Yeshayahu Leibowitz Foto Bracha L. Ettinger. Lizenziert unter CC BY-SA 2.5 über Wikimedia Commons.

Jeschajahu Leibowitz starb 1994 – vergessen ist er jedoch keineswegs. Sein 110. Geburtstag [am 29. Januar] wird in Israel mit Konferenzen, diversen Publikationen und selbst einem Dokumentarfilm begangen. Leibowitz – der Wissenschaftler, Philosoph und scharfzüngige Intellektuelle – blieb manchen ein Rätsel, andere hielten ihn für einen Spinner. Doch selbst diejenigen, die froh sind, seine Stimme nicht mehr zu hören, müssen seine Originalität, seine Bedeutung als jüdischer Denker und sein Wirken in Israel während der besseren Jahren des 20. Jahrhunderts anerkennen.

Leibowitz wurde in Riga geboren (wo er zeitweise ein Mitschüler des jungen Isaiah Berlin war) und studierte in Berlin, bevor er 1934 nach Jerusalem ging. Dort lehrte er jahrzehntelang Biochemie und Neurophysiologie sowie Philosophie und Wissenschaftsgeschichte an der Hebräischen Universität. Er war Redakteur bei der Encyclopaedia Hebraica, er unterrichtete, lehrte und schrieb daneben über eine breite Palette von Themen.

Leibowitz war religiöser Zionist und Befürworter des jüdischen Staates, hegte zugleich aber ein tiefes Misstrauen gegenüber allen Regierungsformen und warnte davor, den Staat als einen Wert an sich zu betrachten (statt als Vehikel für das Wohlergehen der Gesellschaft und der Nation) – was den Weg für Faschismus bereite. Ein Land für heilig zu halten, verurteilte er als eine Form von Götzendienst – und bekannt wurde er vielleicht vor allem dadurch, dass er darauf beharrte, die Besetzung des Westjordanlandes und Gazas werde letztlich die Nation korrumpieren. Die Verstrickungen von Staat und Religion, so glaubte er, schadeten in erster Linie der Religion. Seine Haltung in dieser und in vielen anderen Fragen spiegelt seine tiefsitzende Furcht davor wider, das Judentum könnte zur „Konkubine“ des Staates werden.

Als Philosoph des Judentums gab Leibowitz dem Befolgen der Mitzwot (Gesetze) erste Priorität – die Erfüllung des Göttlichen Willens war für ihn das eigentliche Ziel und nicht etwa ein Mittel, um persönliche, spirituelle, nationale oder Gemeindevorteile zu erzielen. Wer nach einer Bedeutung jenseits der Gebote selbst suchte, beging für ihn eine Art Götzendienst.

Leibowitz lehnte das übliche Verständnis der Auserwähltheit oder Einzigartigkeit von Juden ab: „Der Gedanke, ein Jude sei mit Eigenschaften ausgestattet, die Nichtjuden fehlten (etwa die prophetische Gabe, die Judah Halevi beschrieb oder die „Seele der Nation“, von der Rabbi A. I. Kook sprach), mindert die Bedeutung des Judentums.“ Diese Bedeutung – und die eigentliche Verfassung der Juden als Volk oder Nation – besteht für Leibowitz ausschliesslich in „der Realisierung des Lebensprogramms, wie es die Torah darlegt und es in ihren Geboten skizziert ist“. Jüdische Einzigartigkeit „ist keine Tatsache; es ist ein Bemühen. Die Heiligkeit Israels ist keine Wirklichkeit, sondern eine Aufgabe.“ Die „Einzigartigkeit besteht vielmehr in der Aufforderung an [das jüdische Volk]. Das Volk kann sie beherzigen oder auch nicht, daher ist sein Schicksal nicht garantiert.“

Rassische oder genetische Theorien, wie sie in Halevis Kusari und anderen religiösen Quellen zum Ausdruck kommen, waren in Leibowitz‘ Augen antirational und pseudomystisch. Doch er stand denen, die säkulare Definitionen des Jüdisch-Seins bereithielten, gleichermassen feindselig gegenüber. „Wer den Begriff des jüdischen Volkes seines religiösen Inhalts beraubt (wie David Ben-Gurion)“, schrieb Leibowitz, „und es dennoch als Am Segulah [erwähltes Volk] beschreibt, verwandelt den Begriff in einen Ausdruck rassistischen Chauvinismus‘.“

Kritiker warfen Leibowitz Atheismus vor – und tatsächlich entfernt er Gott effektiv aus der menschlichen Erfahrung von Religion. Die transzendente Gottheit war nie sein Thema – für Leibowitz hatte nur der Dienst an Gott eine Bedeutung. Als einzig mögliche Beziehung zwischen Mensch und Gott betrachtete er die in der normativen Praxis der Halacha verkörperte.

Leibowitz‘ Sichtweisen stiessen vielfach auf Kritik – die durch seine einmalig streitsüchtige Art, in der er sie vorbrachte, noch verstärkt wurde. Am berühmtesten und unerhörtesten blieb seine Beschreibung des Verhaltens israelischer Soldaten im Libanonkrieg 1982 als das Verhalten von „Juden-Nazis“. Wegen dieser Bemerkung hallte noch ein Jahrzehnt später der Zorn gegen ihn nach – als öffentlicher Protest ihn dazu nötigte, den Israel-Preis für sein Lebenswerk zu verweigern.

Widerwillen gegen seine Politik verhindert indes nicht, dass sich posthume Veröffentlichungen (zumeist Transkriptionen jahrelanger Gespräche im Kreis seiner Studenten und Jünger) in Israel gut verkaufen und öffentlich diskutiert werden. Und doch steht zu befürchten, dass derzeitige Leibowitz-Anhänger auf seine Äusserungen zu den besetzten Gebieten und der Teilung von Religion und Staat abfahren, ohne den anderen Aspekten seiner Philosophie Beachtung zu schenken – vor allem seiner Betonung der Einhaltung der Gebote als zentralem Akt im Privatleben eines Juden.

Bis heute ist Leibowitz in grossen Teilen des US-amerikanischen Judentums unbekannt (hier denkt man beim Namen Leibowitz meistens an seine Schwester Nehama, eine bedeutende Bibelwissenschaftlerin). Eine Sammlung von Leibowitz‘ Essays erschien auf Englisch unter dem Titel Judaism, Human Values, and the Jewish State – die beste englischsprachige Einführung in sein Werk findet man im Vorwort der Buches, das sein Herausgeber, Eliezer Goldmann, verfasste. Leider gibt es kaum etwas aus Leibowitz‘ Werk auf Englisch [– und ebenso wenig auf Deutsch; dafür erschien das Gespräch, das der Journalist und Politiker Michael Shashar 1987 mit Leibowitz führte, 1990 in Frankfurt unter dem Titel Gespräche über Gott und die Welt]. Dass Leibowitz unter amerikanischen und europäischen Juden kaum bekannt ist, mag auch etwas mit dem zu tun haben, was viele als an seiner Religionsphilosophie als Ungeniessbares empfinden. Der Gedanke, das Judentum sei nicht mehr als das Leben nach den Geboten, erscheint selbst vielen derjenigen unattraktiv, für die es dies auch ist. Ein Freund drückte es einmal so aus: „Ich habe versucht, Leibowitz zu lesen, doch nach zehn Seiten war ich es leid, andauernd angeschrien zu werden – also habe ich das Buch weggelegt.“

Doch was immer man von seiner Philosophie und seinen politischen Äusserungen halten mag – Leibowitz‘ Ideen sind heute so relevant wie zu seinen Lebzeiten und verdienen all die Aufmerksamkeit, die ihnen zu seinem 110. Geburtstag in Israel oder anderswo zuteil werden.

Rabbi Jeffrey Saks ist Gründungsdirektor von ATID und des Programms WebYeshiva.org.

Nachdruck mit freundlicher Genehmigung von Jewish Ideas Daily.

Originalversion: Leibowitz at 110 by Jeffrey Saks © Jewish Ideas Daily, February, 11 2013.

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1 KOMMENTAR

  1. Danke für den Artikel, der an den, für mich wichtigsten Verteter der jüdisch-philosophischen Moderne erinnert. Kaum jemand polarisiert so sehr, wie Leibowitz. Mit seinen rigiden Denkansätzen legt er seinen Finger in die offene Wunde der Siedlerfrage und fordert klar die Zwei-Staaten-Lösung.

    Einige zusätzliche Hintergrundinformationen und Gedanken finden sich in meinem Blogeintrag vom 08. Juli 2012.

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