Haben sich die Niederlande auf jüdische Themen eingeschossen?

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Mehmet Sahin interviewt einen Jugendlichen. Foto youtube/Nederland 2
Lesezeit: 4 Minuten

Als im Februar eine Gruppe niederländisch-türkischer Jugendliche in einem Interview auf dem Sender Nederlands 2 Hitler, den Holocaust und die Tötung von jüdischen Babies bewunderten, „vergass“ die niederländische Medienlandschaft darüber zu berichten. Auf englischen Webseiten erhielt dieses Thema weitaus mehr Aufmerksamkeit. Infolgedessen übermittelte das Simon Wiesenthal Center dem niederländischen Ministerpräsidenten Mark Rutte ein Schreiben, indem es ihn auffordert, Antisemitismus in den Niederlanden zu untersuchen. Schliesslich löste dieser Brief eine Debatte in den Medien und im Parlament aus. Zwischenzeitlich musste der Interviewer dieser Jugendlichen wegen Todesdrohungen gegen ihn abtauchen.

Nun wurde Ruttes Antwort an das Simon Wiesenthal Center veröffentlicht. Die Aussagen der Jugendlichen seien „schockierend und verwerflich“ schreibt er. Rutte versprach eine Reihe ausführlicher Massnahmen und Untersuchungen. Das Simon Wiesenthal Center täte gut daran, Ende Jahr nachzuprüfen, welche Versprechen des Ministerpräsidenten konkrete Formen angenommen haben. In den vergangenen Jahren wurden drei Debatten zum Thema Antisemitismus im niederländischen Parlament geführt. Jedoch führten diese kaum zu konkreten Ergebnissen im Kampf gegen den Antisemitismus im Land.

Negative Schlagzeilen aus den Niederlanden, die sich auf Juden auswirken, hielten auch in den letzten Wochen an. Die Stadtverwaltung von Bronckhorst entschied, dass ihre offizielle Delegation zum nationalen Gedenktag am 4. Mai auch der gefallenen deutschen Soldaten Nazi-Deutschlands gedenken wird, die in der Stadt beerdigt sind – neben den niederländischen Todesopfer des Zweiten Weltkrieges. Im letzten Jahr verhinderte dies noch ein Richter, doch ein höheres Gericht hob dieses Verbot seitdem auf.

Ein neuer Bericht der Anne Frank Stiftung zeigt, dass die Anzahl Anzeigen wegen schwerer antisemitischer Handlungen, die bei der Polizei eingegangen sind, von 19 in 2010 auf 30 in 2012 angestiegen ist. Die Gesamtzahl an Anzeigen wegen antisemitischer Vorfälle blieb bei 2‘700. Jedoch ist die Mehrheit der Anzeigen nur ein Bruchteil der sich tatsächlichen zutragenden Vorfälle, weil viele Personen diese den Monitoring Organisationen nicht berichten.

Die niederländische Organisation Meldpunt Discriminatie Internet MDI, die Diskriminierung auf holländischen Internetseiten verfolgt, stellte fest, dass 2012 Antisemitismus/Holocaustleugnung erneut mit 28 Prozent die bei weitem wichtigste Kategorie von Internethass darstellt; gefolgt von 19% von Ausdruck des Hasses gegen Muslime. Die muslimische Bevölkerung in den Niederlanden liegt bei ungefähr 1 Millionen, was mindestens 20 Mal so viel ist wie Juden. Das MDI kommt zu dem Schluss, dass Antisemitismus in den Niederlanden zum Mainstream gehört. Ferner berichtet das MDI, dass die niederländische Regierung staatliche Förderung für das MDI gestrichen hat, angeblich wegen Budgetabwägungen.

Im vergangenen Monat bracht der Abgeordnete Dion Graus von Geert Wilders‘ Freiheitspartei einen Antrag ein, der jegliche rituelle Schächtung – ob mit Betäubung oder ohne – verbieten soll. Es gibt zwar keine Mehrheit, die diese Position unterstützt, dennoch ist sie ein weiterer Hinweis auf die holländische Obsession mit Tierrechten, ein Widerspiel zur „gutartigen“ Vernachlässigung der Antisemitismusprobleme im Land.

Mehr als 65 Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg ist nun bekannt geworden, dass die Stadtverwaltung Amsterdam Steuermahnungen und Bussgeldbescheide an jüdische Holocaust-Überlebende für die Zeit in Konzentrationslagern oder im Versteck vor den Nazis verschickt hat.

Diese und weitere Vorfälle sind vor dem Hintergrund zu verstehen, dass die niederländische Regierung sich weiterhin weigert, sich für das Versagen ihrer Exilregierung in London während des Zweiten Weltkrieges, ihrer Verantwortung gegenüber ihrer verfolgten jüdischen Bevölkerung nachzukommen, zu entschuldigen. Beinahe jede europäische Regierung hat sich seitdem entschuldigt oder Schuld für das Verhalten ihrer Behörden unter der deutschen Besatzung eingestanden.

Was Israel betrifft, will die niederländische Regierung ein Gesetz verabschieden, mit dem alle Produkte aus den umstrittenen Gebieten im Westjordanland gekennzeichnet werden sollen. Allerdings gibt es keinen solchen Gesetzesvorschlag, die Teile von Zypern, die von der Türkei besetzt sind, und den Teil der Sahara betreffen, der von Marokko besetzt ist.

Der Vorsitzende der Arbeitspartei, die zudem zweite Regierungspartei ist, Diederick Samson griff am ersten Nahost-Kongress seiner Partei Israel an. Er sagte, dass Israel gegen das Völkerrecht verstosse. Samsom „vergass“ nur zu erwähnen, dass die Niederlande sich selbst nicht an das Völkerrecht halten. Obwohl sie Mitunterzeichner der UN-Konvention über die Verhütung und Bestrafung von Völkermord sind, haben die Niederlande bisher nicht versucht, den Iran vor einen internationalen Gerichtshof zu bringen.

Sollte die niederländische Regierung sich nun wirklich endlich engagieren wollen, um gegen den Antisemitismus vorzugehen, müsste sie ihre Quellen und ihre Wesen sehr ausführlich untersuchen. Besonderes Augenmerk sollte der muslimischen Bevölkerung gelten, da viele Hinweise darauf hindeuten, dass der Antisemitismus unter dieser Bevölkerungsgruppe viel verbreiteter und ernsthafter artikuliert als unter der heimischen.

Das Beschriebene muss im Zusammenhang mit der extremen Dämonisierung Israel gesehen werden. Fast 39 Prozent der niederländischen Bevölkerung glaubt, dass Israel die Palästinenser vernichten will. Diese Angaben werden von den niederländischen Medien verschwiegen. Zudem sollte Antisemitismusforschung in den Niederlanden untersuchen, wie diese teuflischen Ansichten dorthin gelangt sind und auf wen sie zurückzuführen sind.

Dr. Manfred Gerstenfeld ist Mitglied des Aufsichtsrats des Jerusalem Center of Public Affairs, dessen Vorsitzender er 12 Jahre war.

2 KOMMENTARE

  1. Shalom meine Freunde,,,

    gerade die Holländer haben<<viel mitgemacht als sie von den Nazis besetzt wurden.Die Juden die man fangen konnt<<wurden in Güterzüge nach dem Osten verfrachtet und in den KZ ermordet.Leider gab es viele Holländische Nazis die mitgeholfen haben <<die Juden zu vernichten.Auch in der Waffen.SS waren viele Holländer u. Belgier.Man müsste doch annehmen,das die holl. Regierung die Juden schützen müsste. david

  2. Bin von den Niederlanden enttäuscht. Ich mochte das Land und die Menschen, ich war jahrelang oft dort zu Besuch. Aber wenn ich diese Nachricht lese, weiß ich nicht mehr, was ich über das Land denken soll.
    lg
    caruso

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