Warum die Welt glaubt, jüdisches Blut sei billig

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Foto: Alex Kolomoisky, Yedioth Ahronoth
Lesezeit: 4 Minuten

Während seines Besuchs in Israel im August, erklärte der norwegische Aussenminister Espen Eiden nur widerwillig, dass sich die Verpflichtung von Ministerpräsidenten Benjamin Netanyahu zu den israelisch-palästinensischen Gesprächen „zunehmend glaubwürdig anhören.“ Als Beweis nannte er die Freilassung von 26 palästinensischen Mördern Anfang Monat. Aber sofort hat er die Bedeutung dieses Schrittes heruntergespielt: es sei zwar ein „erstes Zeichen“, sagte er, aber es „war kein besonders grosses Opfer.“

Das ist eine Reflektion der norwegischen und schwedischen Reaktionen von vor zwei Wochen, als der israelische Botschafter in Schweden die Gefühlslage in Israel zur Freilassung dieser Mörder mit einer Freilassung von Anders Breivik verglich, der 2011 69 Menschen, vornehmlich Teenager, erschossen hatte, und wie sich Norweger dabei fühlen würden. Empörte Skandinavier standen Schlange, um diesen Vergleich zu verurteilen, denn Breivik sei ein Massenmörder wohingegen Palästinenser Freiheitskämpfer seien. Es scheint die allgemeine Stimmung zu sein, wie Jonathan Tobin dazu schrieb, dass Mörder von Norwegern eine Bestrafung verdienen, die von Israelis „sollten freigelassen und geehrt werden.“ Das entsprach offenbar auch Eides Ansicht: die Freilassung von kaltblütigen Mördern, die alte Holocaust-Überlebende oder einen alten Mann auf einer Parkbank umgebracht haben, ist „kein besonders grosses Opfer“, zumindest nichts im Vergleich zu einer Freilassung von Breivik.

Ich stimme Jonathan zwar zu, dass dieser Doppelstandard antisemitisch ist, aber ich glaube nicht, dass die Skandinavier allein dafür verantwortlich sind. Wenn der Grossteil der Welt zu dem Schluss kommt, dass das Blut von (jüdischen) Israelis billig ist und ihre Mörder nicht die gleiche Bestrafung verdienen wie jene, die beispielsweise Norweger ermorden, haben die sukzessiven israelischen Regierungen einen grossen Beitrag dazu geleistet. Indem wiederholte Male palästinensische Mörder unter Umständen freigelassen wurden, die keine andere Regierung in Betracht gezogen hätte, haben die israelischen Regierungen gezeigt, dass sie das Blut israelischer Bürger minder schätzen. Und auch wenn die israelische Regierung die Ermordung von Israelis nicht als Verbrechen betrachtet, das eine lebenslange Haftstrafe verdient, warum sollte es jemand anderes?

Ich meine nicht einen einseitigen Austausch wie 2011, als 1‘027 palästinensische Terroristen freigelassen wurden, um den gekidnappten Soldaten Gilad Shalit freizukaufen. Obwohl ich konsequent gegen solche Tauschgeschäfte aus anderen Gründen bin, betrachten sie israelisches Leben nicht billig; im Gegenteil, diese Täusche reflektieren wie weit Israel geht, um auch nur ein Leben zu retten.

Aber das gleiche gilt nicht für andere Gefangentäusche. 2008 beispielsweise, tauschte Israel fünf lebendige Terroristen – darunter ein besonders grausamer Mörder, Samir Kuntar, der den Kopf eines vierjährigen Jungen mit einem Gewehrkolben an einem Felsstein schleuderte – für zwei Leichen. Welches Land würde mit dem Mord an seinen Bürgern so billig umgehen, dass es ihre Mörder im Austausch mit Leichen freilassen würde?

Im Lauf der Jahre hat Israel Tausende Gefangen als “Geste des guten Willens” gegenüber der Palästinensischen Autonomiebehörde freigelassen und obwohl die meisten nicht eigentlich Mörder waren, waren sie allgemein in Terroraktivitäten gegen Israel verwickelt. Andere Länder lassen Terroristen nur unter einem formellen Friedensabkommen frei, nicht als schiere „Geste des guten Willens“ um Gespräche zu ermöglichen; nochmals, dies lehrt die Welt, dass die israelischen Regierungen Terror gegen Israel gar nicht als so schlimm betrachtet.

Doch der Tiefpunkt war Netanyahus Vereinbarung, 104 Palästinenser, von denen die meisten bösartige Mörder sind, in vier Phasen freizulassen (26 wurde in diesem Monat in der ersten Phase freigelassen), nur um palästinensische Unterhändler zu Gesprächen mit ihren israelischen Gegenspielern zu bekommen. Welches andere Land würde Mörder, die Hunderte seiner Bürger ermordet haben, freilassen, nur um eine andere Partei zu Gesprächen zu bestechen, deren einziges Ziel ist, ihnen Land und Souveränität zu geben, was sie angeben haben zu wollen?

Norwegen wird Breivik unter solchen Umständen sicherlich nicht freilassen. Und genau aus diesem Grund betrachten Norweger jeglichen Vergleich Breiviks mit palästinensischen Mördern als lächerlich. Wenn Israelis die Verbrechen der befreiten Palästinenser wirklich auf gleicher Ebene mit denen Breiviks sehen würden, dann, so glauben sie, würden sie sie auch nicht freilassen.

Auch wenn es viele Gründe gibt, gegen die Entscheidung Netanyahus zu sein, könnte sie die gewichtigste von allen sein: durch die Freilassung dieser Mörder hat Israel die Welt erneut gelehrt, dass jüdisches Blut billig ist.

Originalversion: Why the World thinks Jewish Blood is Cheap  by Evelyn Gordon © The Commentary Magazine, August 27, 2013.

2 KOMMENTARE

  1. Ich bin eher Fr. Schreiners Meinung, nur… auf Frieden hoffe ich auch,
    glauben daran tue ich weniger. Denn die PalAraber werden nicht nachgeben, schon weil keiner einen Druck auf sie ausübt, im Gegenteil, und Israel klarerweise auch nicht.
    Wir wissen nicht, was für ein Druck auf Netanyahu ausgeübt wurde, denn freiwillig hätte er bei den Freilassungen aller Wahrscheinlichkeit nach nicht mitgemacht. Und wir wissen auch nicht, welcher Druck von Obama noch kommen wird, um einen "Frieden" zu erzwingen. Ich vertraue Obama & Co was den Nahost- Konflikt betrifft nicht.
    lg
    caruso

  2. Unsere Soldaten und Soldatinnen dienen für 3, bzw. 2 Jahre im Militär. Jahre, in denen ihnen nichts geschenkt wird.
    In den meisten europäischen Staaten ist der Militärdienst bereits zur Farce verkommen. Einige Wochen Grundausbildung und dann heisst es nur mehr, die Wochen abzusitzen.
    In Israel ist die Wahrscheinlichkeit, während des Dienstes tatsächlich aktiv werden zu müssen, recht hoch. Seit der Staatsgründung 1948 musste das Land in 5 Kriegen erfolgreich verteidigt werden, dazu kamen die Intifada I und II und einige länger andauernde Militäreinsätze. Unsere Soldaten und Soldatinnen müssen sich der andauernden latenten Gefahr bewusst sein.
    Dieses Gefahrenbewusstsein und das Versprechen der Regierung, jeden entführten, verletzten oder getöteten Soldaten nach Israel zurück zu holen, rechtfertigt die hohe Zahl der im Austausch der Leichen von Ehud Goldwasser und Eldad Regev, und rechtfertigt sie noch viel mehr als Grundlage zur Befreiung von Gilad Shalit.
    Auch wenn die Welt darüber nur kopfschüttelndes Nichtverstehen zeigte. Dies ist keine Geste des guten Willens, sondern das Einlösen eines Versprechens an die jungen Menschen, die bereit sind, für ihr Heimatland zu kämpfen.
    Dass der Preis so hoch ist, bedeutet doch genau das Gegenteil: für Israel ist jüdisches Blut sehr teuer!
    Anders ist die derzeit laufende Freilassung von Terroristen zu bewerten. Sie wurden mehrheitlich bereits vor den Osloverträgen verurteilt. Teils als ausführende und teils als planenden oder assistierende Terroristen. Man kann diesem Zugeständnis, diesmal wirklich als guten Willen zu verstehen, kritisch, ablehnend oder positiv gegenüberstehen.
    Eine nicht geringe Zahl der Freigelassenen wird wieder morden……. Dann war es ein schlechter Deal, dann hat unsere Regierung wirklich jüdisches Blut zu billig verkauft.
    Es kann aber auch, und noch dürfen wir den kleinen Funken der Hoffnung nicht aufgeben, zu einem Friedensschluss kommen. Dann wird es hoffentlich keine weiteren Opfer geben. Und dann kann man, rückblickend, den Deal als zwar schwer zu verstehen, als schwer zu ertragen, aber doch als richtig erkennen.

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