Die Fehleinschätzung der Hamas

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Die Krise, die bis vor einer Woche im Gazastreifen im Gange war, repräsentiert den Moment, in dem die Welle des sunnitischen Islamismus, der in der Region seit Anfang 2011 einen Triumph nach dem anderen feierte, schliesslich hart auf den jüdischen Staat stösst.

Die Form, in der sich die Krise abspielt, bietet einige nützliche, frühzeitige Hinweise zu sowohl Stärken als auch Schwächen der aufstrebenden sunnitisch-islamistischen Kräfte in der Region.

Aus der historischen Perspektive ist nun klar, dass der „Arabische Frühling“ – das heisst, der Fall der altersschwachen arabisch-nationalistischen Regimes und ihre Ersetzung durch islamische – nicht anfangs 2011 in Tunesien, sondern im Sommer 2007 im Gazastreifen begann. Die Vertreibung der Fatah und der PLO aus dem Gazastreifen und ihre Niederlage gegen die Islamisten der Hamas legten im Kleinen den Prototyp dafür fest, was in Tunesien, Ägypten, Syrien und Jemen folgte.

Die Hamas-Machthaber im Gazastreifen verstehen diesen Gesichtspunkt gut. Sie begreifen sich als Teil des historischen Prozesses eines islamistischen Vorstosses. Der rasche und beeindruckende Machtaufstieg der Muslimbruderschaft insbesondere in Ägypten führte bei der Bewegung zu einer drastischen Veränderung in der Beurteilung des Gleichgewichts der Kräfte und dessen, was nun in ihrem langen Kampf gegen Israel möglich ist.

Diese Veränderung auf der Strategieebene führte in den vergangenen Monaten zu Veränderungen in der Taktik. In den ersten Jahren nach der Operation Gegossenes Blei unternahm die Hamas einige Anstrengungen, um den Islamischen Dschihad und die kleineren salafistischen Organisationen davon abzuhalten, auf Israel zu feuern. Die Bewegung konzentrierte sich auf die Wiederbewaffnung und die Verbesserung ihrer Fähigkeiten. Die eigenen Kämpfer der Hamas waren selten verantwortlich für die Raketen.

Im Laufe des Jahres 2012 änderte sich dies. Im Glauben, sie habe die Muslimbrüder Ägyptens im Rücken, begann die Hamas, die Zügel der kleineren Gruppen zu lockern und sich entlang der Grenze an Aktionen gegen Israel zu beteiligen.

Der Angriff mit einer Kornet-Rakete am 10. November auf einen Jeep der IDF, der auf der israelischen Seite der Grenze patrouillierte, war bisher der stärkste Ausdruck des Versuches der Hamas, auszunutzen, was sie als ein verändertes Gleichgewicht ansah. Diese Aktion löste die kürzliche Krise zwischen Israel und der Hamas aus.

Die Hamas hat sich verkalkuliert. Offenbar nahm die Bewegung an, dass Israel ihre Perspektive des veränderten Kräftegleichgewichts teile und hinnehme, dass die Hamas Terroranschläge gegen Israels Süden zulasse und an ihnen teilnehme.

Stattdessen haben die israelischen Behörden die Absichten der Hamas klar verstanden und mit einem Grosseinsatz mit einem deutlich begrenzten Ziel reagiert – nämlich, die ‚Abschreckung‘ wiederherzustellen; das heisst, die Hamas-Machthaber im Gazastreifen von der Vorstellung abzubringen, dass die aktuelle Situation Aggressionen gegen Israel ermögliche.

Doch die grössere Fehlkalkulation scheint die Hamas hinsichtlich der Art und des Ausmasses der Unterstützung durch die Muslimbrüder-Regierung Ägypten gemacht zu haben. Ideologisch sind diese beiden Gruppen natürlich ähnlich gestrickt. Doch Ideologie ist nicht der einzige ausschlaggebende Faktor. Die Herrscher Ägyptens walten über ein dysfunktionales Land von über 80 Millionen Einwohner. Sie sind vollständig abhängig von westlicher Hilfe, um die reelle Perspektive eines Hungers zu vermeiden. Kurz vor der aktuellen Krise im Gazastreifen hatte sich Ägypten einer Zusage der Europäischen Union für Beihilfen in Höhe von 6,4 Milliarden Dollar versichert. Ein Darlehen in Höhe von 4,5 Milliarden Dollar vom IWF ist auf dem Weg. Die USA haben sich verpflichtet, Ägypten 2 Milliarden Dollar pro Jahr zur Verfügung zu stellen.

Doch dieses Geld kauft natürlich auch Einfluss. Es bedeutet, dass die ägyptischen Muslimbrüder nicht einfach ihren ideologischen Neigungen folgen können.

Das Ergebnis lautete, dass die ägyptischen Behörden von jetzt an, zusammen mit Katar und der Türkei, bestrebt sind, die Hamas dazu zu bewegen, einer neuen Waffenruhe zuzustimmen. Die Führer im Gazastreifen lehnten die Vorschläge Ägyptens zuerst ab, stimmten aber letztendlich zu.

Die Haltung von Ägypten lässt auf etwas Wichtiges schliessen. Die aufstrebenden sunnitisch-islamistischen Kräfte in der Region unterscheiden sich vom iranisch geführten Schiitenblock, der sich selbst finanziert und der sich auf einen Kollisionskurs mit dem Westen und mit Israel verlegt hat.

Die sunnitischen Islamisten in Kairo werden von der Realität dazu gezwungen, eine andere Art von Beziehung mit dem Westen zu unterhalten. Dies hat die Hamas bei ihrem Versuch, infolge des sunnitisch-islamistischen Vorstosses neue Einsatzregeln zu erzwingen, versäumt miteinzubeziehen.

Originalversion: Hamas’s Miscalculation by Jonathan Spyer © The Weekly Standard, November 18, 2012.