Der Vater ein Insider, der Sohn ein ‘Abweichler’

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Sie sind wie Tag und Nacht.

Ayatollah Abolghassem Khazali ist ein Insider. Er ist Mitglied des iranischen Expertenrats, dessen Aufgabe darin besteht, die Arbeit des Obersten Führers des Landes, Ayatollah Ali Khamenei, zu beobachten.

Khazali lobt Khamenei in den höchsten Tönen, denn mit Hilfe Gottes habe er die Islamische Revolution erhalten.

Khazalis Sohn Mehdi, ist oppositioneller Aktivist, Blogger und ein entschiedener Kritiker des islamischen Establishments.

Mehdi ist Augenarzt und wurde in den letzten paar Jahren mehrere Male verhaftet. Berichten zufolge war er die vergangenen 40 Tage im Gefängnis, inhaftiert in einer winzigen Zelle ohne Zugang zur Aussenwelt. Anfang Jahr wurde Mehdi zu mehr als 13 Jahren Haft und 10 Jahren Exil verurteilt; er wurde wegen Agitation gegen die nationale Sicherheit des Irans angeklagt.

Vater und Sohn haben erheblich unterschiedliche Weltanschauungen.

Mehdi hat Menschenrechtsverletzungen und Unterdrückung in der islamischen Republik kritisiert und gesagt, dass Khamenei sich selbst zugestanden hat, von Schmeichlern und unterwürfigen Personen umgeben zu sein. Seinen Vater hat er beschuldigt, eine Gruppe „korrumpierter Lügner“ zu unterstützen.

In einem Interview sagte Khazali, dass er seinen Sohn aus dem Haus geworfen habe, als dieser ihn kürzlich besuchte.

„Ich sagte [meiner Frau], ihn nicht zu begrüssen”, sagte er in einem Interview in der letzten Ausgabe von „Pasdar-e Islam”. Auch sei sein Sohn ein „Abweichler“ und er bete für ihn, dass er auf den rechten Weg „geführt“ werde.

„Stammt nicht Imam Hadi [der 10. Imam der Shiiten] aus der reinen Dynastie des [Propheten Mohammed]? Sein Sohn wurde zum Lügner. War nicht Noah rein? Sein Sohn wurde so. Weder bin ich höher als die heiligen Persönlichkeiten, noch ist mein Sohn notwendigerweise schlechter als ihre Söhne, trotzdem habe ich jetzt keinen Kontakt mehr mit ihm.”

Der Fall ist nicht einzigartig.

In den letzten 30 Jahren gab es verschiedene Fälle, in denen die Kinder von ranghohen Klerikern und Politikern, die dem islamischen Establishment gegenüber loyal waren, nicht den gleichen Enthusiasmus ihrer Väter teilten.

In seinen Memoiren von 2005 beschrieb Gholam Reza Hassani, Vorsteher der Freitagsgebete in Orumyeh, wie er den Behörden half, seinen Sohn Rashid in den 1980er Jahren zu verhaften. Rashid gehörte der linken Fedayin Khalq Organisation an und wurde kurz nach seiner Verhaftung exekutiert.

Hassani schrieb, dass er nicht traurig war, als er die Nachricht von Rashids Exekution erhielt, weil er empfand, dass er seine Pflicht erfüllt hatte.

„Wenn es um die islamische Revolution geht, werde ich mich nie vor meinen Pflichten drücken, sogar wenn es um meinen Sohn geht“, sagte er.

Die Beziehung zwischen Mohsen Rezaai, Generalsekretär des Schlichtungsrates, und seinem ältesten Sohn Ahmad war ebenfalls schwankend. Nach seinem Wegzug in die USA 1998, kritisierte er seinen Vater und das islamische Establishment öffentlich. Später kehrte er in den Iran zurück. Letztes Jahr wurde er in einem Hotel in Dubai tot aufgefunden.

Der Sohn von Rezaeis Berater, Abdolhosseon Ruholamini, war unter den Demonstranten, die bei der Niederschlagung der Proteste im Anschluss an die umstrittene Wiederwahl von Präsident Mahmud Ahmadinejad im Jahr 2009 getötet worden sind.

Der 25-jährige Mohsen Ruholamini verstarb vermutlich, nachdem er im Kahrizak Untersuchungsgefängnis auf schlimmste Weise geschlagen wurde. Später wurde dieses Gefängnis auf Anordnung von Khamenei geschlossen. Mohsens Vater, ein ranghoher Beamter im Gesundheitswesen, sagte, dass er um Gerechtigkeit für seinen Sohn, den er als gütig und ehrlich, aber stur beschreibt, kämpfen werde.

Viele gaben Khamenei die Schuld an den getöteten oppositionellen Demonstranten 2009. Nicht so Ruholamini, der trotz des tragischen Todes seines Sohnes dem islamischen Establishment verpflichtet bleibt.

„Wir werden diese sehr schwierige Tragödie überleben, weil wir dem System trauen, „ sagte er 2009 in einem Interview mit der iranischen englischsprachigen Sender Press TV.

Originalversion: Persian Letters: An Insider Father And His ‚Deviant‘ Son by Golnaz Esfandiari © Radio Free Europe. December 13, 2012.

Copyright © 2012. RFE/RL, Inc. Nachdruck mit Genehmigung von Radio Free Europe/Radio Liberty, 1201 Connecticut Ave., N.W. Washington DC 20036.