistierten. Darum geht es bei der Wasatia-Initiative. Wir streben nach einem Vermächtnis von Frieden, Nachsicht, Koexistenz, Versöhnung, Mitgefühl, Empathie und Respekt. Dies ist das Erbe, welches wir unseren Kindern überlassen möchten. Das mag jetzt wie ein Traum klingen, doch tief in meinem Herzen spüre ich, dass es eines Tages Realität sein wird.

Die Stimmen von Weisheit und Vernunft sollen lauter werden. Die gemässigte Mehrheit sollte nicht Zuschauer bleiben, wenn Chaos aufzieht. Wir müssen unsere Obsession mit Scheitern überkommen und in die Zukunft investieren. Aussöhnung ist der Ausgangspunkt und sie sollte heute beginnen, damit Frieden Erfolg haben kann.

Professor Mohammed S. Dajani ist Weston Fellow des Washington Institute und Gründer der al-Wasatia-Bewegung. Zusammen mit den Executive Director des Washington Institutes Robert Satloff veröffentlichte er den Op-Ed in der International Herald TribuneWhy Palestinians Should Learn About the Holocaust.”

Originalbeitrag: Reconciliation in the Midst of Conflict by Mohammed S. Dajani © The Washington Institute for Near East Policy, February 24, 2015

1 KOMMENTAR

  1. Das klingt ja alles sehr hübsch, was Dajani von der Wasati-Bewegung erzählt: Sich versöhnen und sich gegenseitig nicht länger als Feind sehen zu wollen.

    Aber leider ignoriert Dajani die wichtigsten Bausteine für eine Versöhnung.
    Zunächst mal: Natürlich IST es eine politische Anerkennung und damit eine komplette politische Aufwertung der Terrororganisation Hamas und der Fatah (die versteckt nicht weniger antisemitisch und gewalttätig ist), wenn Israel den Staat Palästina anerkennt.

    Abgesehen davon bekräftigt Dajani mit seinem Wasati-Vorschlag, dass Abkommen mit den Palästinensern nicht gerade vertrauenswürdig sind, wie vor allem das Oslo-Abkommen zeigt. Denn die Osloer Vereinbarungen stuft Dajani ja anscheinend als "vernachlässigbar" und unwichtig ein, sonst hätte er sich auf sie bezogen.

    Weshalb also sollte für Israel nun plötzlich Dajanis Versöhnungs-Vorschlag glaubhafter und vertrauenswürdiger sein als das Oslo-Abkommen?

    Bedauerlicherweise hat Dajani die wichtigste Ursache unterschlagen, weshalb es bisher zu keinem Frieden zwischen dem jüdischen Staat und den Palästinensern gekommen ist.
    Die Ursache liegt im fast 100 Jahre alten massiven palästinensischen Judenhass, zu dem das paläst. Volk erzogen wird, ob nun im Gazastreifen oder in der Westbank.

    Mit diesem extremen paläst. Antisemitismus sollten sich Dajani und die Wasati-Bewegung grundsätzlich befassen, wenn sie ernsthaft an einer Aussöhnung mit den Juden interessiert sind.

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