Assad Foto anjči / Sebastian Wallroth. Lizenziert unter CC BY 2.0 über Wikimedia Commons.
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Die jüngsten militärischen Erfolge der syrischen Opposition machen den letztendlichen Niedergang von Baschir al-Assads Regime immer wahrscheinlicher. Ein definitives Ende des Bürgerkrieges ist zwar nicht ausschliessbar, doch der Abschied des Regimes wird eher Vorbote für eine chaotischere und gefährlichere Phase des Konflikts sein.

Nach-Assad-Szenarien

Die Art des Übergangs wird bis zu einem bestimmten Grad dadurch beeinflusst werden, wie das Assad-Regime die Szene verlässt. Ein langsamer Rückzug der Regierungstruppen wird der Opposition mehr Zeit verschaffen, in den befreiten Gebieten rudimentäre Regierungsinstitutionen einzurichten, und ein weniger unruhiger Übergang wird möglich sein. Tatsächlich stehen bereits grosse Teile des Landes ausserhalb der Regierungskontrolle und werden von lokalen Ad-hoc-Ausschüssen verwaltet.

Viel wird auch davon abhängen, ob das Regime in Damaskus weiterkämpft oder sich in die Hochburgen in seinem traditionellen alawitischen Kernland zurückzieht. Das erstere Szenario könnte die Entwicklung einer neuen Zentralregierung auf Jahre hinaus verhindern. Ein plötzlicher Zusammenbruch durch die Kräfte des Regimes könnte einen noch chaotischeren Übergang vorzeichnen, wenn sich rivalisierende oppositionelle Kräfte drängeln, das Vakuum zu füllen.

Sobald Assad fällt, werden sich mehr Fragen abzeichnen, wie beispielsweise ob die Opposition dazu übergeht, Mitarbeiter des Regimes zu eliminieren und ob unter den Rebellen ein gewalttätiger Machtkampf entsteht. Da die meisten Rebellengruppen lokal verankert sind und wenig, wenn überhaupt, Kontakt mit der Opposition im Exil haben, wird nach Assad kaum ein einheitlicher Staat mit einer starken Zentralregierung entstehen. Die neue Regierung wird bei der Ausübung von Kontrolle über lokale Führer wahrscheinlich vor grossen Herausforderungen stehen: diese haben gegen das Regime gekämpft und anstatt ihre hart erkämpften Gewinne an eine zentrale Behörde abzutreten, könnten sie Bündnisse mit anderen lokalen Führern und/oder externen Kräften schmieden.

Ein alawitischer Staat?

Ein alawitischer Reststaat könnte unter Assad die Form eines einheitlichen Gebildes annehmen oder eine lockere Föderation von Warlords (wahrscheinlich ehemalige Militär- und Sicherheitschefs) sein, die über Machtbereiche, organisiert entlang Stammes-, regionaler oder politischer Linien, regieren. Wenn die inneren Spannungen zwischen den Alawiten und den gemischtbevölkerten Küstenstädten unter Kontrolle gehalten werden könnten, könnte solch ein Kleinstaat lebensfähig sein. Er würde die Reste der syrischen Armee und, vielleicht, den internationalen Flughafen in Latakia und die Häfen in Tartus und Latakia kontrollieren, sodass er Zölle auf Importe sammeln könnte.

Solch ein Szenario würde wahrscheinlich von einer neuen Runde ethnischer Säuberungen sowohl durch Sunniten als auch durch Alawiten begleitet werden und der Kleinstaat wäre auch einer ständigen Belästigung durch sunnitische Extremistengruppen ausgesetzt. Wenn aber das Kriegsherrentum im übrigen Syrien vorherrschte, wäre es schwierig, sich vorzustellen, dass sich die zersplitterte syrische Opposition vereinte, um ein militärisches Abenteuer weit weg von ihrem Heimatgebiet, wie einen Angriff auf die gebirgige alawitische Region, zu unternehmen.

Öffnung für den Iran

Ein Absinken ins Kriegsfürstentum würde auch neue Möglichkeiten für den Iran und die Hisbollah schaffen, die beide Verbündete unter der alawitischen Sicherheitselite des ehemaligen Regimes suchen würden. Sie könnten auch opportunistische Allianzen mit kurdischen, drusischen und sunnitisch-arabischen Warlords verfolgen, im Einklang mit Teherans Politik im Irak und im Gazastreifen, auf jedes Pferd im Rennen zu setzen. Sie könnten sogar salafistisch-dschihadistische Gruppen unterstützen, die beabsichtigen, in den Golanhöhen eine neue Front gegen Israel zu eröffnen.

Die zunehmende Verwicklung des Iran in den Konflikt bedeutet, dass er wahrscheinlich auch nach Assads Sturz ein wichtiger Akteur bleiben wird. Er wird versuchen, im Syrien nach Assad Verbindungen mit bewaffneten Gruppen zu kultivieren, als ein Mittel, um Druck auf die Türkei, Israel und Jordanien auszuüben, um Überlandkommunikationswege mit der Hisbollah im Libanon aufrechtzuerhalten, und um die Entstehung einer syrischen Unterstützungsbasis für Iraks sunnitische Araber zu verhindern.

Selbst eine weiche Landung beinhaltet Risiken

Selbst ein relativ glatter anfänglicher Übergang könnte den Boden für spätere Probleme bereiten, genauso wie der schnelle Zusammenbruch des Taliban-Regimes im Jahr 2001 und Saddam Husseins Regimes im Jahr 2003 Gewalt in Afghanistan und im Irak vorzeichneten. Eine revolutionäre sunnitische Regierung in Syrien wäre dem Iran gegenüber wahrscheinlich feindlich eingestellt. Im Gegenzug könnten der Iran und die Hisbollah ehemalige Elemente des Regimes mit militärischer Unterstützung versorgen, um einen Aufstand gegen die neue Regierung zu führen und sie schwach zu halten, wodurch sie sie daran hindern würden, den sunnitischen Arabern im Irak zu helfen.

Weitere Komplikationen

  • Plünderungen oder die Zerstörung militärischer Anlagen und Einrichtungen im grossen Stil könnte es für eine Nachfolgeregierung viel schwieriger machen, Sicherheit herzustellen, und vielleicht die Entstehung von Kriegsfürstentum bewirken.
  • Wenn das Ende naht, könnte sich das Assad-Regime auf die Nutzung chemischer Waffen verlegen. Solch ein Schritt könnte zu einer humanitären Katastrophe führen, mit der eine Nachfolgeregierung kaum umgehen könnte. Chemische Vorräte könnten auch umverteilt werden, um einen alawitischen Kleinstaat mit einer Abschreckung zu versehen.
  • Eine neue syrische Regierung könnte es schwierig finden, kurdisch kontrollierte Regionen zu integrieren. Grenzgebiete und demographisch gemischte Teile der bestehenden autonomen kurdischen Enklaven dürften voraussichtlich gewalttätige Brennpunkte sein.
  • Dschihadistische Gruppen könnten versuchen, Syrien als Operationsbasis für Angriffe gegen seine Nachbarn zu nutzen, was den Übergang noch weiter erschweren würde.
  • Ein zunehmender Flüchtlingsstrom in die Türkei, den Libanon und nach Jordanien könnte die Fähigkeit dieser Länder, Hilfe zu leisten, übersteigen; ohne grössere internationale Unterstützung könnte dies zu einer humanitären Krise führen.
  • Der Triumph der sunnitischen Opposition in Syrien könnte die Islamisten in Jordanien, im Westjordanland und im Irak ermutigen, mit langfristigen Folgen für die politischen Kräfteverhältnisse in diesen Gesellschaften.

 

Kurzfassung der Originalversion: Syria after Assad: Heading toward a Hard Fall? by Michael Eisenstadt © Washington Institute for Near East Policy, December 5, 2012.