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Israel und Gaza stehen in einem bitteren Konflikt, aber im Wolfson Medical Center in der Nähe von Tel Aviv erhalten Kinder aus Gaza eine Überlebenschance.

Mohamed Ashgar ist gelangweilt. Der 11-jährige Junge, der an einer rheumatischen Herzkrankheit leidet, liegt seit einer Woche im Wolfson Medical Center und wartet auf seine OP. Doch diese wurde wegen der schlechten Bluttestergebnisse verschoben. Er möchte nur diese Operation und dann zurück zu seinen Eltern und vier Brüdern und Schwestern. Sein Traum ist es, wenn er wieder gesund ist, zurück in die Schule zu können. Sein schlechter Gesundheitszustand erlaubt ihm seit einem Jahr nicht mehr die Schule zu besuchen.

Mohamed hat ein freches Gesicht und ein süsses, breites Grinsen. Wenn er gross ist, sagt er israel21c, möchte er gerne Ministerpräsident sein – vielleicht. Eigentlich ist alles so normal, ausser dass Mohamed aus Gaza ist und seine Operation in Israel durchgeführt wird inmitten eines bitteren und gefährlichen Konflikts. Tatsächlich waren er und sein Grossvater Dahud, der ihn nach Israel begleitet hat, erst kürzlich in einem Bunker, als die Sirenen losgingen.

Danke der israelischen Wohltätigkeitsorganisation Save a Child’s Heart (SACH) ist Mohamed in Israel. SACH hat ihren Sitz am Wolfson und führt Herzoperationen und Nachbehandlungen für Kinder aus Entwicklungsländern durch.

Er ist zur Zeit nicht das einzige Kind aus Gaza. Zwei Babys – beides Mädchen-, und ein sechs Jahre alter Junge, der mit seiner Mutter am Sonntag während der Sirenen eingetroffen ist, befinden sich zur Behandlung im Wolfson. Inmitten der heftigsten Kämpfe haben sie es geschafft, mit dem Auto von Khan Yunis nach Gaza Stadt und von dort weiter mit dem Krankenwagen zur Erez Crossing zu gelangen; dort wurden sie von Israelis empfangen und ins Wolfson gebracht.

Zudem wird gerade die sechs Monate alte Losen, ein palästinensisches Mädchen aus dem Westjordanland, im Wolfson behandelt. Ihre Operation fand statt als die Sirenen losgingen. Ihr Vater, Ahamd Faygan, sagte, dass als die Sirenen losgingen, er nur daran denken konnte, ob die Ärzte seine Tochter verlassen würden, um in den Bunker zu kommen. Sie haben es nicht gemacht.

Ferner werden fünf Kinder aus dem Irak, und 18 weitere Kinder aus dem Kosovo, Ghana, Nigeria, Tanzania und Sansibar behandelt.

„Raketen schlagen ein, aber wir machen weiter wie immer”

SACH ist weltweit das grösste Programm seiner Art. Die Organisation bringt nicht nur Kinder für lebensrettende Operationen nach Israel, sie bildet auch Ärzte aus, geht auf Auslandsreisen, um Kinder vor Ort zu operieren und Kardiologen auszubilden, und unterhält eine wöchentliche Kinderklinik im Westjordanland und in Gaza. 70 bis 80 Personen gehören zum medizinisches Personal und alle sind Volontäre.

Die Organisation wurde vom amerikanischen Einwanderer Dr. Amram Cohen ausgedacht und 1995 von Cohen und Dr. Sion Houri gegründet. Houri ist heute Leiter der pädiatrischen Intensivstation am Wolfson Krankenhaus. Anfangs behandelten sie äthiopische Kinder, dann wurde die Arbeit ausgedehnt auf Kinder aus 44 Ländern. Mehr als 3.000 Kinder erhielten durch SACH eine Operation im Wolfson, die Hälfte von ihnen Palästinenser und zu 70 Prozent aus dem Gazastreifen.

Macht es für das Team einen Unterschied, im Konflikt mit Gaza zu stehen?

„Von aussen mag es komisch aussehen, aber hier ist es Routine“, sagt Houri als er den Gang der pädiatrischen Abteilung runterläuft und Patienten, Eltern und Krankenschwestern in einem Mix aus Hebräisch, Arabisch und Englisch begrüsst. „Das ist die Logik des Nahen Ostens: zur gleichen Zeit, in der wir uns gegenseitig bombardieren, kommt eine Mutter mit ihrem Sohn aus Gaza zu einer Operation. Raketen schlagen ein, aber wir machen weiter wie immer. Für uns ist es normal, anormal zu sein.“

„Wir sind nicht politisch. Wir gehören werden nach rechts, noch nach links, wir sind bloss eine Gruppe von Ärzten“, sagt er weiter.

„Hier fühlen wir uns sicher”

„Für die Eltern und Kinder aus Gaza ist es zurzeit zweifelsohne surreal. Ihre Führung steht im Krieg mit Israel, Militante feuern Hunderte von Raketen auf Israel ab und ihre eigenen Familien suchen Schutz vor israelischer Vergeltung. Aber hier werden sie herzlich und mitfühlend behandelt. Und am wichtigsten – ihre Kinder bekommen lebensnotwendige Operationen.“

„Wir sind sehr froh, hier zu sein für die Operation, aber wir nehmen grossen Anteil mit unseren Familien daheim“, sagt Dahud. „Wir haben keine Angst um uns; wie haben Angst um sie in Gaza. Hier fühlen wir uns sicher.“

Hat diese Arbeit mit Gaza einen Einfluss auf die Situation?

„Urteilt man nach der Anzahl der Raketen, die in Israel eingeschlagen sind, scheint es eher nicht so, „ sagt Houri reumütig. „Wir müssen einfach das machen, was wir können…Wie haben Hunderte Kinder operiert. Wir haben über die Jahre unterschiedlichste Reaktionen erhalten. Im Wolfson sitzen palästinensische und israelische Mütter zusammen und reden zum ersten Mal miteinander.“

Am Ende unseres Gespräches macht Houri schnell eine Visite auf der Intensivstation, bevor er in sein Büro zurückkehrt. Er hält bei Losen an und ist zufrieden mit ihren Organen.

In der Zwischenzeit wartet Mohamed unruhig darauf, dass er bald dran ist. Wenn sich seine Blutwerte verbessern, sollte die Operation nächste Woche erfolgen. Sein Grossvater, der 40 Jahre in Israel gearbeitet hat, hofft, dass sich die Situation zwischen Gaza und Israel eines Tages verbessern wird.

„Ich bin quer durchs Land gefahren wegen Arbeit und danach wieder nach Hause, „ sagt er mit Leidenschaft. „Ich hoffe, dass diese Tage wieder kommen.“

Kurzfassung der Originalversion: The children given life in the midst of war by Nicky Blackburn © Israel21c.org, November 20, 2012.

Weitere Informationen zu Save a Child’s Heart Switzerland hier