Ein erbitterter Streit zwischen Filmemachern und radikalen Kreisen im konservativen Lager über den neuen Film I’m a Mother ist ein weiterer Indiz für die Schwierigkeiten der iranischen Filmindustrie. Sowohl politische Verfolgung wie auch eine sich ausweitende Wirtschaftskrise schlägt ihr entgegen.

I’m a Mother (من مادر هستم – ausgesprochen „Man Madar Hastam“) wurde von Fereydoun Jirani im Jahr 2010 gedreht. Er folgt der Geschichte einer jungen Frau aus einer bürgerlichen Familie, die kurz vor ihrer Hochzeit von einem guten Freund ihres Vaters vergewaltigt wird und den Vergewaltiger unabsichtlich tötet. Nach seinem Tod ersucht die Witwe das Gericht, das Totdesurteil über die junge Frau zu verhängen, um Rache am Vater der jungen Frau ausüben zu können. Dieser hatte sich einst entschieden, eine andere Frau zu heiraten, als die beiden jung waren.

Der Film war vom Ministerium für islamische Lenkung zwei Jahre lang verboten; vor kurzem jedoch wurde die Vorführung doch genehmigt, nachdem einige vom Ministerium geforderte Änderungen durchgeführt worden waren. Die Veröffentlichung des Films Ende November wurde von radikalen Kreisen im konservativen Lager, insbesondere von der militärischen islamischen Gruppe Ansare Hisbollah, vehement abgelehnt.

Laut Meinung seiner Kritiker ist der Film verdorben, zeigt einen Lebensstil, der im Widerspruch zum Islam steht und ermutigt zu unmoralischem Verhalten, wie dem Trinken von Alkohol, dem Rauchen von Zigaretten und dem Betrügen des Ehepartners. Filmgegner sagen auch, dass er eine kritische Haltung gegenüber der Bestrafung nach dem Qisas („Auge für Auge“) einnehme, die im Islam üblich ist, und eine falsche Darstellung des iranischen Rechtssystems liefere.

Kurz bevor der Film in den Kinos anlief, veröffentlichte die Organisation Ansare Hisbollah eine scharf formulierte Stellungnahme, die verlangte, dass das Ministerium für islamische Lenkung seine Veröffentlichung rückgängig mache. Die Anführer der Gruppe, denen es gelungen war, in diesem Jahr zwei Filme aufgrund von Unsittlichkeit aus dem Kinos zu verbannen, kündigten an, dass sie beabsichtigten, eine Protestkundgebung vor dem Ministerium für islamische Lenkung abzuhalten, wenn ihre Forderungen nicht erfüllt würden.

Am 1. Dezember 2012 versammelten sich die Aktivisten der Gruppe vor dem Ministerium für islamische Lenkung in Teheran. Ihre Schilder verlangten, dass der Film aus den Kinos zurückgezogen werde und forderten die Entlassung der Ministerialbeamten, die der Veröffentlichung zugestimmt hatten. Die Demonstration rief einen grossen Streit zwischen den Gegnern und Befürwortern des Films hervor.

Zu den radikalen Aktivisten stiess eine Anzahl von mit dem rechten Flügel des konservativen Lagers verbundenen Mitgliedern des Majlis und Klerikern. Hamid Rasa‘i, ein konservativer Abgeordneter des Majlis und Mitglied der Filmförderungsanstalt, die unter dem Ministerium für islamische Lenkung arbeitet und die Macht innehat, Filme zu genehmigen oder auszuschliessen, sagte, die Filmemacher hätten nicht alle vom Rat geforderten Änderungen durchgeführt. Er argumentierte, der Film zeige zwei Familien, die keine religiöse Lebensweise praktizierten, und drei Mütter, von denen sich keine so verhalte, wie eine Mutter es sollte. Laut Rasa‘i sei eine der Forderungen des Rates gewesen, den Namen des Filmes von I’m a Mother zu I’m Not a Mother zu ändern.

Auf der anderen Seite sagten die Befürworter des Films, die Absicht der Filmemacher sei gewesen, vor dem westlichen Lebensstil und seinen Folgen zu warnen. Sie warfen den Kritikern des Films vor, ihr Widerstand bestehe aus politischen Motiven anstatt aus Überlegungen, die im vorliegenden Fall relevant wären, und dass viele von ihnen den Film nicht einmal gesehen hätten. Mehrere mit dem gemässigten Flügel des konservativen Blocks verbundene Websites kritisierten Ansare Hisbollah und traten in Verteidigung des Films und seiner Schöpfer hervor.

Inmitten der zunehmenden Kritik, unter die der Film geraten ist, berichteten die iranischen Medien zu Beginn dieser Woche, dass Jirani, der Regisseur des Films, und Javad Shamaqdari, Vorsitzender der Kinoorganisation im Ministerium für islamische Lenkung, vor den Teheraner Staatsanwalt geladen wurden.

Die Kontroverse um I’m a Mother ist eine weitere Manifestation des Wunsches des Regimes, ein regierungsnahes Kino zu erschaffen, der in den letzten Jahren zu starken Auseinandersetzungen zwischen der Regierung und Filmemachern geführt hat. Vergangenes Jahr entschieden die iranischen Behörden, das House of Cinema, die wichtigste Gewerkschaft für die lokalen Filmindustrie, zu schliessen. Der Minister für islamische Lenkung machte das Verhalten der Gewerkschaftsführer für die Entscheidung verantwortlich und sagte, dass sie in einer Weise gehandelt hätten, die unvereinbar mit den Werten der islamischen Revolution sei. Als Beispiel nannte er, dass Regimegegner, die im Ausland wohnen und Stellungnahmen gegen die Regierung gemacht haben, zu den vom House of Cinema organisierten jährlichen Feierlichkeiten eingeladen worden seien.

Der eskalierende Streit um den Film findet inmitten einer Wirtschaftskrise statt, die die iranische Filmindustrie bedroht. Mohammad-Reza Saberi, der Sprecher des Verbandes der Kinobetreiber, warnte vor Kurzem, dass Kinos gezwungen sein würden, ihre Vorstellungen abzusagen, wenn sie keine staatliche Hilfe erhielten.

Die reformerische Website Kalemeh berichtete vergangene Woche, dass es aufgrund der ausufernden Wirtschaftskrise eine erhebliche Verringerung der Zahl von Kinobesuchern im Iran gegeben habe, was die Filmindustrie an den Rand des Bankrotts gebracht habe. In einer abschätzigen Antwort auf die vom Verband der Kinobetreiber gemachten Drohungen, die Kinos aufgrund der wirtschaftlichen Situation zu schliessen, sagte der Minister für islamische Lenkung, er sei über solche Drohungen nicht besorgt und es gebe andere Alternativen zum Kino, wie Fernsehshows und Filme, die man sich zu Hause ansehen könne.

Kurzfassung der Originalversion: If there is no cinema. Let them watch TV: Iran’s film industry between political persecution and economic crisis © The Meir Amit Intelligence and Terrorism Information Center. Spotlight on Iran, December 4, 2012.

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