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Die Welt soll Israel nach einem einzigen Standard beurteilen. Und nach demselben Standard soll sie jene beurteilen, die Israel verurteilen.

Eine paradigmatische Eigenschaft sämtlichen Fanatismus besteht darin, eine Schwäche auszuwählen, die unter allen Kulturen, Ethnien, Religionen und Nationalitäten verbreitet ist, und diese dann einer einzigen Gruppe zuzuschreiben.

Zum Beispiel: „Schwarze sind gewalttätig“, „Juden sind knausrig“, „Asiaten sind  hinterhältig“, „Homosexuelle sind Pädophile“, „Frauen sind unvernünftig“, „Romas sind Betrüger“.

In Wirklichkeit gibt es natürlich in jeder Gruppe ein paar Leute mit diesen negativen Eigenschaften. Die Fanatiker, die das behaupten, verweisen zu Recht auf die Tatsache, dass einige Angehörige diese Gruppe die negativen Eigenschaften aufweisen, die der ganzen Gruppe zugeschrieben werden.

Aber der Fanatismus besteht darin, eine dieser Gruppen aufgrund einer einzigartigen Verurteilung auszusondern, basierend auf angeblich weitverbreiteten Verfehlungen; ohne anzuerkennen, dass Angehörige anderer Gruppen über dieselben Fehler verfügen; manchmal in stärkerer Ausprägung als die Gruppe, die dafür ausgesondert wird.

Und genau das geschieht im Kontext des Nationalstaates des jüdischen Volkes, mit Israel, das durch die Kampagne Boykotte, Desinvestition und Sanktionen ausgesondert wird.

Wie der  Präsident  des American Studies Association, Curtis Marez, eingestand, nachdem seine Organisation über Israel als einzigem Land der Welt einen akademischen Boykott verhängte: Viele andere Länder, darunter Israels Nachbarn, haben einen weitaus schlimmere Bilanz was Menschenrechte und akademische Freiheit anbelangt.

Darüber hinaus hatten andere Länder (darunter China, Russland und die Türkei) weitaus länger andauernde und repressivere Besatzungen als Israel, ohne deren Ende als Teil eines ausgehandelten Friedens anzubieten (wie es Israel tat). Aber die Antwort von Professor Marez auf den Vorwurf des Fanatismus, einen Doppelstandard auf den Nationalstaat des jüdischen Volkes anzuwenden, lautete: „Wir müssen ja irgendwo anfangen“.

Dies ist eine typische Reaktion der Fanatiker. Wenn es darum geht, Gewalt zu verurteilen, müssen wir ja irgendwo beginnen, also konzentrieren wir uns bei Durchsuchungen auf Afro-Amerikaner. Wenn es darum geht, Pädophilie zu unterbinden, „müssen wir ja auch irgendwo anfangen“, also fangen wir doch damit an, Schwule zu profilieren. Ohne Zweifel würde diese Methode als personifizierter Fanatismus anerkannt. Die Antwort von Marez ist mehr als nur fanatisch, sie ist verlogen.

Seine Organisation beginnt nicht einfach mit Israel, sie hört bei Israel auf. Eine Abstimmung zum Boykott chinesischer, kubanischer, russischer oder palästinensische Universitäten würde, wenn überhaupt, nur ein paar wenige Stimmen gewinnen, obwohl sie in Sachen Bürgerrechte, Menschenrechte und akademische Freiheiten wesentlich schlechter dastehen als Israel. Auch das ist das Paradigma des Fanatismus: mit einer ethnischen oder religiösen Gruppe anfangen und aufhören und einen anderen Standard auf jede andere Gruppe anwenden.

Als die Harvard Universität ein Quotensystem annahm, dass sich ausschliesslich gegen jüdische Kandidaten richtete, rechtfertigte der Präsident von Harvard,  A. Lawrence Lowell, die Aussonderung von Juden, weil, wie er behauptete, „Juden schummeln.“ Als man ihm sagte, dass auch Christen mogeln, antwortete er, „Du wechselst das Thema. Wir reden jetzt über die Juden.“

Auch er musste irgendwo anfangen und aufhören. Also hat er Juden ausgesondert. War das antisemitisch? Die Antwort auf die Frage, ob ein akademischer Boykott des Nationalstaats des jüdischen Volkes eine antisemitische Tat ist, lautet „wenn der Schuh passt…“

In diesem Fall passt nicht nur der Schuh, sondern wie bei Aschenputtel passt der Schuh einer einzigen Gruppe: akademischen Institutionen des Nationalstaats des jüdischen Volkes.

Es gibt diejenigen, die argumentieren, dass die BDS-Bewegung (Boykott, Desinvestition und Sanktionen) gegen Israel nicht antisemitisch sein kann, weil sie sich gegen einen Staat und nicht gegen Personen richtet. Aber indem Israel als der Jude unter den Nationen behandelt wird – ausgesondert, um ihn zu verurteilen, während andere Länder weitaus schlimmer sind, egal welchen Massstab man anlegt -– so erweitern Befürworter von BDS lediglich die Idee des Antisemitismus über das Individuum hinaus auf den Nationalstaat des jüdischen Volkes. Als die Nazis „jüdische Physik“, „jüdische Kunst“ und die „Geschäftsmethoden der Juden“ verurteilten, haben sie ebenfalls behauptet, dass sie sich auf jüdische Institutionen und nicht auf jüdische Menschen konzentrierten. Diese Rechtfertigung funktioniert nicht. Den Juden unter den Völkern genau so zu behandeln, wie der klassische Antisemitismus das jüdische Volk behandelt hat, ist schlichtweg eine neue Adaption der ältesten Vorurteile.

Also soll die Welt jene wegen Anwendung eines Doppelstandards verurteilen, die den Nationalstaat des jüdischen Volkes aussondern; soll die Welt verstehen, dass Fanatismus immer Fanatismus ist, ob nun gegen den Juden unter den Nationen oder den Juden in den Nationen gerichtet.

Sollen diejenigen, die Länder boykottieren wollen, einen einfachen Moraltest machen: das Schlimmste zuerst. Sollen sie einen weiteren Moraltest machen: sich erst auf die Länder konzentrieren, in denen Andersdenkende nicht geduldet werden und in denen es keinen internen Rekurs gegen Menschenrechtsverletzungen gibt.

Wendet man diese Tests auf Israel an, würde der Nationalstaat des jüdischen Volkes an unterster Stelle der Länderliste stehen, die einen Boykott verdienten. Aber die schlimmste Nation zu ignorieren und eine Nation zu verurteilen, die an oberste Stelle steht in Sachen Menschenrechte, akademischer Freiheit und Rechtsstaatlichkeit, wird der Fanatismus derjenigen, die verurteilen, offensichtlich.

Die Welt soll Israel nach einem einzigen Standard beurteilen. Und nach demselben Standard soll sie jene beurteilen, die Israel verurteilen.

Alan M. Dershowitz ist langjähriger Professor an der Harvard Law School und ein bekannter Fürsprecher Israels in den Vereinigten Staaten.

Quelle: Is singling out Israel for boycotts anti-Semitic? By Alan M. Dershowitz © The Jerusalem Post, December 19, 2013.

 

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1 KOMMENTAR

  1. Ja, Boykott gegen Israel ist Antisemitismus, reinster ausagierter Hass gegen Juden und Israel. Der erste Boykott gegen Israel aus der Zeit der Staatsgründung wurde von der Arabischen Liga als Waffe gegen Israel, aber auch gegen Juden eingesetzt. Es gibt bis heute keine vergleichbare Aktion gegen einen Staat und seine Bürger. Es gibt heute nur diesen einen Boykott gegen Israel und gegen Juden.
    Heute ist die palästinensische Boykottbewegung BDS, die grundsätzlich gegen Israel und gegen alle Juden gerichtet ist, purer Antisemitismus. Unglaublicher Weise wird BDS von israelischen und jüdischen NGOs zumindest ideologisch unterstützt. Dabei gibt es keinen Zusammenhang zwischen BDS und den verlogenen Anschuldigungen und Behauptungen dieser NGOs, auch nicht mit der Kreuzigungskeule. Diese palästinensische BDS-Bewegung dient einzig und allein der Ausgrenzung Israels und der Juden weltweit. Diese BDS-Bewegung ist der ideologische Nachfolger 2.0 der Aktion „Kauft nichts bei Juden“ vor dem 2. Weltkrieg in Deutschland, vor der Vernichtung der Juden durch die Nazis.
    Leider wird diese gefährliche BDS-Bewegung, die 2014 etwa 10 Milliarden Franken Schaden anrichten wird, auch von der jüdischen Organisation JVJP.CH und deren unbedarften Mitläufern unterstützt. Angeblich, um den palästinensischen Arabern zu helfen. Inzwischen steht fest, diesen wurde noch nie damit geholfen. Die Konsequenzen jedoch müssen aber Israel, seine Bevölkerung und das Judentum tragen.

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