„Ulrich W. Sahm“ Foto von Christliches Medienmagazin pro - Flickr: Ulrich W. Sahm. Lizenziert unter Creative Commons Attribution 2.0 über Wikimedia Commons
„Ulrich W. Sahm“ Foto von Christliches Medienmagazin pro - Flickr: Ulrich W. Sahm. Lizenziert unter Creative Commons Attribution 2.0 über Wikimedia Commons
Lesezeit: 4 Minuten

Korrespondent in Nahost zu sein, und das seit Jahrzehnten, ist ein faszinierender Job. Man sitzt buchstäblich am „Nabel der Welt“, der sich mitten in der Grabeskirche (laut christlicher Tradition) oder beim Gründungsstein der Welt im Felsendom, (laut jüdischer Tradition) befindet. Fast jedes Ereignis erhält augenblicklich eine globale Bedeutung, sei es ein Terroranschlag, eine Rede im Parlament oder ein paar neue Häuser in Ostjerusalem. So wird man mit der kleinsten Meldung aus diesem winzigen Flecken Erde zum Chronisten der Weltgeschichte.

Im Augenblick herrscht mal wieder Krieg, der eigentlich kein Krieg ist, weil hier nicht die Armeen von zwei Staaten aufeinander stossen. Vielmehr setzt sich eine Armee gegen den „bewaffneten Arm“ einer Partei zur Wehr. Damit beginnt schon für den Betrachter eine besondere Schwierigkeit. Für die Massnahmen Deutschlands gegen die RAF, Italiens gegen die sizilianische Mafia oder der USA gegen Osama bin Ladens Al-Qaida ist noch kein Völkerrecht formuliert worden. Wenn sich aber in Libanon oder in den palästinensischen Gebieten demokratisch gewählte Parteien einen „bewaffneten Arm“ zulegen, etwa die Hisbollah im Libanon, die Al-Aqsa Brigaden der Fatah-Partei oder die Al-Qassam Milizen der Hamas, wird das in Europa als völkerrechtlich legitimierte Eigenheit  respektiert. Niemand kommt auf die Idee, sich einen „bewaffneten Arm“ der CDU, SPD, der Grünen oder gar der FDP vorzustellen, der sich ein Raketenarsenal anlegt und damit einen Privatkrieg gegen die Schweiz, die Tschechei oder Frankreich anzettelt. Als Nahostkorrespondent ist man aber angehalten, diese für Europa inakzeptablen Zustände zu „verstehen“ und mit Sympathie darzustellen, weil es sich um „legitimen Widerstand“ handelt. Ebenso wird erwartet, die israelische Reaktion auf absurde Situationen als Verstösse gegen ein nicht – existentes Völkerrecht zu kritisieren.

Wenn man nicht brav und gutgläubig die menschenverachtende Propaganda der Hamas zu den vermeintlich „unschuldigen Opfern“ israelischer „Massaker“ und gar eines „Völkermords“ nachplappert, wird man wütend zum Ketzer erklärt und mangelnder Empathie bezichtigt. Jeder Tote ist zu viel, heisst es dann, und Zweifel an gezinkten Totenlisten der Hamas werden in Leserbriefen sogleich als „Menschenverachtung“ und mangelnden Respekt für „Unschuldige“ beklagt. Diese Kritiker bemerken nicht einmal, dass es gar nicht um die Toten selber geht, sondern um den Missbrauch von Namen und Zahlen für propagandistische Zwecke.

Inzwischen ist zur Genüge bewiesen worden, dass die Hamas „menschliche Schutzschilde“ missbraucht, Raketen mitten aus Wohnvierteln heraus, vor Schulen und Kliniken abschiesst, Ambulanzen als Truppentransporter benutzt und ihre Hauptquartiere in Hospitälern neben Operationssälen eingerichtet hat. Inzwischen haben sogar die BBC und die New York Times festgestellt, dass die offiziellen Totenzahlen nicht stimmen.

Nicht Fakten interessieren, sondern „Mitgefühl“ und das nur mit „leidenden Palästinensern“, nicht aber mit Juden oder Israelis. Die leiden unter dem ständigen Raketenbeschuss, der Lebensangst und den ständigen Sirenen.

Raketenalarm: Israelis gehen in Deckung (Foto IFCJ)
Raketenalarm: Israelis gehen in Deckung (Foto IFCJ)

Hätten auch die Israelis Hunderte oder gar Tausende Tote erlitten, könnte man vielleicht auch mit ihnen Mitleid empfinden, gäbe es nicht diesen Hardliner Netanjahu und seinen rechtsextremistischen Aussenminister. Die betreiben eine „harte“ Politik und reagieren „erbarmungslos“ auf Raketenbeschuss. Irgendwas stimmt hier nicht. Wieso wird das sechsmalige Brechen der abgesprochenen Feuerpause mit Raketenbeschuss Israels durch die Hamas nicht als „harte“ Politik bezeichnet? Wieso gilt der bewaffnete Widerstand der Palästinenser nicht als gewalttätiger Patriotismus und rechtsextremistischer Nationalismus?

Natürlich ist der Staat Israel kein Deut besser als jeder andere Staat der Welt. Er handelt wie alle anderen Staaten gemäss seiner echten oder vermeintlichen Interessen. Israel und seine Politik darf genauso kritisiert werden wie die Besatzungspolitik der Türkei in Nordzypern, Marokkos in der Sahara, Chinas in Tibet oder Russlands in der Ukraine. Eigentümlich ist nur, dass in Europa nur gegen den „Völkermord“ an 2.000 Palästinensern in Gaza demonstriert wird und im gleichen Atemzug „Tod den Juden“ gerufen wird. Ist damit etwa kein Völkermord gemeint?

Netanjahu ist auch nicht viel besser als Obama, Merkel oder Putin, von Erdogan oder Bashar Assad ganz zu schweigen. Nur warum erhält allein Netanjahu in jedem zweiten Bericht den kommentierenden Titel „Hardliner“, während so umstrittene Potentaten wie Putin, Erdogan und Assad immer noch ehrfurchtsvoll und kommentarlos nur mit ihrem offiziellen Titel „Präsident“ erwähnt werden, ohne beleidigende oder wertende Adjektive?

Niemand muss Netanjahu mögen. Doch sollte festgehalten werden, dass Netanjahu innenpolitisch ganz erheblichem Druck ausgesetzt war, wegen des Raketenbeschusses mit der Hamas „kurzen Prozess“ zu machen. Dass der „Hardliner“ dieser Versuchung widerstand, zusammen mit den als besonnen geltenden Militärs, passt nicht ins Bild.

Erst jetzt, mit einem Monat Verspätung, wird bekannt, wie Journalisten vor Ort in Gaza von der Hamas zensiert und bedroht worden sind. Erst jetzt tauchen gefilmte Dokumentationen auf zu eindeutigen Kriegsverbrechen der Hamas.

Immerhin hat sich die UNO beeilt, erneut eine Untersuchung zu Kriegsverbrechen im Gazakrieg einzuleiten. Ob sie jemals die Verbrechen gegen die Menschlichkeit in Irak, Syrien und anderswo in der arabischen Welt prüfen wird? Immerhin hat sich der Autor des Goldstone-Reports zum vorherigen Gazakrieg von seinem eigenen Bericht distanziert, nachdem er festgestellt hat, dass er in die Irre geführt worden sei. Allein die Eile der UNO verheisst nichts Gutes, denn der Krieg ist noch gar nicht beendet. In Kairo wird noch über die Verlängerung einer Feuerpause von 72 Stunden verhandelt. Doch Logik ist beim Nahen Osten unerwünscht und ganz besonders bei der UNO, wo Länder wie Libyen, Syrien und Sudan über die Menschenrechte in der Welt wachen.

Über Ulrich W. Sahm

Ulrich W. Sahm, Sohn eines deutschen Diplomaten, belegte nach erfolgtem Hochschulabschluss in ev. Theologie, Judaistik und Linguistik in Deutschland noch ein Studium der Hebräischen Literatur an der Hebräischen Universität in Jerusalem. Seit 1975 ist Ulrich Sahm Nahost-Korrespondent für verschiedene deutschsprachige Medien und berichtet direkt aus Jerusalem.

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11 KOMMENTARE

  1. Lieber Herr Sahm

    Ich danke Ihnen dafür, dass Sie aufzeigen, was Sache ist. In den Tageszeitungen hier, wird das verschwiegen.

    Milliarden an Hilfsgeldern fliessen aus Europa in den Gazastreifen, wo sie offenbar nicht zu friedlicher Koexistenz mit Israel genutzt werden. Das Gegenteil scheint der Fall zu sein, Hass gegen Israel wird im Gazastreifen gelebt. Tunnels wurden gebaut um Israel anzugreifen, die abgefeuerten Raketen gegen Israel reden ein klare Sprache, Bombengürtel auch.
    Hat eine internationale politische Organisation zusammengesetzt aus hohen Staatsvertretern islamischer Länder einmal darüber nachgedacht, Palästinensern des Gazastreifens und ihren Verwandten eine neue Heimat anzubieten? Das diente der Lösung des Konfliktes wohl besser, als den Gazastreifen aufzubauen, wo der Grossteil der Bevölkerung zum Ziel hat, den israelischen Staat zu vernichten.
    Eine Person mit Absichten den Nachbarn zu töten, würde zum Schutze ihrer Nachbarn in Gewahrsam gebracht . Anders verfahren einflussreiche Politiker mit der Hamas, die offenbar Rückhalt in der Bevölkerung hat, und somit todbringende Absichten von Müttern und Vätern der Region dort verkörpert. Das verheisst doch nichts Gutes.
    Peter Geiger

  2. Liebe Mirjam, ich habe den Satz, dass Israel kein deut besser sei ganz bewusst hineingeschrieben, nicht als Wertung, sondern um klarzustellen, dass es sich um ein Staatsgebilde handelt mit allen Schwächen und Vorzügen, in dem es auch Korrupütion und Verbrechen gibt, und wie jeder andere Staat gemäß Interessen handelt und dessen Regierung auch Fehler macht, die zu Verhängnis werden können, oder sich erst viel Später als Segen erweisen.

  3. Das müssen alle über Nachostkonflikt berichteten Medien von A wie ARD bis Z wie ZDF abschreiben! Obwohl Ulrich Sahm schreibt selber, dass er Journalist ist und seine Verpflichtung daher ist die Wahrheit zu schreiben, möchte ich ihm Vielen-vielen Dank sagen: diese Wahrheit ist zu selten, wenn es über Israel geht.

  4. Lieber Ulrich,
    natürlich lese ich, was du schreibst mit Freude und großem Respekt, weiß ich doch, dass sich kaum jemand in diesem Konflikt so gut auskennt wie du. Aber ich widerspreche einer Sache: "Natürlich ist der Staat Israel kein Deut besser als jeder andere Staat der Welt". Ich meine doch!! Israel ist besser als sehr viele Staaten der Welt, denn welcher Staat ist so schnell zur Stelle, wenn es um Hilfe bei großen Katastrophen in der Welt geht? Welcher Staat hat so viele tolle Sachen entwickelt, wie mobile Operationszelte und Wohneinheiten für Erdbebenopfer? Welcher Staat behandelt Verwundete aus Ländern, die eigentlicht Feindesland sind, in Krankenhäusern – dazu kostenlos? Welcher Staat behandelt sogar Verwundete aus dem Feindesland, mit dem es gerade im Kriegszustand ist? Und dazu noch die Verwandten von den Führern dieser Terrorstaaten, die Israel eigentlich vernichten wollen?????? Und welcher Staat versucht so sehr mit allen Mitteln, zivile Opfer der Gegener im Krieg zu vermeiden? Und welcher Staat wartet monate-, jahrelang, bis es die Raketenbeschüsse auf seine Bewohner endlich ahndet? Welches Land lässt seine Heiligtümer von den ihm feindlich gesinnten Volksgruppen verwalten und muss den Verzicht des Besuches seiner Gläubigen zu diesen Orten dafür in kauf nehmen? Und welches Land geht so gut mit der ständigen, massiven Kritik von EU, UNO, Sicherheitsrat, Generalsektretären, Staatsführeren, Politikern, Schriftstellern, fast allen Medien und gehirnverdrehten, hinter Schreibtischen sitzenden "Experten" um?
    Jedem von uns würde noch einiges mehr einfallen. Und wie kannst du nur Putin, Assad und Erdogan auf eine Stufe mit Netanjahu stellen!!!
    Aber sonst super geschrieben! Danke!

  5. Hervorragender, mutiger, umfassender und objektiver Bericht. Für die Freunde Israels die meistens über die Lage gut Bescheid wißen ist es eine wichtige Bestätigung. Die Judenhasser (sprich, Antisemiten) die ihr Hass gegen Juden und Israel hinter Fassaden von Linke "Gutmenschen" die sich um die Palästinenser kümmern verstecken, werden diesen Artikel wahrscheinlich zynisch beurteilen weil sie ja eine Meinung haben die sich erst dann evtl. ändern wird wen sie eines Tages zu Hause vor der eigenen Tür solche Banden wie die Hamas begegnen werden.

  6. Ich bin froh, dass ich zur aktuellen Tragödie im nahen Osten mich nicht sonderlich äußerte, da es zweifellos auf keiner Seite Raum für Frieden gibt – oder doch?

  7. Ich bin erstaunt und sehr erfreut hier auch einmal einen objektiven Bericht lesen zu dürfen, was sicher der Tatsache geschuldet ist, dass es sich bei ein Sahm um einen freien Journalisten handelt, der das Diktat der Hamas nicht berücksichtigen muss.
    Inzwischen haben ja einige der dort akkreditierten Journalisten, nach Verlassen des Gazastreifens die Wahrheit offenbart.

  8. Diesem Bericht kann ich nur zustimmen. Wie eine ehrlichere Bewertung der Situation Israels erreicht werden könnte, wird immer unklarer. Die Öffentlichkeitsarbeit Israels und der Freunde Israels hat wohl ihr Optimum ausgeschöpft. Weitgehend umsonst. Die Gefährdung Israels ist nicht geringer geworden. Die Mobilisation und Einung der Feinde Israels hat Kräftigung erfahren. Israel wird sich wohl daran gewöhnen müssen auch ohne den Beifall der „freien Welt“ einfach zu leben und das Überlebensnotwendige zu tun. Ich denke, die USA werden nicht auf den Brückenkopf Staat Israel verzichten können. Von daher einfach cool pokern…

  9. es ist an der zeit das Korrespondenten Mut fassen und endlich die Wahrheit schreiben !!!

    Sahm ist einer der wenigen die es tun und dafür HUT AB !!!

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