Nakba und Holocaust verhindern Frieden in Nahost

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El Aida Flüchtlingslager in Bethlehem: ein handgeschmiedeter Eisenschlüssel symbolisiert das Rückkehrrecht für die Flüchtlinge. Foto Ulrich W. Sahm
El Aida Flüchtlingslager in Bethlehem: ein handgeschmiedeter Eisenschlüssel symbolisiert das Rückkehrrecht für die Flüchtlinge. Foto Ulrich W. Sahm
Lesezeit: 4 Minuten

Die palästinensische „Nakba“ steht im Arabischen für Katastrophe oder „Holocaust“, womit das palästinensische Leid, die Vertreibung oder Flucht von 700.000 Palästinensern 1948 auf die gleiche Ebene gehoben wird wie der Genozid an den Juden. Bei den Juden kommen neben dem Holocaust mit 6 Millionen Ermordeten in Europa noch andere Katastrophen seit biblischer Zeit bis heute hinzu, darunter Tausende äthiopische Juden, die auf ihrer Flucht über den Sudan nach Israel ums Leben gekommen sind.

Selbstverständlich hinken historische Vergleiche. Der von Palästinensern betriebene Wettbewerb, welches Volk das grössere Leid erlitten habe, wirkt befremdlich. Da aber Juden wie Palästinenser ihren jeweiligen „Holocaust“ ins Zentrum ihres Daseins stellen, sollte ein Vergleich des Umgangs mit diesem Thema legitim sein, zumal das jeweilige empfundene „Leid“ auch eine Friedensfindung behindert.

Bei den Juden hat die historische Erfahrung zu einer akuten Existenzangst geführt. Neben der ideologisch bedingten Ausrottung der „jüdischen Rasse“ durch die Nazis, kommen eine 2000- jährige religiös motivierte antijüdische Verfolgungen hinzu, ein gegen Juden gerichteter palästinensischer Terror seit den 1970er Jahren und offene Vernichtungsdrohungen arabischer Politiker gegen den jüdischen Staat und das Atomprogramm des Iran. Im Ergebnis läuft es für die Juden stets auf das gleiche Ziel hinaus. Das Christentum hat die Juden wegen „Gottesmord“ delegitimiert, die Nazis haben die Juden zur minderwertigen Rasse erklärt und die „Antizionisten“ halten die jüdische Nationalbewegung, den Zionismus und den Staat Israel für illegitim.

Die Gründung des „Judenstaates“, wie ihn Theodor Herzl nannte, war eine Reaktion auf die Dreyfus-Affäre in Paris, Massaker in der Ukraine und die  Shoah in Europa. Bis zum Eichmann-Prozess 1961 wollten sich die Israelis nicht mit dem Holocaust auseinandersetzen. Sie dachten nur an den Aufbau ihres Staates. Erstmals seit 2000 Jahren wollten sie nicht mehr Spielball der Völker sein, sondern sich selber verteidigen können. „Sicherheit“ bestimmen die Politik und das tägliche Leben. Wer Juden mit Auslöschung droht, muss heute mit einer hochmotivierten militärischen Reaktion Israels rechnen. Das galt für die Araber in mehreren Kriegen, für die Palästinenser nach Ausbruch ihrer Intifada 1987 und 2000 und für Irak, Syrien und Iran bei ihren Versuchen, Atomwaffen zu bauen, um sich des „zionistischen Gebildes“ zu entledigen. Wenn es um die physische Existenz geht, sind die Israelis aufgrund ihrer historischen Erfahrung nicht bereit, auch nur das geringste Risiko einzugehen. Die Folgen sind eine der effektivsten Armeen der Welt, der Aufbau einer Rüstungsindustrie, aber auch die Siedlungspolitik und eine kompromisslose Verhandlungsführung gegenüber den Palästinensern bei militärstrategischen Fragen.

Die Nakba

Die Palästinenser reagieren auf ihren „Holocaust“ völlig anders. Während die Juden unbestritten den umfangreichsten Völkermord der Menschheitsgeschichte erlitten haben, mussten die Palästinenser die „Einzigartigkeit“ ihrer Katastrophe erst „erfinden“. Teilweise ist es ihnen gelungen. So schenkte die UNO allein den „arabischen Flüchtlingen aus Palästina“ eine separate Flüchtlingsorganisation (UNWRA) mitsamt eigenem Mandat. Allein den Palästinensern steht ein „Rückkehrrecht“ zu. Millionen andere Flüchtlinge, darunter Deutsche, Russen, Polen, Afrikaner, Syrer, Iraker usw. sollen gemäss dem Mandat der anderen UNO-Flüchtlingshilfeorganisation (UNHCR) so schnell wie möglich einem „menschenwürdigen Leben“ zugeführt werden, in ihrer Heimat oder in einem Gastland. Nachgeborene Kinder verlieren den Flüchtlingsstatus. Auf Kosten von Steuerzahlern aus aller Welt werden hingegen die Kindeskinder palästinensischer Flüchtlinge von der UNWRA ernährt, ausgebildet und ärztlich verpflegt. Im Libanon werden sie zwangsweise in Flüchtingslagern gehalten.

Niemals nennen Palästinenser die Zahl ihrer Toten während der Nakba von 1948. Stellvertretend wird nur Dir Jassin erwähnt, wo „jüdische Terroristen“ ein Massaker an etwa 100 Menschen begangen haben. So vermeiden sie einen Vergleich mit den Toten des jüdischen Holocaust. Auch die Zahl der palästinensischen Flüchtlinge entspricht nicht einmal annähernd den Flüchtlingsströmen in der gleichen Periode in Europa, Indien/Pakistan und anderswo. Es gab sogar mehr jüdische Flüchtlinge aus der arabischen Welt als Araber, die Israel verlassen mussten. Einzigartig ist nur die Zählung der „ungefähr“ 400 zerstörten Dörfer. Wahrscheinlich hat sich nie jemand die Mühe gemacht, im Zweiten Weltkrieg zerstörte Dörfer (mitsamt Einwohnern) zu zählen. So ist nur ein Element bei der Nakba einzigartig, was es nie zuvor und nirgendwo anders gegeben hat: Man weist die Schuld den Juden zu.

Das „Leid“ hat die Palästinenser jedoch nicht angespornt, nach Vorne zu schauen, einen Staat aufzubauen und Erfolg anzustreben. Vielmehr potenzieren sie in ihrer Propaganda das Leid zusätzlich mit der Betonung überwiegend selbstverschuldeter neuer Leiden. Israelische Grenzkontrollen und die Errichtung der „Mauer“ waren eine direkte Reaktion auf den blutigen aber letztlich chancenlosen Widerstand der Palästinenser gegen Israel, darunter Selbstmordattentate. Die Trümmerfelder im Gazastreifen nach israelischen Bombardements wären ausgeblieben, wenn die Hamas nicht 12.000 Raketen auf Israel abgeschossen hätte. Wegen der offen ausgesprochenen Vernichtungsabsichten, Raketenangriffen und Kampfbereitschaft, denkt Israel nicht daran, erneut den „Fehler“ eines Rückzugs aus dem Westjordanland zu wiederholen.

Leid als Einnahmequelle

1994 hatte Israel einen zinslosen jährlichen Kredit in Höhe von 140 Mio. D-Mark verloren, den Konrad Adenauer an David Ben Gurion als verkappte Fortsetzung der Wiedergutmachungszahlungen versprochen hatte. Die Bundesrepublik stoppte diese „Entwicklungshilfe“, weil Israel Mitglied der OECD geworden war, dem Klub der reichen Nationen. Würden die Palästinenser ihre Luxushotels mit üppigen Schwimmbädern, Luxusvillen, dicke Autos und Erfolgsunternehmen in den Vordergrund stellen, könnten die Milliardensummen ausbleiben, die sie von den USA, der EU und anderen Geberländern erhalten. „Leid“ ist so die lukrativste Einnahmequelle der Palästinenser. Gemäss jeglichen Kriterien geht es ihnen gleichwohl wirtschaftlich besser, als den meisten Ländern der Welt. Die „Aufbauhilfe“, die auch unkontrolliert in die Taschen der Eliten fliesst, würde ausbleiben, sowie die Palästinenser sich mit einem eigenen Staat an international übliche Regeln halten müssten.

Der Umgang mit Nakba und Holocaust und deren Gleichsetzung macht deshalb einen „Frieden“ zwischen Israelis und Palästinensern undenkbar und gar unmöglich.

Über Ulrich W. Sahm

Ulrich W. Sahm, Sohn eines deutschen Diplomaten, belegte nach erfolgtem Hochschulabschluss in ev. Theologie, Judaistik und Linguistik in Deutschland noch ein Studium der Hebräischen Literatur an der Hebräischen Universität in Jerusalem. Seit 1975 ist Ulrich Sahm Nahost-Korrespondent für verschiedene deutschsprachige Medien und berichtet direkt aus Jerusalem.

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5 KOMMENTARE

  1. … ein interessanter, gut fundierter Artikel von Ulrich W. Sahm! Anmerken möchte ich dazu nur noch: bei all diesen Naqba-Geschichten mit dem damit zusammenhängenden Flüchtlingsschicksal (die Palästinenser nennen es "Vertreibung", was in dieser generellen Aussage nicht korrekt ist!) wird das Schicksal der jüdischen "Flüchtlinge" aus arabischen Ländern nicht erwähnt, die nicht weniger auch Unterdrückung mit Pogromen und Vertreibung zu erdulden hatten! Und – wir wissen es – diese jüdischen Flüchtlinge wurden praktisch sang- und klanglos in Israel und anderswo integriert! Vermutlich haben diese (jüdischen^) Flüchtlinge dazu einiges mehr an materiellen Gütern zurück gelassen als die palästinensischen Flüchtlinge. – Ein weiteres Detail, das einfach immer wieder erwähnt werden muss: Wo gibt es in der weltweiten Völkergemeinschaft so etwas, wie einen "vererbten Flüchtlingsstatus", der nun schon seit Jahrzehnten andauert und Milliarden von Dollars kostete, ohne dass von Seiten der Betroffenen auf irgend eine konstruktive Art etwas dagegen unternommen wurde! Im Gegenteil: Nach wie vor werden all diese "Flüchtlingslager" politisch gegen Israel ausgespielt!

  2. Es sind bekannte Tatsachen, die aber von den Europäischen Beamten und Politiker völlig ignoriert werden. Es ist für die, die einmal das jüdische Volk auslöschen wollten unerträglich, dass die Juden anstatt Opfer zu werden sich wehren und sich nach Ihrem Versprechen :"Wir werden uns nie wieder der Gefahr der Vernichtung aussetzen, diese Lehre brennt in uns allen. Das ist unsere Erfahrung, unsere Geschichte" seit 1945 richten.

  3. interessant auch in diesem zusammenhang, dass sich die mehrzahl der heute lebenden, nach 1945 geborenen deutschen, dank "gnade der späten geburt" – durchaus zu recht – jegliche schuldzuweisung am holocaust und/oder wk2 verbitten, kaum eine gelegenheit auslassen, die heute lebenden israelis (absolut überwiegend nach 1949 geboren), ununterbrochen an die (kollektive?) schuld der sog. vertreibung 1948/49 zu "erinnern" und zur "korrektur/wiedergutmachung/rückgabe etc." auffordern.
    das ist so absurd wie kaum etwas anderes im verhältnis zwischen deutschen und israelis.
    die deutschen verlangen, die schande ihrer großeltern zu vergessen und verlangen andererseits von den israelis, für die (eventuellen) sünden ihrer großeltern zu sühnen.
    verrückt!

    • Das ist eine sehr gute Beobachtung, an die ich noch nicht gedacht hatte.

      Aber 3 Jahre (1945 bis 1948) ist doch eigentlich eine seeeehr lange Zeit. Oder?
      Was die Palästinenser wohl argumentieren werden, wenn dann 2017 die Israelis darauf pochen, einen "Schlussstrich" zu ziehen

  4. ganz hohes Niveau, gut aufbereitete Fakten eines langjährigen Beobachters vor Ort – sehr bemerkenswerter Artikel, der beide Perspktiven auf den Punkt bringt!

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