Tagebücher aus dem Holocaust

Lesezeit: 3 MinutenFast siebzig Jahre nach Ende des Zweiten Weltkrieges treten weitere Beweise der Gräueltaten der Nazis zu Tage. Manchmal waren die Beweise zwar verfügbar, doch sie blieben unentdeckt. So auch im Fall von zwei Tagebüchern mit Seltenheitswert, die Präsident Shimon Peres vergangene Woche (17.01.2013) anlässlich des 70. Jahrestages des Aufstandes im Warschauer Ghetto präsentiert wurden. Die Zeremonie fand im Ghetto Fighter’s House Museum statt, das 1949 von Holocaust-Überlebenden gegründet worden war, die Partisanen oder anderen Widerstandsgruppen angehörten.

Viele Dokumente im Museumsarchiv wurden nicht sofort beachtet, wahrscheinlich weil die meisten in anderen Sprachen ausser Hebräisch verfasst wurden.

Unter diesen Dokumenten befanden sich zwei Tagebücher. Sie gehörten zur Sammlung von Adolph Abraham Berman, ein Untergrundkämpfer während des Krieges. Nach dem Krieg machten es sich seine Frau Batya Temkin und er zur Aufgabe, so viel dokumentarisches Beweismaterial zum Holocaust wie möglich zu sammeln. Nach vielen Irrfahrten kamen die Bermans in den 1970er nach Israel und übergaben ihre Sammlung dem Ghetto Fighters‘ House.

Erst Jahre später entdeckte das Ghetto Fighters‘ House die Bedeutung dieser beiden Tagebücher. Das eine stammt von einer Frau, die Mitglied einer Untergrundgruppe war. Das andere schrieb ein jüdischer Anwalt, der 1939 von Bialystok nach Warschau kam. Sein Tagebuch umfasst 28 Seiten. Der Verfasser bleibt jedoch anonym; es ist nur bekannt, dass er im April 1906 geboren wurde. Sein Vater und seine Schwester wurden in einer „Aktion“ ermordet und seine Mutter kam in der Zeit um, als er Tagebuch führte.

Einige Tage vor seinem 37. Geburtstag am 19. April – und seinem Tod – schreibt er:

„ 19. April 1943. In einer Woche werde ich 37 Jahre alt sein. Oh, na gut, was macht das schon für einen Unterschied? Mir wurde gesagt, dass meine Mutter erschossen wurde. Das schockiert mich nicht. Sie litt neun Monate, überlebte den Tod ihrer Tochter, den Tod ihres Mannes und die Notwendigkeit, sich in stinkenden und erstickenden Löchern zu verstecken.“

„Plötzlich begreife ich, dass ich nicht sensibel genug mit ihr war, dass das Ghetto mir meine Sanftmut und Feingefühl geraubt hat, und dass die Grausamkeit, die alles kontrolliert, in mir eingesogen ist wie Röntgenstrahlen.“

„Ich schaue hinauf in den klaren Himmel des Monats April. In der Nacht werden wir nach Treblinka gebracht. Bei Morgendämmerung werde ich nicht mehr am Leben sein. Es ist eine einfach Berechnung – das ist das letzte Mal, dass ich den blauen Himmel zwischen den Wolken sehe.“

Sein Schicksal ist unbekannt, aber aller Wahrscheinlichkeit nach wurde er ermordet, weil nur wenige Treblinka überlebt haben.

Beide Tagebücher beschreiben in lebhaften Details die Hölle auf Erden im Ghetto. Der Anwalt schreibt:

„Der Körper einer Frau, die letzte Nacht von einem Ukrainer erschossen wurde, liegt in einer der Hallen. Ihr vierjähriger Sohn krabbelt neben ihrem Körper. Er berührt den blutenden Körper seiner Mutter und zieht an ihrem Haar. Ihre Steifheit erheitert ihn. Er drückt einen Finger in ihren halb geöffneten Mund, berührt ihre glasigen Augen, die nicht sehen können. Plötzlich fängt er an zu weinen. Ein mitleidserregendes Weinen.“

Zusammenfassung der Beiträge Peres given haunting diary of Warsaw ghetto fighter by Greer Fay Cashman (JPost, 18.01.2013) und Rare Holocaust diary unveiled by Noam (Dabul) Dvir (ynetnews, 19.01.2013)

Die Übersetzungen der Passagen aus dem Tagebuch basieren auf den englischen Zitaten wie in ynetnews angegeben.

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2 KOMMENTARE

  1. Ich möchte an dieser Stelle auf meinen lieben Freund Max Mannheimer hinweisen, dessen Erinnerungen an seine Zeit in diversen Konzentrationslagern 1985 in den Dachauer Heften, Bd.1 erschienen sind. Erweitert und mit zahlreichen Bildern wurden die „Erinnerungen“ unter dem Titel „Spätes Tagebuch“ im Jahr 2000 erneut veröffentlicht. Das Original wurde ins Hebräische übersetzt und liegt heute im Dokumentationszentrum von Yad Vashem. Max erzählt eine kleine Szene aus Warschau aus dem Jahr 1943. Er war der Wäscherei zugeteilt. Ein Freund, der beim Abbruchkommando des nach dem Aufstand nahezu zerstörten Ghettos arbeitet, brachte ein in Polnisch geschriebenes Heft mit. Max erkannte, dass es sich dabei um das Tagebuch eines Mädchens handelte, welches die letzten Tage im Ghetto beschreibt. Für eine Suppe kaufte er ihm das Heft ab und ließ es ins Deutsche übersetzen.
    In der Wäscherei arbeitete zeitgleich eine polnische Zivilistin, die er durch verschiedene Hinweise als Jüdin erkannte, die mit falschen „arischen Papieren“ lebte. Die beiden freundeten sich an, und Cesia, so hieß die junge Dame, erklärte sich bereit, das Tagebuch Seite für Seite in Sicherheit zu bringen, um es für die Nachwelt zu erhalten. Max wollte, dass dieses Tagebuch später in ein Museum käme. (nach „Spätes Tagebuch“ S. 97/98)
    Es kommt fast einem Wunder gleich, dass Max und Cesia sich tatsächlich lange Jahre nach dem Krieg wieder trafen. Beide haben überlebt. Überlebt hat zunächst auch das kleine Tagebuch. Cesia hat es auf mitgenommen auf ihrer Flucht aus Warschau. Leider ist es dann aber doch verloren gegangen. Irgendwo unterwegs, auf dem langen Weg zwischen Gefangenschaft und Freiheit.

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