Tunis. Foto MW
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Nach dem Sturz von Diktator Ben Ali war Tunesien voller Hoffnung. Doch was ist wirklich besser geworden? Eine Spurensuche, zwei Jahre später.

Westtunis, ein Donnerstagabend im November. Die unzähligen Cafés in der Umgebung des Bardo Palace, wo zurzeit die tunesische Verfassung ausgearbeitet wird, sind gut besucht. Die meisten Gäste sind junger Männer im Alter von unter 30 Jahren; sie rauchen Wasserpfeifen, trinken Kaffee und unterhalten sich angeregt. Frauen hingegen sieht man selten. Youssef bestellt sich einen „Express“, so wird der Espresso hier genannt. Mit seinem schwarzweissen Palästinensertuch, den langen, dunkeln Haaren und dem wilden 5-Tage-Bart sieht der junge Philosophiestudent aus wie eine Mischung aus Che Guevara und Rockstar. Zumindest mit ersterem liegt man nicht falsch: Youssef ist Mitglied der kommunistischen Arbeiterpartei. Bei den Protesten gegen Tunesiens Diktator im Januar 2011 brach ihm ein Polizist das Handgelenk. Bis heute ist der Bruch nicht richtig verheilt. ¨

Vor der Revolution hätten die Leute Angst gehabt, miteinander zu sprechen, erklärt Youssef in fliessendem Englisch, man habe sich vor der Polizei und dem Geheimdienst gefürchtet. „Die Angst ist nun verflogen, aber dafür hören die Mächtigen auch nicht zu.“ Die Wirtschaftslage ist weiterhin schlecht, die Arbeitslosigkeit hoch. Die regierende Ennahda-Partei habe dafür auch keine Lösungen anzubieten. Im Gegenteil, sie sei die grösste Gefahr für die Revolution und die Zukunft Tunesiens. Als er hört, dass die Ennahda in Europa den Ruf als „moderate-islamistische“ Partei geniesst, lacht er grimmig: „Versteht man denn in Europa nicht, dass dies ein Widerspruch ist? Moderater Islamismus gibt es nicht.“

Youssef wohnt unweit des Bardo Palace, in einem kleinen Raum, den er sich mit seinem Kumpel Yasser teilt. Ein kleines Bad mit Dusche gehört ebenfalls dazu. Das vielleicht knapp neunquadratmetergrosse Apartment ist dem Erdgeschoss des herrschaftlichen Hauses ihres Vermieters angegliedert, ein reicher Tunesier, den die beiden spöttisch „den Scheich“ nennen. 200 tunesische Dinar bezahlen sie monatlich für den Raum, was eigentlich viel zu teuer sei, doch Wohnungen sind rar in Tunis;  so nahe an der Universität sowieso. Kürzlich habe ihnen der Scheich den Vorschlag gemacht, eine dritte Person einziehen zu lassen, dann würde er dafür nur 250 Dinar Miete verlangen. Eine unmögliche Idee: Für eine weitere Person oder gar ein weiteres Bett fehlte schlicht der Platz.

Politikverdruss und Parteigründungen

Alaa. Foto: MW

Am nächsten Morgen treffen wir uns mit Alaa, der in den kommenden Tagen als Übersetzer für uns agieren wird. Mit seiner Körpergrösse von über zwei Metern und der unbändigen Afro-Frisur fällt er schon von weitem auf. Er studiert Journalismus und hofft, später einmal als Korrespondent für ein ausländisches Medienunternehmen zu arbeiten. Auch er sei früher politisch aktiv gewesen, erzählt Alaa,  habe sich bei einer sozialdemokratischen Partei engagiert. „Doch mittlerweile setze ich keine Hoffnungen mehr in die Politik und noch viel weniger in Parteien. Mehr als Gerede kommt dabei sowieso nicht heraus.“ Ziemlich resignierte Worte für jemanden, der kaum älter als 20 Jahre ist.

Die meisten Tunesier scheinen dies anders zu sehen. Gab es unter dem ehemaligen Diktator Ben-Ali gerade mal acht anerkannte Parteien, so wurden nach seinem Sturz über 70 neue gegründet. Auf der Strasse witzelt man, dass jeder Tunesier, der etwas auf sich hält und über die nötigen Mittel verfügt, seine eigene Partei ins Leben ruft.

Alaa erklärt sich bereit, uns nach Sidi Bouzid zu begleiten, der Ort an dem alles begann. Dort zündete sich am 17. Dezember 2010 ein junger Tunesier namens Mohamed Bouazizi an und entfachte damit den arabischen Frühling. Die Proteste, die der Selbstverbrennung folgten, weiteten sich rapide aus und führten schliesslich zur Abdankung von Diktator Ben-Ali. Doch das war erst der Anfang: Auf Tunesien folgte Ägypten und danach Libyen. In Syrien tobt der Bürgerkrieg noch immer erbarmungslos.

Im hell beleuchteten Sammeltaxi-Terminal in Tunis herrscht geschäftiges Treiben, die Fahrer preisen ihre Reiseziele lautstark an: „Sousse! Sousse!“, „Sfax! Wer will nach Sfax?“ Ein Junge verkauft kleine bunte Kärtchen mit Koranzitaten. Vermutlich sollen sie Glück bringen, denn die tunesischen Überlandchauffeure sind berüchtigt für ihren Fahrstil. Uns scheint es zu helfen, verläuft doch die vierstündige Fahrt nach Sidi Bouzid im angejahrten und engen Sammeltaxi ereignislos.

Einzig die Landschaft wird immer kärger. Wir passieren unzählige Dörfer, an den Strassenrändern bieten die Bewohner bunte Töpferwaren in sämtlichen Farben und Benzin in Kanistern feil. Derweil dröhnen arabische Schnulzen aus den Boxen des Sammeltaxis, unter anderem „Wa Habibi“ (dt. mein Geliebter) der libanesischen Sängerin Fairuz.  Die Mitreisenden singen begeistert mit.  Kurz vor Ankunft redet eine Passagierin auf uns ein. Alaa erklärt: „Sie mahnt euch Westler zur Vorsicht. Sidi Bouzid sei wie Tijuana.“

In der Stadt Sidi Bouzid leben 40‘000 Menschen, die Umgebung wirkt auch im Sonnenschein trostlos, Autowracks und halbverfallene Gebäude prägen das Bild. Vorbeifahrende Autolenker hupen, wenn sie uns sehen. „Welcome Tourists“, rufen sie erfreut. Offenbar kommen selten Reisende vorbei.

Michel Wyss studiert Journalismus und Kommunikation am Institut für Angewandte Medienwissenschaften (IAM) an der ZHAW Winterthur. Im Rahmen einer Semesterarbeit reiste er im November 2011 nach Tunesien, um der Frage nachzugehen, welche Auswirkungen der arabische Frühling und der Sturz von Diktator Ben-Ali bisher hatten.

Über Michel Wyss

Michel Wyss ist freischaffender Analyst bei der Audiatur-Stiftung und beschäftigt sich hauptsächlich mit Sicherheitspolitik im Nahen Osten. Er absolviert derzeit ein MA-Studium in Government mit Fokus auf Internationale Sicherheit am Interdisciplinary Center in Herzliya, Israel und ist als Research Assistant beim International Institute for Counterterrorism (ICT) tätig.

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