Eine tendenziöse Berichterstattung über Israel ist nichts Neues. Doch nach dem Überfall auf eine Synagoge in Jerusalem wurden alle bisherigen Rekorde geschlagen.

Der SRF berichtete am 18.11. „Tote bei Anschlag auf Synagoge in Jerusalem“. Man muss sich durch den Text quälen, bis man erfährt, dass nicht UFOs die anonymen „Angreifer“ waren. In der Tagesschau am Mittag des 18.11. war von einem „Vorfall“ und „Attentätern“ die Rede. Kein Wort über deren Identität. Im Filmbeitrag heisst es „Dramatische Momente in der Synagoge“, „Wir hörten Schüsse von unten“. „Die beiden Attentäter hatten mit Messern und Äxten angegriffen“

Die NZZ übernahm einen dpa-Bericht, wo ebenfalls von einem Anschlag die Rede war, bei dem fünf Menschen getötet wurden. Während das als Fakt dargestellt wird, geht es weiter mit Zweifeln: „Israelische Medien berichteten, zwei mutmasslich arabische Angreifer hätten … angegriffen.“

Auch der „Blick.ch“ berichtet im Titel von einem anonymen „Angriff mit Messern und Äxten“. In der Folge gab es „Sechs Tote bei Anschlag auf Synagoge in Jerusalem“. Weiter geht es dann mit Berufung auf „israelische Medien“, deren Glaubwürdigkeit oft in Zweifel gezogen wird. „Israelische Medien berichteten, die beiden Angreifer aus dem arabischen Ostteil Jerusalems hätten in dem Stadtteil Har Nof Betende mit Messern und Äxten angegriffen. Sie hätten auch mit einem Revolver geschossen.“ Der grammatikalisch vorgeschrieben Konjunktiv verstärkt noch die Zweifel an den Behauptungen der namentlich nicht genannten israelischen Medien.

20Min setzt einen Schweizer Winkel in der Vordergrund: „Schweizer filmt Schiesserei vor Synagoge“. Weiter geht es mit Fakten, solange von den Toten die Rede ist. Obgleich der Anschlag in einer Synagoge stattfand, muss der Polizeisprecher bemüht werden, um festzustellen, dass es sich bei den Opfern um „vier jüdische Betende und zwei Attentäter“ handelte. Und nur dank der Polizei kommt 20min auf die Idee, dass es ein «terroristischer Akt» war.

Die Tageswoche setzte tatsächlich „Palästinenser“ in den Titel: „Palästinenser töten vier Betende in Jerusalemer Synagoge“. Eigentlich hätte das auch für andere Medien eine Selbstverständlichkeit sein müssen bei Berichten über ein Ereignis, bei denen es aktive Akteure und passive Opfer gibt. Problematisch ist jedoch bei der Tageswoche die Auswahl des Bildes, womit alle Schuld für den Anschlag allein auf Israel geschoben wird: Ein ultraorthodoxer Jude mit dem Felsendom auf dem Tempelberg im Hintergrund. Dabei wurde in anderen Berichten klargestellt, dass die Opfer des Anschlags nichts mit Siedlern, dem Tempelberg und den jüngsten Spannungen in Jerusalem zu tun haben. Ob die Attentäter durch die Spannungen um den Tempelberg motivieret waren ist möglich, doch da sie getötet worden sind, konnte sie niemand mehr nach ihrem Tatmotiv befragen.

BBC und amerikanische wie kanadische Medien berichteten von einer Synagoge, die vier Israelis getötet hätte. Kein Wort zu den Tätern. In einem anderen Fall hiess es, zwei Palästinenser seien erschossen worden, ohne deren Massaker zu erwähnen. Ein Sender redete von einem „mutmasslichen Terroranschlag nach Angaben der Polizei“. Während eines Interviews mit dem Jerusalemer Bürgermeister hiess es im Spruchband von CNN, dass eine Moschee überfallen worden sei. Der Sender CBC redete von der Synagoge in Westjerusalem als „umstrittenes“ Gebiet, während andere behaupteten, das Viertel Har Nof sei an der Stelle von Deir Jassin errichtet worden. Die Ermordeten wurden fälschlich als „Siedler“ bezeichnet.

Das ZDF brachte eine tränenreiche Reportage über die Eltern von einem der „mutmasslichen“ Täter. Sie trauern, wie alle Eltern, die ihren Sohn verloren haben. Kein Wort zu dem Mordanschlag im IS–Stil, bei dem betende Menschen mit Äxten und Messern barbarisch abgeschlachtet worden sind. Auf die Opfer und ihre Familien wird keine Anteilnahme verschwendet.

Grotesk ist ein Kommentar in der TAZ. Die Korrespondentin berichtet, als hätte sie am Tag zuvor mit den Cousins über deren Beweggründe gesprochen: „Sie wussten, dass sie selbst sterben würden. Sie trieb weder die Lust an der Macht über Leben und Tod, noch die Sehnsucht nach einem Gottesstaat. Die Verzweiflung der Palästinenser ist das Ergebnis einer einfachen Rechnung: die gescheiterten Friedensverhandlungen und der Gazakrieg im Sommer, addiert mit dem von Israel fortgesetzten Siedlungsbau, dem sozialen Gefälle in der Stadt, wo Araber Bürger zweiter Klasse sind und schließlich der Kampf um den Tempelberg.“

Heiko Flottau in Journal21 behauptet, dass Baruch Goldstein der „erste Terrorist dieser Art“ gewesen sei, als er im Abrahamsgrabmal 1994 um sich geschossen hatte. Doch ausgerechnet in Hebron und dann auch in Jerusalem und Saffed hatte es ähnliche Pogrome gegen Juden schon 1929, 1936 und 1948 gegeben. Aber Flottau geht es nicht um Geschichte. Er will die Juden als ursächliche Sünder darzustellen und so die palästinensischen Attentäter entschuldigen.

Er hat übrigens recht mit der Behauptung, dass Baruch Goldstein ein „Denkmal“ errichtet worden ist. Aber er verschweigt, dass dieses Denkmal kurze Zeit darauf infolge eines Beschlusses der Knesset wieder zerstört worden ist. Heute steht der Grabstein mit reichlich geschmackloser Inschrift inmitten eines leeren Feldes.

In Bethlehem, Ramallah und anderswo in den Autonomiegebieten werden Massenmörder mit Strassennamen, Denkmälern und Wandmalereien verherrlicht, während Israel die wenigen vergleichbaren Terroristen im Gefängnis schmoren lässt und keine Denkmäler zulässt. Im Gegenteil. Für die 48 Opfer eines Massakers israelischer Grenzschützer an Bewohnern von Kafr Kassem 1956 wurde eine Gedenkwand errichtet, vor der sich die Staatspräsidenten Schimon Peres und in diesem Jahr erneut Reuven Rivlin um Vergebung gebeten hatten. Wann hat sich jemals ein palästinensischer Führer bei israelischen Opfern von Terroranschlägen entschuldigt.

Allein König Hussein von Jordanien kam 1997 nach Israel geflogen, um den Familien jener sieben jungen Mädchen zu kondolieren, die bei dem Massaker eines jordanischen Soldaten auf der „Friedensinsel“ ermordet worden sind.

Bei dem Anschlag in der Synagoge kamen mehrere Elemente zusammen, die Empathie allein für die Opfer erfordert hätten: Die Synagoge befindet sich in einem Stadtteil Jerusalems, der nicht umstritten ist. Die Ermordeten waren fromme Menschen beim Gebet in einem Gotteshaus. Sie hatten keine Verbindung zu Siedlern oder besetzten Gebieten. Und wären nicht zufällig drei Polizisten am Tatort vorbeigekommen, hätte es mit Sicherheit Dutzende Tote gegeben.

Dennoch betonten manche Medien, dass Polizisten zwei Palästinenser erschossen hätten, ohne den Terroranschlag zu erwähnen. Dass einer der Polizisten getötet und ein zweiter schwer verletzt worden ist, war auch keine Erwähnung wert.

Empathie und Anteilnahme zu erzeugen zählt seit Jahren zu den vermeintlichen Aufgaben der Medien. Die Palästinenser haben daraus eine gut geschmierte Industrie gemacht. Sie stellen sich als das leidende Opfer dar, wehrlos und getrieben von den „bösen“ Israelis, einem schlimmen Schicksal ausgeliefert, erniedrigt, besetzt, ungerecht behandelt. Um das wieder gut zu machen, spendiert ihnen die Welt Milliardensummen, ohne den Verbleib des Geldes zu kontrollieren, während anderswo Millionen Menschen verhungern, vertrieben oder ermordet werden. Die Palästinenser werden aus jeder Verantwortung für das eigene Tun entlassen mit kuriosen Argumenten, die für kein anderes Volk der Welt gelten. Allein die palästinensischen Flüchtlinge erhielten ein „Rückkehrrecht“ und werden deshalb seit über 60 Jahren in „Lagern“ gehalten. Die Welt steht Kopf, wenn in Ägypten gegen Prinzipien der Demokratie verstossen wird, doch der blutige Militärputsch der Hamas in Gaza wird hingenommen. Dass Präsident Mahmud Abbas schon zehn Jahre lang ohne Neuwahlen im Amt ist, interessiert niemanden.

Gleichwohl bestimmen die Palästinenser ihr Schicksal letztlich viel mehr, als angenommen. Mit ihrem Tun haben sie die ganze Welt umgestaltet. So sind die heute in aller Welt üblichen Sicherheitskontrollen auf Flughäfen eine direkte Folge der Flugzeugentführungen ab Ende der 1960ziger Jahre. Der Nahe Osten wurde entscheidend geprägt durch den „schwarzen September“, einem palästinensischen Putsch in Jordanien 1970. Der wurde mit einem Bürgerkrieg in Libanon fortgesetzt. Niemand hatte Yassir Arafat 1990 gezwungen, sich als einziger arabischer Führer neben Muammar Gaddafi mit dem irakischen Diktator Saddam Hussein zu verbünden. Das führte später zum Rauswurf aller 300.000 Palästinenser aus Kuwait, weil sie den Irakern kräftig mitgeholfen hatten, Kuwait zu plündern, mindestens 200 führende Kuwaitis aufzuspüren und ermorden zu lassen. 1993 unterzeichnete Yassir Arafat mit Israel die Osloer Verträge, mitsamt einer Anerkennung Israels und Gewaltverzicht. Davon ist seitdem nichts mehr übrig geblieben, doch Israel ist „verpflichtet“, alle Vertragsvorgaben geflissentlich einzuhalten. Die Zweite Intifada war von Arafat Monate im Voraus geplant worden mit der Vorstellung, die Israelis vertreiben zu können. Der vielzitierte und von den Palästinensern durchaus genehmigte Besuch von Oppositionschef Ariel Scharon auf dem Tempelberg war weder Ursache noch Auslöser der Intifada. Und so geht es weiter bis zu dem unnötig in die Länge gezogenen Gazakrieg, bei dem die Hamas 15 Mal einen abgesprochenen Waffenstillstand gebrochen hat. Und genauso ist jetzt der Anschlag auf die Synagoge durch nichts zu rechtfertigen.

Alle Vorschläge zu Gegenmassnahmen der israelischen Regierung wurden scharf kritisiert, obgleich sie noch gar nicht endgültig ausformuliert waren. Die geplanten Häuserzerstörungen seien ein Verstoss gegen das Völkerrecht und gar „Kriegsverbrechen“, behauptete Human Rights Watch (HRW). Eine Verurteilung – zwei Tage zuvor – des „unrechtmässigen“ Mordanschlags in der Synagoge ist im Wesentlichen eine Auflistung „exzessiver“ israelischer Gewalt gegen „mutmassliche“ palästinensische Protestierer.

Die Medien haben sich übertroffen in Einseitigkeit, Unwahrheiten, Halbwahrheiten und Desinformation.

Man könnte das als Antisemitismus abtun. Doch damit wäre nicht das zwanghafte Verhalten erklärt, Fakten zu verdrehen und Falsches zu verbreiten.

Die Medien sind gewöhnt, den Palästinensern alles zu vergeben. Israel wird automatisch für alle Übel in Nahost und in der Welt schuldig gesprochen. Zu einen Paradigmenwechsel sind die wenigsten fähig.

Über Ulrich W. Sahm

Ulrich W. Sahm, Sohn eines deutschen Diplomaten, belegte nach erfolgtem Hochschulabschluss in ev. Theologie, Judaistik und Linguistik in Deutschland noch ein Studium der Hebräischen Literatur an der Hebräischen Universität in Jerusalem. Seit 1975 ist Ulrich Sahm Nahost-Korrespondent für verschiedene deutschsprachige Medien und berichtet direkt aus Jerusalem.

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10 KOMMENTARE

  1. Der Bericht ist tendenziös, polemisch und einseitig. Es wird Ursache und Wirkung vertauscht. Ursache für den sogenannten "Terror" ist der Holocaust der Israelis an den Palästinensern.
    Schon um 1900 hiess es "Die Juden sind unser Unglück" (Treitschke). Es ist erstaunlich, wie sich dieser Spruch im Laufe der Zeit bewahrheitet hat.

    • Eigentlich wollen wir antisemitische Kommentare hier nicht freischalten. Es soll allen jedoch lebhaft in Erinnerung rufen, dass ewig Gestrige wie Sie leider zur Realität gehören.

    • Heute heisst es, die Moslems sind unser Unglück. Nicht etwa nur uns Juden, sondern der ganzen liberalen und demokratischen Welt und all denen, die Menschenrechte respektieren.
      Ich empfehle Ihnen die Ausführungen von Herrn Andreas Thiel zu lesen.

  2. Danke Herr Ulrich Sahm, endlich ein guten Bericht über d. Wahrheit, sehr klar und objektiv, merci

  3. Danke, lieber Herr Sahm, für diesen äusserst aufschlussreichen Artikel. Leider gehört auch “einer der weltbesten Nahostexperten", gemeint ist Arnold Hottinger, zu denen, die es mit der Wahrheit nicht allzu genau nehmen. So schreibt er – neben viel anderem Unsinn – in seinem Artikel "Brennpunkt al-Aqsa-Moschee" (Journal21): "Die erneute Agitation um al-Aqsa-Moschee führte am 15. Oktober zum Anschlag auf Rabbi Yehuda Glick, den Vorsitzenden der Tempelbergbewegung, der tödlich verletzt wurde." Erstens ist der Rabbi kein Rabbi und zweitens lebt Herr Glick zum grossen Glick noch. Wie sagt man doch: "Alter schützt vor Torheit nicht".

  4. Vielen herzlichen Dank für diese einfache Stellungsnahme. Auch wenn es scheint bis jetzt nicht so viele Leute zu interessieren, die Warheit muss in die Welt heraus!

  5. Danke, Ulrich Sahm.
    Ein ganz hervorragender, enorm wichtiger Artikel, den man vor allem JEDEM deutschen Journalisten auf die Tastatur kleben sollte …

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