„Rational zu sein, wenn alle anderen emotional sind, macht dich zum Verräter“, notierte der produktive Twitterer Iyad El-Baghadi, nachdem seine palästinensische Identität in Frage gestellt wurde, weil er eine kritische Haltung gegenüber der aussergerichtlichen Tötung von fünf angeblichen Kollaborateuren mit Israel durch die Hamas eingenommen hatte. Beunruhigt durch die Bilder der Leichen, die von Motorradfahrern durch die Strassen gezogen wurden, äusserte El-Baghdadi offen seine Meinung und bezahlte den Preis dafür in seinem Twitter-Feed: Seine Kritiker schlugen mit fiesen Schimpfwörtern wie „Hausaraber“ oder „kolonisierter Araber“ um sich.

Anscheinend darf El-Baghdadi – obwohl er selbst ein staatenloser Sohn von Flüchtlingen ist – nicht über den eigenen Tellerrand hinaus schauen oder zumindest seine Gedanken laut aussprechen. Das blosse Hinterfragen des Verhaltens der Hamas reichte aus, um seine Kernidentität zu attackieren und letztendlich abzuerkennen. Die Botschaft, so El-Baghdadi, lautet: „Entweder adaptierst du kritiklos unseren [palästinensischen]Narrativ oder du bist keiner von uns.“

Angeblich haben die Angriffe der israelischen Armee auf palästinensische Zivilisten die Empörung gegen El-Baghdadi ausgelöst. Wenn aber die Hamas einen Stadtbus in die Luft sprengt oder Raketen in ein Klassenzimmer feuert, entsteht keine Empörung. Warum? Viele würden es niemals zugeben, aber die dem zugrundeliegende Rationalisierung lautet „der Besatzung um jeden Preis und mit allen Mitteln trotzen“ oder gar grob vereinfachend: „Wir werden unterdrückt.“

Als jemand, der regelmässig auf Arabisch und Hebräisch twittert, weiss ich aus erster Hand, wie Gruppendenken zu einer Form von Tyrannei werden kann, die liberal Gesinnte mit jedem Aufflackern von Spannungen mit Israel verstummen lässt. Jedes Wort oder jeder Satz kann als Anklage auf Verrat verwendet werden. Echtes Mitgefühl für Freunde auf der Gegenseite auszudrücken, birgt die Gefahr der Exkommunikation von einer Gemeinschaft, der man angehört und die einem vieles bedeutet.

Schweigen hat aber auch seinen Preis. Es bedeutet, die Werte der Hamas stillschweigend hinzunehmen, welche entgegen einer Grundmoral der Heiligkeit jeden menschlichen Lebens stehen. Dieses Schweigen transformiert Mehrfachidentitäten in auferlegte eigene Stereotypen, was ein Araber sei und was er glaube.

Die arabischen Aufstände im gesamten Nahen Osten während den letzten zwei Jahren waren aber genau ein Zeichen dafür, wie alte Dogmen zumindest teilweise endlich herausgefordert und verworfen wurden. Es ist allerhöchste Zeit, den arabisch-israelischen Konflikt gleichermassen anzugehen – und vor allem die Art wie wir miteinander darüber sprechen.

Für einige arabische Liberale hat dieser Wandel bereits begonnen. Der vermutlich einflussreichste Blogger Libanons, Mustafa Hammaoui, fragte kürzlich in seinem Beitrag,: „Verlangt Araber zu sein, dass ich laut protestiere, wenn unschuldige Palästinenserkinder getötet werden, aber dass ich meine Humanität völlig preisgebe und auf beiden Augen blind bin, wenn unschuldige israelische Kinder getötet werden?“

Um durch die komplexe Realität von Identität und Geopolitik zu navigieren, brauchen wir – arabische Liberale – deshalb klare Wertvorstellungen. Im Folgenden ein erster Versuch meinerseits, jene Werte zu artikulieren, die eine rigorose und offene Debatte verdienen:

  • Sei du dich selbst und erlaube anderen, sich selbst zu sein. Auferlege keine Ideologien.
  • Diskussion ist kein Verrat – verbanne niemanden deswegen.
  • Selbstkritik und Selbstwahrnehmung sind gesund, weil sie helfen, die Wahrheit zu veranschaulichen.
  • Die palästinensischen Führer zu kritisieren oder gar zu denunzieren, bedeutet nicht, die Verpflichtung gegenüber den Palästinensern aufzugeben. In der Tat ist dies vielleicht das Beste, was du für sie tun kannst.
  • Lass nicht zu, dass die Islamisten die Tagesordnung festlegen und Palästina verwenden, um Liberale zu delegitimieren.
  • Nüchtern betrachtet: Bashir al-Assad hat mehr Blut von Zivilisten an seiner Hand als jeder nicht-arabische Unterdrücker.
  • Vermeide, wenn immer möglich, billige Rhetorik wie „Holocaust“ oder „Märtyrertod“.
  • Stehe konsequent für liberale Werte ein und anerkenne, dass die Realität komplex ist und nicht immer einfache Lösungen anbietet.
  • Es ist in Ordnung, mit Israelis, Juden, Atheisten, Homosexuellen oder Freimaurern befreundet zu sein – genau wie mit einem konservativen, religiösen Muslim.
  • Zögere nicht, mir zu widersprechen.
  • Fürchte dich nicht davor, deine Meinung zu äussern, auch wenn du dich allein fühlst und der Mob dich holen will.

Arabische Liberale müssen der Verlockung widerstehen, Abschied von unseren moralischen Werten zu nehmen, sobald sich die Diskussion um Israel dreht. Ich habe keine Lösung für den Konflikt mit Israel, aber ich weiss, dass ein Sinn für Mitgefühl und Humanität helfen kann, den Weg zu finden. Letztendlich jedoch ist nicht Israel unsere wichtigste Herausforderung, sondern vielmehr unsere (Un)Fähigkeit, eine Diskussion ohne Angst oder Selbstzensur zu führen.

Nasser Weddady ist ein Menschenrechtsaktivist aus Mauretanien und lebt in den USA. Seine Artikel wurden u.a. publiziert in: International Herald Tribune, Wall Street Journal, Boston Global und Baltimore Sun.

Nachdruck mit freundlicher Genehmigung.

Gekürzte Fassung der Originalversion: Arab Liberals and Gaza: Or Why We Must Re-Define Resistanceby Nasser Weddady, dekhnstan.wordpress.com, November 21, 2012.

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