Europa steht ein langer und harter Kampf bevor

0
268
Medienaufmarsch nach dem Attentat in Paris. Foto Camille Gévaudan. Lizenziert unter CC-BY-SA 4.0 über Wikimedia Commons.
Lesezeit: 3 Minuten

Siebzehn Personen wurden letzte Woche in Frankreich in einer Reihe islamistisch motivierter Terroranschläge getötet. Nur der Geistesgegenwärtigkeit und dem Mut eines Mitarbeiters des koscheren Supermarkts, der zwei Tage nach dem blutigen Anschlag auf die Charlie Hebdo-Redaktion zum Schauplatz einer Geiselnahme wurde, ist es zu verdanken, dass die Opferzahl nicht noch weit höher liegt – ihm gelang es, sechs Person in einem Kühlraum zu verstecken. Für vier jüdische Kunden kam jede Hilfe zu spät, sie wurden vom Geiselnehmer hingerichtet.

Die Attentatsserie hat in Europa eine intensive Debatte ausgelöst, insbesondere um Presse- und Meinungsfreiheit, aber auch um Koexistenz. Einige Kommentatoren schreiben etwa von einer Zäsur, dass der Angriff auf Charlie Hebdo ein 9/11 für Europa sei, in seiner Wirkung und Gewalt genauso schwerwiegend wie der Anschlag vom 11. September 2011. Zugleich mahnen viele an, dass Muslime nun keineswegs pauschal zu verurteilen seien oder  dass diese Attentate nichts mit dem Islam zu tun haben, und warnen davor, dass Bewegungen wie PEGIDA („Patriotische Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes) durch die Anschläge profitieren würden. Tatsächlich hat sich mittlerweile auch in der Schweiz ein PEGIDA-Ableger formiert, der zu einer Grossdemonstration am 16. Februar aufruft.

Viele dieser Überlegungen sind ohne Zweifel ehrenwert und sprechen für Werte wie Toleranz,  Pluralismus und eine starke Zivilgesellschaft. Doch die nötigen Konsequenzen ziehen sie nicht. Denn so richtig und selbstverständlich es auch ist oder zumindest sein sollte, dass diese Anschläge nicht der Mehrheit der Muslime in Europa angelastet werden, so verkehrt ist es zugleich, jeglichen Zusammenhang mit dem Islam schon aus Prinzip zu bestreiten.

Nach den Terroranschlägen von Toulouse im Jahr 2012 veröffentlichte der Islamwissenschaftler Muhammad Sameer Murtaza einen bemerkenswerten Essay, in dem er die Herausforderungen der muslimischen Community im Umgang mit radikal-islamistischen Kreisen skizzierte, die sich nicht darauf beschränken dürften, islamistische Attentäter ausserhalb des Islams zu stellen und das Mantra „Islam ist Frieden“ bis zum geht nicht mehr zu wiederholen. Wie Murtaza richtig festhält, gibt es islamische Strömungen, welche religiöse Gewalt lehren, genauso wie Feindschaft gegenüber Nicht-Muslimen. Zu ihnen zählen längst nicht nur salafistisch-jihadistische Organisationen wie Al Qaida oder der Islamische Staat, sondern genauso der Wahhabismus – immerhin offizielle Staatsdoktrin Saudi-Arabiens – und Teile der Muslimbruderschaft, wie etwa der vermeintlich moderate Fernsehprediger Yusuf Al-Qaradawi, der mit einer Fatwa Selbstmordattentate gegen israelische Zivilisten legitimiert.

In Europa hat man sich gegenüber den Aktivitäten dieser Strömungen über lange Zeit nachsichtig gezeigt, so dass diese unbehelligt ihre europaweiten Netzwerke etablieren und ihren Einfluss auf die hiesigen muslimischen Gemeinden verstärken konnten. Die anti-israelischen Proteste im Sommer 2014, die geprägt waren von radikal-islamischer Symbolik und antijüdischer Hetze und Gewalt sind eine Folge dieser Entwicklung. Die steigende Anzahl an Jugendlichen aus Europa, die nach Syrien und Irak in den Jihad ziehen eine weitere.

Al Qaida hat Europa mit weiteren Anschlägen gedroht und der Direktor des britischen MI5-Inlandgeheimdienstes warnt ebenfalls davor, dass die Organisation weitere Attacken mit vielen Todesopfern plane, die sich nicht alle verhindern lassen würden. Auch die Tatsache, dass sich in Frankreich gemäss Polizeiangaben noch bis zu sechs weitere Terrorzellen „auf freiem Fuss“ befinden und Tausende von Sicherheitskräften vor „sensiblen Zielen“, darunter viele jüdische Einrichtungen, postiert wurden, lassen darauf schliessen, dass Europa ein langer und harter Kampf gegen jihadistischen Terror bevorsteht.

Oftmals einsame Rufer wie Murtaza oder auch Ahmad Mansour, die sich vehement gegen Radikalismus innerhalb der muslimischen Community einsetzen, sollten dabei die engsten Verbündeten sein.