Jugendliche vor der Al Fatah Moschee in Tunis. Foto MW
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Ein kleines Teehaus im Westen von Tunis, im Inneren ist es halbdunkel, tunesische Popmusik dröhnt aus dem Fernseher. Abu Abd Ennahman, wie sich der 34-jährige Mann nennt, hat sich bereit erklärt, über seinen Glauben und seine Überzeugung zu sprechen. Seinen richtigen Namen will er für sich behalten, aus Sicherheitsgründen. Seit 2005 gehört der Tunesier der örtlichen Salafisten-Bewegung an.

Ennahman hat einen Universitätsabschluss als Ingenieur, arbeitete früher für die nationale Eisenbahngesellschaft Tunesiens und war als Gewerkschafter aktiv. Er legt grossen Wert darauf, seine gute Bildung zu betonen. Mit der Zeit habe er sich aber immer mehr wie ein Sklave „des internationalen Systems“ gefühlt: „Jeden Morgen stand ich um 6 Uhr auf und arbeitete bis um 6 Uhr abends, wie ein Roboter.“ Bei den Salafisten habe er schliesslich einen neuen Lebenssinn gefunden. Er sei von einem Salafisten überzeugt worden, der später im Irak als „Märtyrer“ starb. Auch Abu Abd Ennahman reiste in den Irak, „um im Jihad zu kämpfen“, wie er erklärt.

Er betont, dass der Salafismus keine Organisation im eigentlichen Sinne sei, sondern vielmehr eine Doktrin, vergleichbar etwa mit der Revolutionsdoktrin Ché Guevaras für den er eine gewisse Bewunderung empfindet – vermutlich vor allem für dessen anti-amerikanische Rhetorik. Vor der Revolution in Tunesien sei es für die Salafisten schwierig gewesen, sich zu ihren Überzeugungen zu bekennen, man sei von der Polizei und dem Geheimdienst verfolgt worden. Man musste sich im Untergrund organisieren. Das habe sich nun gebessert. Die Salafisten seien alle Soldaten Allahs und ihr Ziel sei es, die muslimischen Länder zu befreien.

Denn für Ennahman ist klar, dass das „Fortbestehen des Kolonialismus und des Imperialismus“ das grösste Problem für Tunesien und die anderen muslimischen Länder sei. Danach holt er zu einer längeren Erklärung aus: Juden und Christen seien für die Salafisten Ungläubige, weil Kapitalismus und Imperialismus Macht über sie ausüben. Das heisse aber nicht, dass die Bevölkerung der ungläubigen Länder zu den Feinden der Salafisten gehöre, vielmehr wolle man mit den Menschen in diesen Ländern sprechen, um Gemeinsamkeiten zu finden. „Unsere Feinde sind die Regierungen und die Juden, denn sie sind die wahren Ungläubigen“, sagt Ennahman. Und auch die US-Soldaten in muslimischen Ländern seien Feinde, weil sei den Befehl hätten, zu töten.

Erst auf wiederholte Nachfrage sprach er über die Probleme innerhalb Tunesiens. Diese würden vor allem durch die Ennahda-Partei verursacht, da diese zu wenig islamistisch und deshalb auf dem falschen Weg sei. Als Salafist lehne er sowohl Verfassung als auch generell Demokratie ab. Tunesien als Staat mit seinen Staatssymbolen wie Grenzen und Fahne sei auch nicht von Belang für die Salafisten.. „Tunesien ist ein künstliches Konstrukt, nach dem Zweiten Weltkrieg geschaffen, um die muslimische Welt zu spalten. Wir aber streben die Ummah an“, so Ennahman.

Die Ummah als Gemeinschaft aller Muslime sei die Vision der Salafisten, dazu müsse man aber den Kapitalismus brechen. In der Ummah werde es soziale Gerechtigkeit, ein kostenloses Gesundheitssystem und Arbeit für alle Muslime geben. Salafisten anerkennen einzig den Koran als legitime Rechtsquelle, das kollektive Recht steht über dem Individualrecht. Ennahman sagt, er sei sich bewusst, dass die Ummah lediglich eine Utopie sei, da die EU und die USA eine solche Idee ablehnten und versuchten, sie durch militärische Interventionen und ökonomische Manipulation zu verhindern. Deshalb bestehe die Hauptaufgabe der Salafisten darin, die übrigen Muslime zu sensibilisieren, damit sie die „wahren Werte des Islams und des Propheten kennenlernen.“ Das gesamtislamische Kalifat solle letztlich durch eine „Erneuerung des Jihads“ in den muslimischen Ländern herbeigeführt werden, doch natürliche stelle sich die USA dagegen, weil sie die gewaltige Militärmacht der vereinten Muslime fürchte. Und überhaupt gebe es in der islamischen Welt derzeit auch keine Regierung, der die Salafisten trauen würden. Als mögliches Vorbild nennt Ennahman interessanterweise ausgerechnet den englischen König und Kreuzfahrer Richard Löwenherz, da dieser ehrlich zu den Menschen gewesen sei.

Zum Schluss hat Abu Abd Ennahman noch eine Botschaft an die Schweizer Bevölkerung: „Wir sind nicht eure Feinde, solange ihr euch nicht dafür entscheidet, unser Feind zu sein.“ Man weiss nicht so recht, ob das als Beruhigung oder Drohung gedacht ist.

Über Michel Wyss

Michel Wyss ist freischaffender Analyst bei der Audiatur-Stiftung und beschäftigt sich hauptsächlich mit Sicherheitspolitik im Nahen Osten. Er absolviert derzeit ein MA-Studium in Government mit Fokus auf Internationale Sicherheit am Interdisciplinary Center in Herzliya, Israel und ist als Research Assistant beim International Institute for Counterterrorism (ICT) tätig.

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