„Verschwundene Siedler“ und „Rachemord an Palästinenser“ – Die Schweizer Berichterstattung zu vier ermordeten Jugendlichen

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Schlagzeile in der Onlineausgabe von 20 Minuten.
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Als nationale Tragödie war die Entführung und Ermordung der drei israelischen Jugendlichen Gilad Shaar, Naftali Fraenkel und Eyal Yifrach   angebend in der Berichterstattung in Israel. Auch Schweizer Medien berichteten seit der Entführung am 12. Juni ausgiebig über die Ereignisse. Doch den meisten Beiträgen kann keine gute Note ausgestellt werden.

Schon alleine die Beschreibung der Wohnorte der Jugendlichen zeigte auf, mit welcher Nachlässigkeit vermeintliche Fakten voneinander übernehmen ohne diese zu überprüfen. In vielen Zeitungen, wie beispielsweise hier  im Tagesanzeiger, war die Rede davon, dass alle drei Jugendlichen in „umstrittenen Siedlungen“ im Westjordanland wohnen würden. Das ist nachweislich falsch, denn sowohl der Wohnort von Naftali (Nof Ayalon) als auch jener Eyals (Elat) liegen auf israelischem Gebiet. Einzig die Siedlung Talmon, der Wohnort von Gilad, liegt im Westjordanland.

Am 17. Juni fragte Monika Bolliger in der NZZ rhetorisch, ob nicht die Jugendlichen oder zumindest deren Eltern eine Verantwortung treffe, da diese doch auch innerhalb der grünen Linie studieren könnten. Sie schlägt zudem eine Brücke von der Entführung zur „Verzweiflung der Palästinenser“.

Bereits vor der Entführung kam es zu regelmässigen Raketenangriffen aus dem Gazastreifen auf Israel, worauf die israelische Armee mit  Luftschlägen gegen Abschussstellungen, Munitionsdepots etc. reagierte. Mit der Entführung intensivierte sich die Situation. Einmal mehr war zu beobachten, wie die Schweizer Medien fast durchweg die israelischen Einsätze ins Zentrum der Aufmerksamkeit stellten. Und – klassisch – wiesen die Überschriften in der überwiegenden Mehrheit nur auf die israelischen Angriffe hin; dass es sich dabei um Reaktionen auf vorangegangene Raketenangriffe durch palästinensische Terrorgruppen handelte, wurde in den Beiträgen an späterer Stelle erwähnt.

Mit dem Fund der drei toten Jugendlichen am 30. Juni änderte sich auch die Sprache in den Schweizer Medien. Während bis anhin von „drei Teenagern“, „jungen Israelis“, „jüdischen Jugendlichen“ etc. die Rede war, schrieb Jürg Bischoff in der NZZ von „Siedlern“ bzw. „jungen Siedlern“. Zudem schrieb er mehrfach vom „Verschwinden“ drei Jugendlichen, die „Entführung“ erwähnte er nur im Zusammenhang mit Netanyahu, der dies der Hamas vorwerfe.

Fast schon unisono schrieben die Schweizer Medien, dass Israel den Gazastreifen als „Vergeltung“ für die drei „Talmudschüler“ angreife, wie etwa vom Tagesanzeiger im Lead suggeriert. Das Schweizer Radio und Fernsehen fragte sich zudem, ob Netanyahu damit die Tore zur Hölle öffnen werde und übernahm damit eins-zu-eins die Diktion der Hamas. Zwar erklärte israelische Armee umgehend, dass es sich dabei um die Reaktion auf den Beschuss aus Gaza handle und diese Angriffe nicht in Verbindung mit den drei ermordeten Jugendlichen stehe. Doch diese vermochte die Schweizer Medien nicht zu beindrucken, geschweige denn war es denn meisten von ihnen eine Notiz wert.

Im Tagesanzeiger bezichtigte Claudia Kühner Israel am 2. Juli, nur auf Gewalt zu setzen. Zudem warf sie Netanyahu vor, den Islamisten zusätzlich in die Hände zu spielen, in dem er alles unternehme zur Verhinderung eines unabhängigen Palästinenserstaates. Dabei sei Israel zunehmend mit einer neuen Gefahr konfrontiert, wo doch erste Islamistenkämpfer bereits an der Golangrenze und im Sinai gesichtet worden seien. Zudem behauptet Kühner, in den Medien sei fast untergegangen, dass während der israelischen Suchaktion auch sechs Palästinenser starben. Frau Kühners Wahrnehmung scheint eine sehr selektive sein,, denn das ist schlicht Blödsinn; die Todesopfer wurden in allen Schweizer Medien erwähnt, die über die Entführung berichteten. Auch scheint Kühner einmal mehr wenig zu palästinensischer Gewalt, Aufhetzung und Verweigerungshaltung einzufallen, die eine friedliche die eine Beilegung des Nahostkonflikts seit Jahrzehnten erfolgreich verhindern. Auch scheint ihr nicht bewusst zu sein, dass islamistische Terrororganisation nicht erst seit gestern im Sinai operieren. Daraus lässt sich schliessen, dass Kühner von diesem Thema entweder keine grosse Ahnung hat oder Fakten, die ihrer Argumentation widersprechen, mit Vorliebe ignoriert.

Neben Kühner kam auch die Hamas-Politikerin aus Gaza Isra Almodallal in einem Interview mit Susanne Knaul im Tages-Anzeiger zu Worte. Einerseits ein sehr aufschlussreiches Gespräch, verkündete Almodallal etwa sie habe kein Mitleid mit den toten Israelis und behauptete, ihr Volk verfüge über kein Strom und Wasser. Zudem erklärt sie, die Ermordung der drei israelischen Jugendlichen sei „100 Prozent“ eine israelische Inszenierung. Andererseits unverständlich, warum Knaul die Politikerin nicht mit härteren Fragen zur Position der Hamas gegenüber Israel konfrontierte, etwa bezüglich der Hamas-Charta, die zur Ermordung von Juden und der Vernichtung Israels aufruft.

Während die meisten Medien in der Frage schwelgten, wie wohl die israelische „Vergeltung“ aussehen würde, ging  das Gratisblatt 20 Minuten einen Schritt weiter und fragte, wohin „Israels Rache-Feldzug“ führen werde. Selbstverständlich kann von einem solchen derzeit überhaupt nicht die Rede sein, doch war der Titel symptomatisch für den Rest des Artikels,  in dem es von Falschdarstellungen und Ungenauigkeiten wimmelte.

Nachdem am 2. Juli ein arabischer Jugendlicher in Jerusalem ermordet wurde, sprach der Newsnet/Tagesanzeiger von einem „mutmasslichen Racheakt“. Das St. Galler Tagblatt titelte gar „Rachemord an einem Palästinenser“. Dies ist insofern bemerkenswert, als dass die Schweizer Medien stets betonten, dass eine Verwicklung der Hamas in die Entführung der drei Israelis nicht erwiesen sei, eine blosse Anschuldigung durch Netanyahu. Im Falle des 16-jährigen Mohammed Abu Khdeir wurden aber oben erwähnte Schlussfolgerungen bereits zu einem Zeitpunkt gezogen, als die Polizei noch in alle Richtungen ermittelt. Auch zum jetzigen Zeitpunkt sind die Umstände noch ungeklärt.

Die aufgeladene Atmosphäre in Jerusalem nach der Ermordung von vier Jugendlichen – drei israelische und ein palästinensischer – führte in Israel zu Ausschreitungen und Protesten von beiden Seiten. Seltsam ist, dass in den Schweizer Medien zwar anti-arabische Ausschreitungen und Proteste Erwähnung finden, über eine Kundgebung gegen Rassismus und Gewalt mit über tausend Teilnehmern in Jerusalem nicht berichtet wird. Auch eine weitere Kundgebung in Tel Aviv fand keine Erwähnung.

Schliesslich erklärt im Tagesanzeiger ein Genfer „Nahost-Experte“ am 3. Juli, die Entführung sei für Israel zum richtigen Zeitpunkt gekommen, nicht aber für die Hamas. Israel wolle damit einen Keil zwischen die Palästinenser treiben, obwohl die Entführung nicht im Interesse der Hamas gewesen sei. Die darauffolgenden „Aktionen gegen die israelische Armee“ sehe er mehr als einen „Akt des Widerstandes“. Man kann wahrlich von Glück sprechen, dass Schweizer Medien stets irgendwo einen „Experten“ finden, der mit derart profunden Kenntnissen der Lage zu überzeugen weiss.

6 KOMMENTARE

  1. Ihre Analye ist sehr treffend – und bestätigt meine Eindrücke zur mehrheitlich einseitigen Position der veröffentlichten Meinung, aber leider auch der offiziellen Schweiz.

  2. Judenhass kennen wir Juden seit 2000 Jahren. Dank stillschweigender Zustimmung der diversen christlichen Kirchen wird er heute, als Antisemitismus 2.0, sogar gefördert. Dies mittels dem ergänzenden Judenhass & Israelhass und strikt antijüdischer Geschichtsklitterung der Muslime. Kennen wir auch, damit werden wir leben müssen.
    Aber müssen wir uns mit den nichtssagenden Aussagen von Spammern der Redaktion der Wochenzeitung für unverbindliches Judentum, dem Tachles, abfinden? Kürzlich wurde in der BAZ ein Interview mit dem Chefredakteur des Tachles, seinen Namen habe ich vergessen, veröffentlicht. Müssen wir diese dümmlichen Aussagen als alleinige Wahrheit über Israel und seine Politik gegen Terrorismus schlucken? Vom Tachles, das ich nicht nur als anti-zionistisch, sondern der pro-palästinensischen Lobby zugehörend sehe? Warum überlässt dieser Chefredakteur Aussagen über Israel nicht jemandem, der Israel versteht, kennt und liebt? Will er unbedingt eine journalistische Duftmarke hinterlassen?
    Warum setzen sich in der Schweiz die selbsthassenden Juden durch? Weil sie am Jom Kippur Schweinsbäggli essen? Warum werden sie nicht an den Pranger gestellt und geächtet?
    Gerne möchte ich auf folgende Webseiten aufmerksam machen: http://www.financingtheflames.com und http://www.en.imti.org.il
    Es gibt nämlich abseits der AgitProp der jüdischen und israelischen pro-palästinensischen Lobby auch eine andere Seite, die Sie anhören müssen.
    Persönliche und private Meinung von Alexander Scheiner, Israel

    • @Alexander Scheiner: Judenhass gibt es – leider – nicht erst seit 2000 Jahren! Lesen Sie einmal Flavius Josephus' "gegen Apion", eine Apologetik gegen den ägyptischen aggressiv antisemitischen Arzt, der vor mehr als 2000 Jahren lebte und wirkte! Und Apion war nicht der einzige!

  3. Claudia Kühner ist eine ganz normale Israelbasherin. Sie manipuliert seit Jahrzehnten die öffentliche Meinung in der Schweiz bezüglich Israel bzw. sie versucht es. Sie unterscheidet sich diesbezüglich aktuell kaum von Monika Bollinger von der Neuen Zürcher Zeitung (früher war es u.a. Arnold Hottinger) und vielen anderen Medienschaffenden in der Schweiz.
    Besten Dank an Audiatur online für die obige Analyse.

    • Claudia Kühner unterscheidet sich insofern von M. Bolliger, dass sie sich (noch) wesentlich aggressiver gegen Israel positioniert! Dass Claudia Kühner noch einen jüdischen Familienhintergrund aufzuweisen hat, macht die Sache noch wesentlich schlimmer! Selbsthass gehört eigentlich auf die psychologische Ebene und sollte nicht journalistisch ausgelebt werden!

  4. Ich lernte vom Artikel, dass sich die Schweizer "Qualitäts"-Journaille genauso unter jeder Kritik befindet wie die deutsche – sobald es um Israel geht. Eine Enttäuschung, wahrscheinlich nicht die letzte.
    lg
    caruso

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