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Klassische Berufe ohne akademische Ausbildung haben einen schlechten Ruf in Israel. Das liegt auch daran, dass es kein einheitliches Ausbildungssystem bzw. keine duale Ausbildung gibt. Dabei herrscht schon heute im Land ein Fachkräftemangel für bestimmte Ausbildungsberufe. Diesem wird durch Einzelinitiativen begegnet, aber der Ökonom Dr. Roby Nathanson fordert, dass auch in Israel eine duale Ausbildung gesetzlich verankert werden soll…

Die frisch restaurierte Templeranlage „Sarona“ ist das neue Vorzeigeprojekt der Mittelmeermetropole Tel Avivs. 1870 von der deutschen Tempelgesellschaft im Osten der Stadt gegründet, erstrahlt das Viertel zwischen Wolkenkratzern und gegenüber vom Hauptquartier der israelischen Armee seit einigen Wochen in neuem Glanz. Mitverantwortlich für die aufwändige der 37 erhaltenen Gebäude war der deutsche Restaurator Thomas Bömicke. In Israel gab es kaum Handwerker, die ein solch aufwendiges Restaurationsprojekt betreuen konnten. Gerade bei solchen Projekten macht sich bemerkbar, dass es im kleinen Nahost-Staat keine klassische duale Berufsausbildung gibt. In einem Land, das vor allem für seine Nobelpreisträger, High-Tech-Unternehmen und hochtalentierten Forschungs- und Entwicklungsabteilungen bekannt ist, haben die klassischen Berufe ein Imageproblem. „Es gibt traditionelle Berufsschulen in Israel, wie die Amal– und ORT-Schulen. Allerdings werden die Schüler dieser Institutionen als Schüler zweiter Klasse abgestempelt, die es im normalen Ausbildungssystem nicht geschafft haben. Das passt natürlich gar nicht zu den Bedürfnissen des Arbeitsmarktes, denn auch in Israel brauchen wir Zahntechniker, Spengler oder Elektriker.“, kommentiert Dr. Roby Nathanson die momentane Situation der Berufsschulen in Israel.

Nathanson ist der Direktor des Forschungsinstituts „Macro Zentrum für politische Ökonomie“. Gemeinsam mit der Friedrich-Ebert-Stiftung hat er in den vergangen Jahren mehrere Berichte und Empfehlungen für ein Berufsausbildungsmodell in Israel publiziert. Parallel zu den Berufsschulen bieten in Israel grosse öffentliche Einrichtungen, vor allem das Militär, Ausbildungsgänge an, in denen ein Beruf erlernt oder ein Zertifikat erworben werden kann. Für Nathanson, der selbst in Köln studiert hat und das duale Ausbildungssystem in den deutschsprachigen Ländern sehr gut kennt, sind diese bisherigen Ausbildungswege und vor allem ihre Qualität nicht einheitlich genug. Deswegen lädt er regelmässig Vertreter der Politik und Wirtschaft an einen runden Tisch ein, um über die Einführung einer gesetzlichen Verankerung der Berufsausbildung in Israel zu sprechen.

Ministerien streiten über Verantwortlichkeiten und Kompetenzen

Das bisher grösste Problem liegt seiner Erfahrung nach darin, dass es auf der Entscheidungsebene einfach keine Koordination gibt: Die Ministerien für Erziehung und Arbeit streiten über Verantwortlichkeiten und Kompetenzen und es ist unklar, ob sich das mit der neuen Regierung ändern wird. Während aber von Seiten der Politik immerhin Einigkeit darüber besteht, dass Israel ein Modell für die Berufsausbildung dringend benötigt, sind Unternehmer im Land oftmals nicht bereit, dieses mitzufinanzieren. „Wir brauchen daher eine Institution, die sich umfassend mit der Berufsausbildung befasst und diese mit den Bedürfnissen auf dem Arbeitsmarkt koordiniert.

Gleichzeitig sollte diese Institution eine Kooperation zwischen der Industrie, den Unternehmern und dem öffentlichen Sektor auf allen Ebenen herstellen. Im Moment gibt es eine solche Institution nicht und deshalb macht jeder für sich, das was er für richtig hält. Es gibt keine klare Linie.“, erklärt Nathanson.

Stattdessen gibt es in Israel viele Einzelinitiativen. Dazu gehört auch eine Kooperation für  Automechaniker-Lehrlinge zwischen der IGA (Israeli Garage Association), der Kfz-Innung Frankfurt/Main und der Kinder- und Jugend-Aliyah Frankfurt/Main, die unter der Schirmherrschaft des deutschen Botschafters Andreas Michaelis steht: Im Rahmen des bilateralen Ausbildungsprojekts, das seit 2005 läuft, kommen israelische Kfz-Schüler nach Deutschland, um dort in einem fünfwöchigen Ausbildungsprogramm an Schulungen der Landesfachschule teilzunehmen. Diese Schüler kommen überwiegend aus dem israelischen Jugenddorf Neurim, in dem Kinder mit problematischen Familienverhältnissen wohnen und zur Schule gehen. Auch sie fallen aus dem klassischen Schulsystem heraus. Eine weitere Einzelinitiative ist die des in Deutschland geborenen israelischen Unternehmer Stef Wertheimer. Der Gründer von „ISCAR“, einem Global Player der metallverarbeitenden Industrie, will in Kooperation mit dem deutschen Bundesland Baden-Württemberg die berufliche Bildung in Israel stärken. Dafür organisiert er regelmässige Austauschprogramme.

8.000 Arbeitnehmer fehlen schon heute in wissensintensiven Berufen

Doch diese Projekte sind Ausnahmen. „In Israel wird sehr stark auf akademische Ausbildung gesetzt. Nur ungefähr vier Prozent der jungen Israelis besuchen Berufsschulen. Umso wichtiger ist es, dem drohenden Fachkräftemangel mit gut ausgebildeten Absolventen zu begegnen“, erklärt Heike Kauls, die bei der deutschen Botschaft in Tel Aviv für die Themen Arbeit und Soziales verantwortlich ist. Rund 8.000 Arbeitnehmer fehlen schon heute in den wissensintensiven, technischen, chemischen und mechanischen Berufen. Viele der Einwanderer aus Russland, die in den Neunziger Jahren ins Land gekommen sind und in ihren Berufen die Wirtschaft erheblich mit angekurbelt haben, gehen bald in Rente. Doch auch für die gleichberechtigte Beteiligung am Arbeitsmarkt könnte die Berufsausbildung eine erhebliche Rolle spielen. Denn so hervorragend das Land auch makroökonomisch dasteht, langfristig wird die Berücksichtigung aller Bevölkerungsteile auf dem israelischen Arbeitsmarkt eine grosse Rolle spielen. Hier gibt es ein deutliches Ungleichgewicht, das nicht nur Israels Wachstumskapazitäten negativ beeinflusst, sondern auch Grund für viele soziale Ungleichheiten ist. Vor allem unter ultraorthodoxen Männer und arabischen Frauen arbeiten bisher lediglich 40 bzw. 20 Prozent. Für sie wäre die Berufsausbildung das ideale Instrument, um Lösungen anzubieten.

Dr. Roby Nathanson wird mit seinem Institut weiterhin als Fürsprecher der Berufsausbildung agieren. Dabei will er vor allem auch die Zusammenarbeit mit den europäischen Ländern, die bereits eine umfassende Berufsausbildung anbieten, weiter vorantreiben. Dadurch sollen auch die Lehrer, die an den Berufsschulen lehren, besser geschult werden. Nur so könne ein höheres qualitatives Niveau der Ausbildung garantiert werden. Daneben hat das „Macro Center“ erst kürzlich eine weitere Publikation herausgebracht, die Nathanson der Regierung vorstellen will, sobald klar ist, wer die Regierung ist. „Die Beschäftigung mit der Berufsausbildung wird ganz bestimmt eine Herausforderung für die neue Regierung sein und wir hoffen, dass sie sich, nachdem sie viele unserer anderen Probleme gelöst haben, auch mal Zeit dafür nehmen.“

Katharina Höftmann

Quelle: Israel Zwischenzeilen, Hg. Gesellschaft Israel-.Schweiz, 28.01. – 03.02.2013

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