Arafat Mausoleum, Foto von Copper Kettle. Lizenziert unter Creative Commons Attribution-Share Alike 2.0 über Wikimedia Commons.
Arafat Mausoleum, Foto von Copper Kettle. Lizenziert unter Creative Commons Attribution-Share Alike 2.0 über Wikimedia Commons.
Lesezeit: 3 Minuten

Präsident Jassir Arafat hielt eine Banane wie eine Pistole in der Hand und prügelte auf meine Schulter ein. Bei einem Delegationsessen in Arafats Hauptquartier im Gazastreifen hatte ich mich in das Schnitzel auf meinem Teller vertieft, als ich plötzlich die schmerzhaften Schläge verspürte. „Iss eine Banane. Die ist gesünder als Hühnchen“, erklärte mir lächelnd der eingefleischte Vegetarier. Zum Glück übergab er mir nicht auch noch seine halb ausgelöffelte Suppe, wie es andere Gäste erlebt haben.

Im Mai 2002 ertappte ich den palästinensischen Revolutionsführer bei einer Lüge. Die Israelis hatten die Mukata, sein halb zerstörtes Hauptquartier in Ramallah, umzingelt und unsere Taschen durchsucht. Arafat begrüßte jedes Mitglied der Besucherdelegation mit seinem butterweichen Handschlag. Im Kabinettsaal hörte ich noch jemanden „Television“ tuscheln. Doch mit meiner Kamera hatte ich längst den mit echtem Strom laufenden Fernsehapparat gefilmt. Sekunden später verkündete der unter einer Batterie-betriebenen Notleuchte sitzende „Rais“ (Präsident), dass die Israelis ihm den Strom gesperrt hätten. In allen anderen Räumen der Mukata brannten die Lichter.

Ich habe Arafat noch öfters besucht. Niemand hatte auch nur einen Blick in meine Tasche mit Kameras und Schreibzeug geworfen. Einmal fotografierte ich seinen Schreibtisch, übersät mit unglaublichem Kitsch: Weihnachtsmänner aus Schokolade in Zellophan verpackt, einem Modell eines Lufthansa-Flugzeugs als Papierbeschwerer und anstelle der üblichen Papiertaschentücher eine Packung mit der hebräischen Aufschrift „Feuchttücher für den zarten Babypo“. Ein anderes Mal baten mich Arafats Sicherheitsleute vor dem Sitzungssaal, mein Handy abzugeben. In meiner Tasche hätte ich unbemerkt ein Maschinengewehr oder auch ein Fläschchen Polonium mitführen können. „Arafat ist eine Ikone. Den würden selbst seine schlimmsten Feinde nicht anrühren“, sagte mir der Direktor einer Nachrichtenagentur in Bethlehem. Ich hatte ihn zu Lebzeiten Arafats zu den mangelhaften Sicherheitsvorkehrungen befragt. In Israel war damals jeder Supermarkt besser bewacht als Arafat im eigenen Hauptquartier, wo verstaubte Durchleuchtungsmaschinen unter Plastikplanen in der Ecke herumstanden.

Auf die Idee einer Polonium-Vergiftung Arafats kam seine verstossene Witwe Suha. Eine Laborstudie auf Veranlassung des TV-Senders Al Jazeera ergab Spuren von Polonium 210 in Arafats Keffiye, Zahnbürste und Unterhose. Aus dem abgeschirmten Mausoleum wurden daraufhin Knochen- und Erdproben entnommen und zum Centre Hospitalier Universitaire Vaudois (CHUV) in Lausanne geschickt. Al Jazeera hat dessen 108 Seiten starke Expertise veröffentlicht. Ohne Lateinkenntnisse und umfassendem Medizinstudium ist der Schweizer Report für Laien jedoch unverständlich. Ein russischer Report steht noch aus.

Die israelischen Reaktionen waren eindeutig. Laut Sprecher Yigal Palmor sei Arafat eher an einer Überdosis „Palaestinium“ gestorben. Ein Radiologe, Professor Abraham Koten, erklärte, dass Arafat eine „Riesenportion“ Polonium erhalten haben müsste, wenn heute auch nur Millionstel Teilchen davon gefunden würden. Arafat wäre daran augenblicklich gestorben und hätte seine Umgebung verstrahlt. Bei einem Halbzeitwert von 38 Tagen verflüchtigt sich das hochgiftige atomare Element so schnell, dass nach 9 Jahren nichts mehr nachgewiesen werden könne.

Arafat erkrankte Mitte Oktober nach einer Mahlzeit. Er litt unter Durchfall, Übelkeit und anderen Symptomen, so dass er per Hubschrauber nach Jordanien und von dort nach Paris ausgeflogen wurde. Im Militärhospital Percy verstarb er am 11. November 2004. Untersuchungen der französischen Ärzte ergaben keinen Hinweis auf eine Vergiftung. Arafats jordanischer Hausarzt, Dr. Ashraf el Kurdi, hatte 2004 bestätigt, dass Arafat mit dem HIV-Virus infiziert gewesen, aber an AIDS nicht gestorben sei. Die Franzosen haben nach seinem Tod keine Autopsie vorgenommen. Arafats Totenschein enthält keine Angabe zur Todesursache und ansonsten falsche Angaben zu seinem Geburtsort und „unbekannten“ Eltern.

Arafats Tod ist eine politische Frage, die kein Mediziner klären kann. Aids darf er nicht gehabt haben, weil das ein schwerer Makel wäre. Ein Freiheitskämpfer wie Arafat stirbt auch nicht eines natürlichen Todes. Eine Vergiftung durch Israel verwandelt ihn posthum in einen kämpfenden Märtyrer. Offen bleibt nur die Frage, welcher seiner palästinensischen Widersacher ihm das Polonium in die Suppe geschüttet hat. Denn Feinde hatte Arafat viele, nicht nur in Israel. Und zum Zeitpunkt seines Todes war er längst viel zu irrelevant geworden, als dass seine Ermordung irgendjemandem genützt hätte, außer seinen palästinensischen Rivalen.

Der Bericht des Schweizer Expertenteams:

https://s3.amazonaws.com/s3.documentcloud.org/documents/815515/expert-forensics-report-concerning-the-late.pdf

Weitere Beiträge zum Thema:

http://www.independent.ie/world-news/middle-east/so-which-one-of-arafats-sworn-enemies-did-it-take-your-pick-29737002.html

http://www.detroitnews.com/article/20131108/NATION/311080056/Palestinians-Israel-only-suspect-Arafat-death

http://www.israelhayom.com/site/newsletter_opinion.php?id=6261

2 KOMMENTARE

  1. Sollte man wirklich noch Spuren von Polonium entdeckt haben, so ist es, auf Grund des "Fingerabdruckes" möglich, festzustellen, in welchem Atomreaktor das Material hergestellt wurde.

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