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Israel der Apartheid zu bezichtigen, ist ein Mantra, das in den letzten Jahren deutlich an Popularität gewonnen hat. War die Verwendung des Begriffs früher vor allem radikalen Antizionisten und Palästina-Aktivisten vorbehalten, so tönt der Apartheid-Vorwurf mittlerweile auch aus den Spalten grosser Tageszeitungen wie der NZZ. Jürg Bischoff beispielsweise griff diese Woche die Anschuldigung auf und interpretierte dabei aber Zahlen auf eine Weise, die nicht über alle Zweifel erhaben ist.

Weitaus tragischer dabei ist jedoch, dass der Fokus auf den immer gleichen Vorwürfen liegt, und gerade jene Bemühungen unter den Tisch fallen, die darauf abzielen, echtes gegenseitiges Verständnis und Vertrauen zu schaffen, statt sich in einseitiger Schuldzuweisung zu üben. So wie etwa der nachfolgende Beitrag von Shelley Hermon*.

Tel Aviv, Israel – An einem heissen Septembertag war ich auf dem Weg zur Weltpremiere des Films Within the Eye of the Storm in der Tel Aviv Cinemathek. Der Film erzählt die erstaunliche Geschichte von Bassam Aramin und Rami Elhanan – der eine Palästinenser, der andere Israeli, die entgegen aller Erwartungen aus Feinden zu Brüdern wurden.

Unser Filmteam hatte den 21. September, der internationale Friedenstag, zur Lancierung des Films ausgewählt, weil wir der Welt eine Botschaft der Hoffnung vermitteln und die Möglichkeit eines anderen Weges aufzeigen wollen, der aktuell so dringend benötigt wird.

Alle Filmvorführungen waren gleichzeitig geplant – in jeder Cinemathek in Israel, sowie im norwegischen Parlament in Oslo, in einem Kino im amerikanischen Philadelphia und in einem Kino in Frankreich. Ausserdem wurde der Film auf zwei Sendern in Frankreich und Spanien ausgestrahlt.

Doch als ich zur Tel Aviv Cinemathek lief und die Vorarbeit des Films bis zum Ergebnis fünf Jahre später fühlte, dämmerte es mir, dass er genau hier vor Ort, wo der Film so dringend gebraucht wird,  für die meisten wohl unbekannt bleiben dürfte. Wird überhaupt jemand kommen? fragte ich mich. Ist das Wort „Frieden“ bei der Mehrheit der Israelis und Palästinenser, die schlicht genug von der Situation haben, passé und „uncool“ geworden und werden unsere Bemühungen auf taube Ohren stossen?

Ich bin in Israel geboren, zog mit acht Jahren nach London und wuchs dort auf. Dort haben sich meine Perspektiven und mein Horizont erweitert, aber mein Herz ist immer hier in Israel geblieben. Jahrelang habe ich damit gekämpft zu verstehen, warum dieser bittere Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern noch immer besteht; warum hat er das Leben meines Grossvaters eingefordert hatte, der sein Leben lang für Toleranz und Verständigung einstand; warum die Opferzahlen weiter ansteigen und warum wir damit immer eine Weise umgehen, die offensichtlich doch nicht funktioniert.

Vor fünf Jahren entschied ich, nach Israel zurückzukehren. Meine Rückkehr war begleitet von der Suche nach anderen Menschen, die Gewalt als normale und berechtigte Antwort auf die aktuelle Situation nicht akzeptieren. Ich suchte diese Menschen auf beiden Seiten, die es entgegen aller Erwartungen geschafft haben, die Konditionierung ihrer jeweiligen Gesellschaften und Kulturen zu überschreiten. So habe ich Aramin und Elhanan kennengelernt und so kam es dazu, dass ich ihre bemerkenswerte Geschichte im Film erzähle.

Within the Eye of the Storm folgt dem Weg von Aramin und Elhanan, die einst entschiedene Kämpfer waren, bereit um ihrerer Nationen willen zu töten und auch vom anderen getötet zu werden. Doch der Tod ihrer Töchter konfrontierte beide mit dem Preis des Krieges. Verblieben mit dem qualvollen Schmerz des Verlustes, entschieden sie, das Unerwartete zu tun. Sie widerstanden dem Drang der Vergeltung und begaben sich auf eine gemeinsame Reise, um den Feind, der ihnen ein geliebtes Familienmitglied weggenommen hatte, zu vermenschlichen. Auf diesem Weg entdecken sie Freundschaft und Humor, die sie am Leben erhalten.

Als die Menschenmassen in den Kinosaal drängten und dieser bis auf den letzten Sitzplatz belegt war, war ich mir mehr als sicher, dass die Botschaft des Films ankommen und anerkannt würde.

Als ich nach der Vorführung die Bühne betrat, um über den Film zu sprechen, gab es kein trockenes Auge im Saal. Die Ruhe, die eine intensive und emotionale Atmosphäre geschaffen hatte, wurde von lautem Applaus durchbrochen. Als Aramin auf die Bühne trat, stand das ganze Publikum auf.

Als ich an diesem Tag nach Hause kam, ereilten mich Berichte über die verschiedenen Vorführungen, endlose Telefonanrufe, Texte und Emails des Publikums verbreiteten sich weltweit, insbesondere von Zuschauern hier in Israel. Sie waren dankbar, dass ich diese Geschichte mit ihnen geteilt hatte, es hat ihnen Hoffnung gegeben, ihre Perspektiven erweitert und andere Möglichkeiten aufgezeigt. Da verstand ich, dass wir den „anderen“ wirklich sehen und einen gemeinsamen Wunsch nach einer besseren Zukunft entdecken können, wenn wir in der Lage sind, den Panzer der Angst und der Skepsis zur durchbrechen und über den eigenen Horizont hinausblicken.

Es mag zwar nur ein Tropfen auf den heissen Stein sein, aber auch wenn nur ein paar Menschen den Saal in dem Glauben an die Menschlichkeit und Dialog verlassen haben, werden diese Tropfen ein Kräuseln auslösen, das zu einer Welle werden könnte.

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* Shelley Hermon ist freischaffende Produzentin, Regisseurin und Kamerafrau. Der Trailer und Vollversion des Films Within the Eye of the Storm steht online für eine begrenzte Zeit zur Verfügung unter www.withineyeofstorm.com. Dieser Beitrag wurde geschrieben für Common Ground News Service (CGNews).

Originalversion: Israeli and Palestinian go from enemies to brothers by Shelly Hermon © Common Ground News Service. October 23, 2012. Deutsche Übersetzung ©Audiatur-Online.

1 KOMMENTAR

  1. Israelis und Palästinenser haben einen Auftrag.
    Sie müssen gemeinsam die Wüste begrünen. „Gemeinsam“ ist das Zauberwort.
    Ein neuer Weg muss beschritten werden. „Du sollst nicht töten“ gilt für beide Religionen.

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