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„Ich möchte gerne eine Linie ziehen von „e“ in Acre (der Hafenstadt Akko) zum letzten „k“ in Kirkurk.“ Das sagte der britische Diplomat Sir Mark Sykes bei einer Sitzung in Downing 10 in London am 16. Dezember 1915. Mit dem französischen Diplomaten François Georges-Picot teilte er das Osmanische Reich auf, noch ehe es erobert worden war. Briten, Franzosen und die zaristischen Russen als Partner haben am 16. Mai 1916 das Sykes–Picot Abkommen verkündet.

Das war die neue Weltordnung für die ölreichste und geschichtsträchtige Region des „fruchtbaren Halbmonds“. Mit geraden Linien auf der Landkarte wurden so die wirtschaftlichen und militärstrategischen Interessen der Briten und Franzosen abgesteckt. In diesem Gebiet wurden künstlich Staaten geschaffen, darunter der Libanon, Syrien, Irak und Saudi Arabien. Die Entstehung weiterer Staaten, darunter die Abspaltung „Ost-Palästinas“, um Jordanien zu errichten, oder die Entstehung Israels, waren nur Details weiterer historischer Entwicklungen in dem von Sykes und Picot vorgegebenen Rahmen.

Zuvor herrschten dort 400 Jahre lang die türkischen Osmanen über ein riesiges Imperium. In seiner grössten Ausbreitung 1683 reichte das Osmanische Reich von den Toren Wiens bis Algerien, über Ägypten und Saudi Arabien bis Baku in Aserbeidschan und zur Ukraine.

Trotz Kriegen und Umwälzungen hat das Sykes-Picot Abkommen bis heute die politische Landschaft fast hundert Jahre entscheidend geprägt. Die selbstherrliche kolonialistische Willkür, mit der Grenzen in geraden Linien von „e“ nach „k“ gezogen worden sind, kann man noch heute auf den Landkarten Nordafrikas und des Mittleren Ostens erkennen: Linealgrenzen ohne Rücksicht auf Topografie, natürlich gewachsene Stammesgrenzen oder auf die Geschichte dieser Region. Das Volk der Kurden wurde auf vier Staaten verteilt: Irak, Iran, Türkei und Syrien.

Auch Europa wurde nach dem Zweiten Weltkrieg unter ähnlichen Umständen ziemlich willkürlich neu geordnet, wie etwa 1945 auf dem Gipfel in Yalta mit Stalin, Churchill und Roosevelt. Diese europäische Ordnung hat bis zum Zusammenbruch der Sowjetunion 1990 und teilweise bis heute recht gut gehalten. Gleichwohl haben sich auch im angeblich so stabilen Europa nach 1945 mehrere Staaten in Luft aufgelöst, darunter die DDR und Jugoslawien, während die Tschechoslowakei sich spaltete und auf dem Balkan ein blutiger Krieg mehr Todesopfer forderte, als alle Nahostkriege zusammen.

Vielleicht wegen dieser künstlichen Grenzen, die ohne jede Logik auf die Landkarten des Mittleren Ostens gezeichnet worden sind, haben sich alle in diesem Rahmen künstlich geschaffenen arabischen und anderen Staaten an die Linealgrenzen gehalten. Weil sich die unterschiedlichsten Volksstämme und zum Teil verfeindeten Völker und Religionsgruppen wie Kurden, Schiiten und Sunniten im Irak, oder Drusen, Kurden, Alawiten und andere in Syrien in einem Land wiederfanden, konnte sich kein Nationalismus im europäischen Stil entwickeln. Denn die Konfliktlinien sind nicht ideologisch bestimmt, von rechts nach links, sondern entlang ethnischer Grenzen oder religiöser Zugehörigkeiten.

Mangels gemeinsamer Sprache, Kultur und Geschichte waren die künstlichen Staaten im Gebiet des ehemaligen Osmanischen Reiches nur durch Diktatoren zu regieren. Gamal Nasser, Hosni Mubarak, Hafez und Baschar Assad, Saddam Hussein und Muammar Ghaddafi sind ausgewählte Beispiele.

Einen ersten Tabubruch des „geheiligten“ Systems der künstlichen Linealgrenzen seit dem Sykes-Picot Abkommen hatte der irakische Diktator Saddam Hussein im August 1990 begangen mit seinem Überfall auf Kuwait. Der erste Irakkrieg ab dem 15. Januar 1991 war keine amerikanische Initiative, wie meist dargestellt, sondern das Ergebnis eines Bündnisses fast aller arabischen Staaten. Sie mussten das „Schlucken“ Kuwaits durch Saddam Hussein rückgängig machen, damit nicht das ganze Kartenhaus mit unsinnigen Grenzen zusammenbricht.

Jetzt droht dem System erneut akute Gefahr durch ISIS, der Organisation „Islamischer Staat“. Die Grenze zwischen Irak und Syrien ist schon verwischt. Infolge des Bürgerkriegs in Syrien und der aktiven Beteiligung der libanesischen Hisbollah ist auch die Grenze zwischen Libanon und Syrien irrelevant geworden. Im Visier stehen Jordanien und Saudi Arabien. Beide Länder haben Truppen an ihre Grenze zum Irak verlegt und befürchten das Schlimmste. Eine Eroberung von Bagdad steht angeblich bevor, nachdem rund 12.000 ISIS Kämpfer die irakische Armee mit 200.000 Soldaten und modernen amerikanischen Waffen besiegt oder zur Kapitulation gezwungen haben. Die ISIS-Extremisten haben zudem die Gründung eines „Kalifats“ bekannt gegeben, also die Schaffung einer dank Sykes-Picot vor fast hundert Jahren verschwundenen islamischen Regierungsform. Ihren Chef Abu Bakr al-Baghdadi ernannte ISIS zum „Kalifen“ und damit zum „Anführer aller Muslime“.

Israels Reaktion

Der Vormarsch der ISIS in Syrien wie im Irak wird in Israel mit grosser Sorge aufmerksam verfolgt. Experten wie der frühere Luftwaffengeneral Amos Jadlin versuchen zu „beruhigen“. Noch bestehe kein Grund zur „Panik“, obgleich ISIS-Kämpfer und Flaggen schon bei einem Begräbnis im Gazastreifen gesichtet worden seien. ISIS scheint auch schon im ägyptischen Sinai präsent zu sein. Ob sie bis zur Grenze zwischen Israel und Syrien vordringen, dürfte nur noch eine Frage der Zeit seit.

Pro_ISIS Demo in Maan Jordan
Pro-ISIS demo in Ma’an, Jordanien Foto: YOUTUBE

Grosse Sorge bereitet der Bestand des Nachbarlandes Jordanien. Das Haschemitische Königreich ist überschwemmt mit Flüchtlingen aus Syrien und Irak. In Maan, 200 Kilometer südlich von Amman, einer Hochburg der Islamisten, ist es in den vergangenen Tagen zu blutigen Gefechten mit der jordanischen Armee gekommen. Eine hausgemachte ISIS in Maan gefährdet Jordanien mehr noch als eine Invasion aus Irak. Bei Demonstrationen gegen König Abdullah in Maan wurden schwarze Flaggen von ISIS geschwenkt. „Jordanien hat eine starke und motivierte Armee, im Gegensatz zum Irak. Das sollte nicht unterschätzt werden“, so Jadlin. Israel hat mit Jordanien 1996 einen Friedensvertrag unterzeichnet mitsamt einem Geheimparagraphen, wonach Israel im Ernstfall bereit sei, Jordanien zu verteidigen. Das gilt als eine Art „Lebensversicherung“ für das Königreich. Gemäss unbestätigten Meldungen seien die USA und Israel bereit, Truppen und Kampfflugzeuge zu entsenden.

Israel handelt dabei aus ureigenem militärstrategischem Interesse. Mit Jordanien verfügt der jüdische Staat über die längste gemeinsame Grenze zu einem Nachbarstaat. Entlang dieser Ostflanke ist Israel am verwundbarsten. Das ist das natürliche Einfallstor vom Osten her, für alle denkbaren Feinde. Jordanien erweist sich seit Jahrzehnten als eines der stabilsten und „gemässigten“ arabischen Staaten. Mit seinen riesigen Wüstengebieten dient es Israel als natürliche „Pufferzone“.

ISIS in Gaza
Flaggen der ISIS an einer Trauerfeier in Gaza, Foto: NRG

Am vergangenen Sonntag hat der israelische Ministerpräsident die strategische Bedeutung Jordaniens auch für die Zukunft der Palästinenser dargelegt, zumal es in Jordanien eine palästinensische Bevölkerungsmehrheit von etwa 75 Prozent gibt. Benjamin Netanjahu bekannte sich erneut zur Zwei-Staatenlösung. Aber mit Hinweis auf die aktuellen Gefahren betonte er zwei Konditionen. Der künftige palästinensische Staat müsse entmilitarisiert sein, damit sich der Raketenbeschuss wie aus dem Gazastreifen nicht wiederholen könne, diesmal aber vor den Toren von Tel Aviv und mitten in Jerusalem. Ebenso werde Israel „eine sehr lange Zeit“ seine Truppen am Jordan halten. Diese Forderung Netanjahus ist nicht neu, hat aber angesichts der ISIS-Gefahr zusätzliche Dringlichkeit erhalten. Wegen der Auflösung des bisherigen Staatengefüges, muss Israel über neue Strategien nachdenken, wenn es am Ende vielleicht als einziger Nationalstaat gemäss europäischem Vorbild im Nahen Osten bestehen will. Auch die palästinensische Selbstverwaltung hat sich nicht wie ein europäischer Staat konstituiert mit Gewaltentrennung und demokratischen Regeln. Wie in vielen arabischen Ländern verfügt jede politische Partei über einen „militärischen Arm“, eine bewaffnete Miliz. Die Hamas hat zudem in ihrer Charta das Ziel festgeschrieben, anstelle Israels ein islamisches Kalifat einzurichten. Das ist buchstäblich das Ziel der ISIS.

 

Über Ulrich W. Sahm

Ulrich W. Sahm, Sohn eines deutschen Diplomaten, belegte nach erfolgtem Hochschulabschluss in ev. Theologie, Judaistik und Linguistik in Deutschland noch ein Studium der Hebräischen Literatur an der Hebräischen Universität in Jerusalem. Seit 1975 ist Ulrich Sahm Nahost-Korrespondent für verschiedene deutschsprachige Medien und berichtet direkt aus Jerusalem.

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