Screenshot NZZ
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Dass meist wenig Gutes herauskommt, wenn Künstler sich mit Politik beschäftigen, hat erst jüngst Roger Waters aufs Neue bestätigt. Selbiges gilt natürlich auch für Journalisten und genauso wenig, wie sich Sportkorrespondenten mit aktuellen Börsenentwicklungen beschäftigen, sollten Gerichtsreporterinnen über den Nahostkonflikt berichten. „Schuster, bleib bei deinen Leisten!“, möchte man da rufen. Leider bleibt dies wenig mehr als ein frommer Wunsch und das Resultat einer solchen Auseinandersetzung lässt sich einmal mehr in der NZZ (29.07.2013, Kultur im Widerstand) bewundern.

Brigitte Hürlimann hat das „geschundene Flüchtlingslager“ Jenin besucht, in denen „Girls an den freien Nachmittagen in die Stadt“ schwärmen, „sich zu einem Fruchtsaft oder einem Eis“ treffen und „über Facebook, Pop-Musik, Verlobungen und Hochzeitsfeiern“. Alltägliche Szenen also, wie man sie aus Flüchtlingslagern in aller Welt kennt.

Wie gut Hürlimann sich auskennt, stellt sie unter Beweis, wenn sie über die Geschichte von Jenin referiert. 2002 sei die Stadt, „in den Fokus der Weltöffentlichkeit geraten, als das Flüchtlingslager von der israelischen Armee tagelang attackiert wurde.“ „Dutzende von Todesopfern“ habe die Militäroperation gefordert. Ob sie dabei auch die 23 Soldaten der IDF mitzählt? Man weiss es nicht so recht. Kein Wort verliert Hürlimann  jedenfalls darüber, dass dieser Militäreinsatzeine Reaktion auf das Pessach-Selbstmordattentat im Parkhotel in Netanya war, das 29 Menschen das Leben kostete und 140 verletzte.

Ohnehin hat Hürlimann ein entspanntes Verhältnis zu Tatsachen. Aus Zakaria Zubeidi, dem ehemaligen Kommandant der Al-Aqsa Märtyrerbrigaden in Jenin (gemäss Israel einer der Chefstrategen für Selbstmordanschläge), macht sie salopp einen „ehemaligen Widerstandskämpfer“.  Und weil bei einer herzzerreissenden Geschichte über das Leiden der Palästinenser auch nie die eine oder andere Verschwörungstheorie fehlen darf, orakelt Hürlimann, ob es vielleicht nicht doch Israel war, das den ehemaligen israelischen Elitesoldaten und Gründer des Jeniner „Freedom Theater“, Juliano Mer Khamis, getötet habe. Cui bono? – man kennt das schliesslich als Gerichtsreporterin.

Der Widerstand der Palästinenser scheint Hürlimann eine Herzensangelegenheit zu sein und sie empört sich, wenn es um das Werfen von Steinen gegen eine „hoch aufgerüstete Armee“ geht. Natürlich nicht über jene Palästinenser, die sich dadurch „seit Jahrzehnten gegen die militärische Besatzung, gegen Diskriminierung, Enteignung, Entrechtung, Kriminalisierung und Marginalisierung wehren“, sondern viel mehr darüber, dass „jeder noch so lächerliche Steinwurf […] von der Weltöffentlichkeit beobachtet, dokumentiert und kommentiert“ wird – wie unerhört!

Setzt das Denken erst einmal aus und die Emotionen ein, ist der Weg nicht mehr weit zu zynischem Gesinnungsjournalismus. Und dann interessiert auch nicht mehr, dass solche „lächerlichen Steinwürfe“ zuweilen Kleinkinder töten oder schwer verletzen.

Zu interessieren hingegen hat, dass Beiträge dieser Art fast schon tagtäglich in den deutschsprachigen „Leitmedien“ veröffentlicht werden. Besser lässt sich gar nicht illustrieren, wie sehr der „Qualitätsjournalismus“ in den hiesigen Breitengraden auf den Hund gekommen ist.

Über Michel Wyss

Michel Wyss ist freischaffender Analyst bei der Audiatur-Stiftung und beschäftigt sich hauptsächlich mit Sicherheitspolitik im Nahen Osten. Er absolviert derzeit ein MA-Studium in Government mit Fokus auf Internationale Sicherheit am Interdisciplinary Center in Herzliya, Israel und ist als Research Assistant beim International Institute for Counterterrorism (ICT) tätig.

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5 KOMMENTARE

  1. Mit ihrem Artikel in der NZZ vom 8. August 2013 ist doch Frau Brigitte Hürlimann bei ihren Leisten geblieben? Es wäre schön, wenn sie dabei bleibt und sich nicht mehr um die Nahostpolitik kümmert. Dann hat jeder öppis davon.

  2. Jetzt outen sich in der Schweiz zunehmend judenhassende Journalisten. Eigentlich berufliche Nulpen, aber sie ziehen Leser an, wie Kuhfladen die Fliegen. In der NZZ, die vom rechten Flügel und im TA die vom linken Flügel. Im Journal 21 finden sich beide Gruppen. Als Vorwand dient eine angeblich objektive Kritik an Israel, hinter der sich allerdings purer Antisemitismus verbirgt.

    Antisemitismus ist der älteste Beitrag der christlichen Leitkultur in Europa.

  3. Das ein unbedarftes Dummchen nicht mehr als Stammtischgeschwätz zusammenschreiben kann, muss uns ja nicht wundern. Aber dass die NZZ derartigen niveaulosen Dreck veröffentlicht, zeigt, wie tief sie mittlerweile in den bodenlosen Mainstream gesunken ist. Kein eigenständiges Profil ist mehr auszumachen. Traurig.

  4. Wer wie Hürlimann denkt und / oder schreibt, dem wünsche ich vom Herzen einen "lächerlichen Steinwurf" ins Gesicht. Vielleicht würde eine solche Erfahrung ihr Denken verändern. — Ich bin im allgemeinen eine friedfertige Person, nicht nur verabscheue ich Gewalt, ich habe auch Angst davor. Aber ich las seit – ich weiss nicht wie vielen Jahren – solche und ähnliche Sätze — jetzt ist mir der Kragen geplatzt.
    lg
    caruso

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