Dr. Mahathir Mohamad, Foto PD
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Die heute in Vergessenheit geratene Mahathir-Affäre verdeutlicht wie Antisemitismus ein weitverbreitetes grundlegendes Problem in arabischen und anderen islamischen Gesellschaften ist. Mohamad Mahathir, damaliger Premierminister von Malaysia, erweckte mit seiner Rede am Gipfeltreffen der Organisation Islamische Konferenz (OIK) 2003, deren Gastgeber er war, internationale Aufmerksamkeit. Die Beziehung zwischen Juden und Muslimen stellte er als weltweite Frontalkonfrontation dar.[1]

„1.3 Milliarden Muslime können nicht von ein paar Millionen Juden besiegt werden“, so Mahathri. „Es muss einen Weg geben. Und wir können nur einen Weg finden, wenn wir innehalten und überlegen, unsere Schwächen und unsere Stärken auswerten, planen, Strategien entwerfen und dann zurückschlagen. Wir sind in Wirklichkeit sehr stark. 1.3 Milliarden Menschen können nicht einfach weggewischt werden. Die Europäer töteten sechs von zwölf Millionen Juden. Aber heute beherrschen die Juden durch Stellvertreter diese Welt. Sie lassen andere für sich kämpfen und sterben.“

„Wir haben es mit einem Volk zu tun, das denkt. Sie überlebten 2000 Jahre Pogrome, nicht weil sie zurückschlugen, sondern durch denken. Sie erfanden den Sozialismus, Kommunismus, die Menschenrechte und die Demokratie und brachten diese erfolgreich voran, sodass ihre Verfolgung als Unrecht erscheinen muss und sie gleiche Rechte erhalten wie alle anderen. Damit haben sie nun die Kontrolle über die mächtigsten Länder erhalten und sie, diese winzige Gemeinschaft, sind zur Weltmacht geworden. Mit Muskelkraft alleine können wir sie nicht bekämpfen. Wir müssen ebenfalls unseren Kopf benutzen.“[2]

Seine Aussage war eine weitere umfangreiche Darstellung des klassischen antisemitischen Motivs, wonach Juden „nach der Weltherrschaft gieren.“ Mahathir erhielt stehenden Beifall von den Konferenzteilnehmern, unter ihnen befanden sich Führer von allen muslimischen Nationen. In einem Leitartikel in Le Monde, der Mahathirs Rede kommentiert, heisst es, dass „solche Worte in der arabisch-islamischen Welt weitverbreitet sind, wo sie als offensichtliche Wahrheit gelten…und diese direkte Form des Rassismus wird schlicht und einfach als normale Kategorie der ‚politischen Debatte‘ praktiziert.“[3]

Die Reaktionen auf Mahathirs Aussagen fielen unterschiedlich aus. Viele westliche Politiker und Medien verurteilten ihn. Was die islamische Welt angeht, sagte Richard Cohen, Kolumnist der Washington Post, über den Stehapplaus der Gipfelteilnehmer für Mahathirs Rede: „Zu Mahathirs Claqueuren gehörten der saudische Kronprinz Abdullah, Pakistans Präsident Pervez Musharraf, unser Mann in Afghanistan Hamid Karzai und sogar Russlands Vladimir Putin, der die grosse muslimische Minderheit seines Landes repräsentierte… Aber was den Grossteil der islamischen Welt korrumpiert und schwächt, sind nicht die Juden in New York oder Tel Aviv, sondern ihre eigene, unfähige Führung, die nur ihren eigenen Interessen dienen– anders gesagt, einige von genau den Personen, die aufstanden und der Rede applaudierten.”[4]

Da der EU-Gipfel zur gleichen Zeit stattfand, war vorgesehen, einige Sätze in die 19-seitige Abschlusserklärung mitaufzunehmen, die Mahathirs Aussage verurteilen sollten. Der Entwurf lautete: „Seine inakzeptablen Kommentare behindern all unsere Bemühungen, interreligiöse und ethnische Harmonie zu fördern, und haben keinen Platz in einer anständigen Welt. Falsche und antisemitische Bemerkungen wie diese sind für Muslime ebenso beleidigend wie für andere.”[5]

Doch der damalige französische Präsident Jacques Chirac lehnte die Aufnahme dieser Sätze in die Gipfelerklärung ab und wurde vom damaligen griechischen sozialistischen Ministerpräsidenten Costas Simitis unterstützt. Als Kompromiss sollte die italienische EU-Ratspräsidentschaft eine Erklärung auf ihrer Webseite einstellen, die die Aussage Mahathirs bedauerte.[6] Es war allerdings dessen Reaktion, die Chirac entlarvte. Der malaysische Premierminister dankte Chirac dafür, dass er die Erklärung des EU-Gipfels blockierte.

Die Bedeutung der heute leider vergessenen Mahathir-Affäre liegt darin, dass sie in kürzester Zeit und geballt die tiefgreifenden antisemitischen Ansichten innerhalb wichtiger Elemente der muslimischen Elite und Gesellschaft offenlegte. Es gilt dort nicht als Schande, niederträchtige antisemitische Ausdrücke in aller Öffentlichkeit zu verwenden, auch nicht, wenn sie aus den Protokollen der Weisen von Zion entstammen. Von diesem Buch, bestehend aus belegbaren Lügen und Täuschungen, erscheinen jährlich Neuauflagen in der islamischen Welt.

Mahathir hat damals mit seiner Rede eine umfassende Darstellung des gängigen islamischen Antisemitismus präsentiert, was Forscher bislang noch aus vielen unterschiedlichen Quellen zusammentragen mussten. Somit kann die Mahathir-Affäre als der wichtigste Beleg dieser Form des Antisemitismus bis heute dienen; und das restliche, reichlich vorhandene anti-jüdische Material aus der islamischen Welt liefert stützende Beweise zu deren Alltags-Rassismus.

Zudem birgt die Mahathir-Affäre einen weiteren wichtigen Aspekt. Er hielt seine Rede an einem islamischen Gipfeltreffen, seine Rede wurde applaudiert und später von vielen Muslimen gestützt. Diese Reaktionen zeigen, wie falsch die Behauptung ist, dass die Probleme in der muslimischen Welt sich auf radikale Muslime beschränken, die den Jihad predigen, ein arabisches Synonym für Genozid. Stattdessen sind sie ein grundsätzliches weitgehendes Problem innerhalb der muslimischen Gesellschaft.

Die Mahathir-Affäre hat zudem aufgezeigt, wie problematisch die Gedankenwelt der islamischen Mainstreamgesellschaft für den Westen ist. Viele weitere Belege dafür sind in den vergangenen zehn Jahren erschienen. Zumindest für diejenigen, die es interessiert.

[1] Manfred Gerstenfeld, “The Mahathir Affair: A Case Study in Mainstream Islamic Anti-Semitism,” Jerusalem Viewpoints, Jerusalem Center for Public Affairs, 506, 2 November 2003

[2] News Desk, “Dr Mahathir Opens 10th OIC Summit,” The Star, 16 October 2003. (This article contains the full text of the speech.)

[3] “L’editorial du Monde, Antisemitisme,” Le Monde, 19 October 2003 [French].

[4] Richard Cohen, “Return to Wannsee,” Washington Post, October 21, 2003.

[5] Sharon Sadeh, Yoav Stern and Amiram Barkat, “EU condemns Malaysian PM’s remarks on Jews, but no apology is forthcoming,” Haaretz, October 19, 2003.

[6] Italian Presidency of the Council of the European Union, [posted on website] October 16, 2003.

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