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Seit 20 Jahren studiere ich islamistische mujahedeen (Jihad-Kämpfer, pl.), die in israelischen Gefängnissen einsitzen; ich führe Interviews mit ihnen, untersuche ihre inneren Welten und entdecke obsessive Gedanken, die sie dazu brachten, Terrorangriffe durchzuführen. Sie haben sich den Fantasien über eine alternative Wirklichkeit hingegeben und beschrieben ihren Drang in Metaphern, die jenen von obsessiven Spiel- und Alkoholsüchtige ähneln. Sie verglichen diese Bilder mit „Würmern“ (duda auf Arabisch), die sich in ihr Gehirn eingruben und sie dazu trieben, nicht ein anderes Kartenset oder eine Spritze zu wollen, sondern tote Israelis, Amerikaner, Europäer oder andere Ungläubige. Sie versuchten nicht, ihrem Drang zu widerstehen oder gar in Betracht zu ziehen, dass ihre Handlungen falsch sein könnte, weil sie sich vollständig vom Konzept des Jihads, das ihr Verhalten in jedem Lebensbereich diktierte, kontrolliert und manipuliert fühlten.

Meine Studienergebnisse indizieren, dass die von Jihadisten geschaffenen Obsessionen, bekannt als „überbewertete Ideen“, also falsche oder übertriebene Überzeugungen, gegenüber jeglicher Vernunft oder Logik standhalten. Eine mehrfach wiederholte Überzeugung war die Vision, was den shaheed (Märtyrer für Allah) im islamischen Paradies nach dem Tod erwarten würde. Das Gefühl nachlassender Spannung und Entspannung komme erst nach der terroristischen Handlung, wenn der Täter auf die Menschen schaut, die er ermordet hat. Sogar Selbstmordattentäter, deren Sprengstoffgürtel nicht detoniert ist oder die im Vorfeld verhaftet wurden, bevor sie ihre Mission ausführen konnten, beschrieben eine transzendente Empfindung, ein Lächeln als sie auf ihr Ziel zugingen.

Sie sprachen von ihrer Unfähigkeit, ihr impulsives Verhalten zu kontrollieren, dass gefährlich für sie und andere ist.

Sie beschrieben die Suche des mujahed [Jihad-Kämpfer] nach der Bedeutung des Lebens, wie er der Zivilisation und allem, wofür sie steht, den Rücken kehrte. Viele fühlten sich von ihrer direkten Umgebung abgelehnt, sei es wegen Minderwertigkeitsgefühlen, Randständigkeit oder aus Schuldgefühlen für Dinge, die sie getan oder nicht getan haben, die die Familienehre verletzten. Oder weil sie sich schlicht nicht als produktive, aktiv partizipierende Bürger in die Gesellschaft integrieren konnten. Diejenigen, die mit der westlichen Gesellschaft in Berührung kamen, wiesen starke Minderwertigkeitsgefühle, Eifersucht und Ablehnung auf – besonders wegen der Unterschiede im Lebensstil, den Geschlechterrollen, Vertrauen und anderen persönlichen Eigenschaften. Einige stellten unüberbrückbare Gräben zwischen Kultur und Wissenschaft fest. Ein Dispatcher [Anm.:die Person, welche Attentäter auf ihre Mission vorbereitet und sie losschickt] von Selbstmordattentäter sprach von gravierenden Unterschieden bezüglich Fähigkeiten, Kultur und Wirtschaftsbedingungen zwischen christlichen und muslimischen Arabern. Für die mujahedeen sind Menschen entweder gut oder böse, und diese konzeptionelle Polarität steuert ihren Weg.

Auch sind Terroristen enttäuscht und entfremdet von jenen, die sie ablehnen, was wiederum zu ihrer Ankündigung führt, dass sie als mujahedeen „die Ablehner ablehnen.“ Ähnliche Empfindungen wurden in kriminologischen Studien als kriminelle Verhaltensdynamik festgestellt, und weil ein Krimineller von der normativen Gesellschaft abgelehnt wird und sich in diese nicht integrieren kann, erklärt er den Krieg gegen sie. Allgemein gesehen gibt es unter muslimischen Terroristen keine Psychopathologie. Also kann bei keinem von ihnen eine anerkannte psychische Erkrankung diagnostiziert werden, auch nicht bei jenen, die versucht haben, ein Selbstmordattentat durchzuführen. Es bleibt zu untersuchen, ob es eine kollektive Pathologie gibt oder nicht, und ob es eine Frage einer Gesellschaft ist, deren Mitglieder Schwierigkeiten haben, Gewalt zu unterdrücken und ihren Drang und Wut zu kontrollieren.

Jihad, ein heiliger Krieg gegen den Ungläubigen, ist die persönliche Pflicht eines jeden Muslim, und wenn er diesen nicht führt, wird er als religiöser Heuchler sterben, als jemand, der den Islam nur nach aussen praktiziert hat, aber nicht wahrhaftig glaubt, und er wird für alle Ewigkeit verdammt sein. Die Terroristen, die ich interviewte, erzählten mir, dass Jihad zu führen für den mujahed, der Weg sei, Anteil an Allahs Gnade zu finden – für sie selbst und ihre Familienangehörigen, und direkt ins Paradies einzugehen ohne die islamische „Tortur des Grabes“ und ohne eine schmerzhafte Untersuchung durch die Engel über sich ergehen lassen zu müssen, bevor man eintreten darf.

Rausch und Extase begleiten Jihad Kämpfer auf ihrer Suche nach einem weltweiten Schauplatz der Erregung. Sie suchen Orte, wo sie straffrei vergewaltigen und töten und die Ungläubigen in Allahs Namen bekämpfen können, um so den Höhepunkt der Männlichkeit und Ehre, die dem shaheed vorbehalten ist, zu erreichen. Vordergründig scheinen sie für ein Ideal zu kämpfen, aber in Wirklichkeit existiert ein Element der Begierde nach Belohnung in dieser und der nächsten Welt, sogar bei Selbstmordanschlägen. Die überwältigende Begierde vieler muslimischer heranwachsender Jugendlicher, auch unter im Westen ausgebildeten und zum Islam konvertierten, aber besonders von jenen, die in Ländern ohne richtige Führung leben, ist die Erregung. Zu diesem Zweck strömen sie in Konfrontationszonen wie Afghanistan, Pakistan, Tschetschenien, Libyen, Irak, Afrika (so wie der jüngste Terroranschlag in Kenia) und Syrien, um die Mission, die Erregung und das Versprechen zu erfahren, ein shaheed als ultimative Selbstverwirklichung zu sein.

Enttäuschung, Entfremdung und ein Gefühl der Unterlegenheit begleiten die Zunahme im Rhythmus des modernen Lebens, und die Kluft zwischen Ost und West nimmt stetig zu. Entbehrung, Restriktionen und Lösungen vom Islamismus auferlegt, bringen Menschen dazu, sich eine Gruppe zu suchen, wo sie dazugehören können und die ihnen verhilft, ihre negativen Gefühle gegenüber anderen, dem Fremden, dem „Ungläubigen“ zu kanalisieren, Gefühle, die allen gemein sind. Ferner hat das Bedürfnis nach Abenteuer und Erregung zur Schaffung einer Form des „Jihad-Tourismus“ beigetragen, besonders, jedoch nicht ausschliesslich, relevant für junge muslimische Männer einschliesslich jener im Westen geborenen. In Syrien befinden sich heute Jihad Kämpfer aus 60 Ländern, darunter auch zum Islam konvertierte, die in Videoclips eine Hauptrolle spielen und Jihadisten bei der Rekrutierung von Unterstützern helfen und Propaganda verbreiten. Jihad-Tourismus ist eine Subkultur des Spasses und der Erregung, ein Festival der Gewalt, ähnlich der Verbrecher- und Banden-Subkulturen im Westen. Der Lebensstil von Jihadisten ermöglicht es ihnen, die Grenzen der sich auflösenden patriarchalischen Familie abzuschütteln. Im Gegensatz zu herkömmlichen Kriminellen, deren gesellschaftliche Stellung mit ihrer Klassifizierung zum Verbrecher herabgesetzt wird, empfinden islamistische Terroristen, dass sie im Namen Allahs gute Werke vollbringen und damit ihre Stellung anheben. Sie reagieren auf gewalttätige Impulse, sind zügellos in ihre Aggression und versuchen ihre Umwelt zu beeindrucken, indem sie Risiken eingehen, weil sie hoffen, dadurch Bewunderung und Lob zu erhalten. Sie schlachten Menschen in jedem Alter, verwenden sowohl Sarin als auch das Beil, vergewaltigen und verstümmeln ihre „Feinde“ ohne Rücksicht auf die Tatsache, dass bis vor kurzem der Feind ihr Nachbar war, oder sie zumindest Sprache und Kultur teilten.

Auf ihren „extremen Jihad-Reisen“ gewöhnen sie sich an Gewalt und an Gräueltaten, oder wie es einer meiner Interviewpartner sagte: „Für uns ist der Geruch von Blut natürlich; sogar als kleine Kinder sahen wir wie die Schafe in unseren Höfen geschlachtet wurden.“ Zudem erhalten sie religiöse Rechtfertigung durch verschiedene Fatwas, religiöse Entscheide, die von Scheikhs wie etwa Yusuf al-Qaradawi, der religiösen Autorität der Muslimbruderschaft, erlassen werden. Der Jihad-Tourist lebt wie ein umherreisender Abenteurer, der Schwierigkeiten hat, sich in den Mainstream des modernen Lebens zu integrieren. Stattdessen entscheidet er sich für den Weg des Mordens und der Gewalt, während er Einfachheit und sogar Primitivität  sich als Lebensstil zu Eigen macht. Weil er andere Bestrebungen hat, muss er auch nicht mit dem Westen konkurrieren, den er stattdessen zerstören will. Gleichzeitig hofft er auf die Wiederherstellung der Vergangenheit, statt sich der Zukunft anzuschliessen. Ein Terrorist, den ich interviewen konnte, bevor er von den Amerikanern getötet wurde, pries Osama bin Laden und das einfache Leben, das er in den Höhlen von Tora Bora führte – eine Illusion, weil bin Laden relativ komfortabel in Pakistan lebte.

Die Wellen des Jihad-Tourismus und -Terrorismus, der hauptsächlich Christen und Juden im Westen im Visier hat, sind ausser Kontrolle geraten und sind nicht empfänglich für die Zwänge von Familie, Kultur, Religion oder Gesellschaft. Gewalttätige Jihad-Touristen überhäufen gerade ganze Länder: Afghanistan, Pakistan, Irak, Jemen, Libyen, Tunesien, Ägypten und Syrien. Die Gräueltaten, die gegenwärtig in Syrien verübt werden, würde auch einen legendären Serienkiller nicht in Verlegenheit bringen; in Syrien gibt es Tausende Jihad-Kämpfer, Sunniten und Schiiten, und sogar Konvertiten aus dem Westen, die unschuldige Zivilisten quälen und töten.

Es ist Hochsaison für den Jihad-Tourismus: während die mujahedeen ihre Aktivitäten im Irak fortsetzen, ist Syrien aktuell die Destination schlechthin, wo Bashar al-Assads Freunde und Feinde gleichermassen willkürlich unschuldige Menschen jeden Alters und Geschlechts niedermetzeln. Sie reiten die Wellen des Blutes und die Mitglieder der Al-Nusra Front, die mit al-Qaida verbunden ist, schlachten sowohl Angehörige des Assad Regimes ab, als auch der säkularen Rebellenorganisation, die ihrerseits das Regime bekämpfen.

Das westliche Bildungssystem will die notwenigen Instrumente bereitstellen, um in der Gesellschaft zu funktionieren. In den islamischen Ländern wird Kindern jedoch von Geburt an beigebracht, dass Familie und Clan der Grundpfeiler ihres Lebens sind und es diktieren. Die islamische Gesellschaft legt ihre Mitglieder an Ketten, und das Individuum hat gar keine andere Wahl als sich dem Gruppendruck zu beugen. Während es Blut und Gewalt versinkt, besteht seine einzige Rechtfertigung darin, den Tod als shaheed zu suchen.

Aktuelle Konflikte zeigen, dass der Westen trotz unserer Bildung und Möglichkeiten jede Menge Jihad-Touristen generiert. Für einige, besonders Konvertiten zum Islam, ist das Führen des Jihad im Ausland aufregend und revolutionär, und eine Chance, die Tiefe ihrer neuen Hingabe unter Beweis stellen zu können.

Angesichts des oben Gesagten würde es sich anbieten, den Mord im Namen Allahs „Shahadamania” zu nennen; das macht es für den Westen einfacher, das Syndrom zu verstehen und zu bekämpfen. Der Begriff bezieht sich auf die Besessenheit nach istishhad [Märtyrium für Allah] und umfasst Gefühle von Erhabenheit und Euphorie nach der Tötung von Ungläubigen, die Kapitulation gegenüber dem Instinkt, die Unfähigkeit im Alltag zu funktionieren, und Jihad als gute oder gar altruistische Tat im Diesseits, um sich für ein hedonistische Leben nach dem Tod zu qualifizieren.

Dr. Anat Berko, PhD, ist Oberstlt. d.Res. in der Israel Defense Forces, führt Forschungen fpr den National Security Council durch und ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am International Policy Institute for Counterterrorism am Interdisciplinary Center in Israel. Als Kriminologin war sie Gastprofessorin an der George Washington University und hat zwei Bücher über Selbstmordattentäter geschrieben. „The Path to Paradise,“ und das jüngst veröffentliche Buch „The Smarter Bomb: Women and Children as Suicide Bombers (Rowman & Littlefield)

Originalversion: Guest Column: Jihad Tourism by Anat Berko © Special to IPT News, October 2, 2013

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