Foto raphaelthelen - Flickr. Lizenziert unter CC BY 2.0 über Wikimedia Commons.
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Die gefährlichsten und destruktivsten Denkweisen im Islam sind mir bekannt: Salafismus und Wahabismus. Eine Begegnung mit tunesischen Salafisten hinterliess einen beklemmenden Eindruck der Angst und Vorahnung.

Meine Kollegin Isobel Coleman vom Council on Foreign Relations und ich waren auf Forschungsbesuch in Tunesien. Bei unseren Treffen mit säkular Liberalen und demokratischen Islamisten gleichermassen wurde ein Thema immer wieder zur Sprache gebracht, nämlich die Sorge über den zunehmenden Anreiz des Hardliner Salafismus unter den Jugendlichen in ihrem Land. Wir waren in einer Atmosphäre in Tunesien angekommen, nachdem ein Mob einen Teil der amerikanischen Botschaft in Tunis abgefackelt hat und zudem hatten wir unsere eigenen Interessen an den Salafisten.

Wir befragten tunesische Islamisten von der Ennahda-Partei, welche Salafisten-Führer wir treffen sollten, doch sie entgegneten uns, dass Salafisten in Tunesien keine organisierte Gruppe seien. Sie haben weder einen Anführer noch Einrichtungen, die wir hätten kontaktieren können. Solche Ansagen haben mich sprachlos gemacht, nicht zuletzt weil in Tunesien Salafisten öffentliche Veranstaltungen für „Kampfsportarten“, Angriffe auf Hotels, die Alkohol ausschenken, und viel besorgniserregender, einen Marsch von der Innenstadt in Tunis zur US-Botschaft organisiert haben, ausgestattet mit Molotow-Cocktails und Leitern, um die Mauer zu erklimmen. (Einige sind auch mit dem Bus gekommen). Solche Aktionen erfordern leadership (Anführung), Koordination und Planung.

Ohne Adresse oder Telefonnummer von Salafisten gingen wir Richtung Hauptmoschee in Tunis, die ein Freund als beliebter Treffpunkt für Salafisten empfahl. Es war die Zeit für das letzte Gebet des Tages, ‘Isha, und problemlos konnten wir junge Salafisten an ihren langen Bärten und Gewändern erkennen, die aus der Moschee kamen. Höflich hielten wir einen an und fragten nach einem Oberhaupt oder wichtigen Kleriker in Tunesien des “da’wah salafiyyah,” oder “Ruf des Salafi” – ihre bevorzugte Art, über sich  als „Ruf des Salafi“ oder früheren Form des Islam zu sprechen.

Wir unterhielten uns auf Arabisch und daher war es für sie einfacher, ihre aufrichtigen Gedanken in ihren vertrauten Redewendungen auszudrücken.

Innerhalb weniger Momente kamen andere Jugendliche dazu und alle betonten wiederholt, dass sie keine politische Partei, Führer oder sogar Iman oder Kleriker in Tunesien hätten. Die „echten und wahren“ Kleriker seien in Saudi Arabien, denen sie nacheiferten. Unter diesen war der Name des verstorbenen saudischen Muftis Sheikh bin Baz, und der bekannte und ebenfalls verstorbene Sheikh Uthaymeen.

Soweit kein grosses Problem – in Saudi Arabien ersuchen viele Personen diese Männer für religiöse Beratung. Sicherlich gesellschaftlich regressiv, aber keine Sicherheitsbedrohung. Aber welcher lebende Salafi-Kleriker hat denn nun diese tunesischen Männer unterwiesen?

Ich fragte sie, ob Sheikh Salman al-Audah, einer der bekanntesten sowohl nach politischem wie salafi Standard bedächtigen und modernisierenden Gelehrten Saudi Arabiens, Einfluss auf tunesische Salafi habe.

Dann fingen die Probleme an. Die Tatsache, dass sie den Augenkontakt mit Isobel vermieden und sie nicht direkt ansprachen, sondern durch mich, war meinem Verständnis nach bereits ein Problem des Sexismus und Respektlosigkeit. Doch es kam noch schlimmer.

Diese tunesischen Salafisten betrachteten Sheikh Salman nicht als einen glaubwürdigen Gelehrten (auch wenn er auf Twitter 2 Millionen Followers hat und einen Millionen Menschen seine TV-Sendung schauen). Warum? Weil er erst kürzlich die Ennadha-Partei und andere islamistische politische Parteien befürwortet hat. „Im Islam gibt es keine Parteien,“ so einer unserer Gesprächspartner. „Der Prophet hat keine politischen Parteien geschaffen. Wir sind Muslime und folgen den ersten Muslimen, den Salaf. Es ist haram (verboten), Mitglied einer politischen Partei zu sein und Muslime in rivalisierende Parteien zu spalten.“

Daher ist Sheikh Salman ihrer Anhängerschaft nicht würdig. Und dann kam ein anderer Salafi aus der Gruppe zu Wort.

„Politische Parteien sind für Demokratie. Demokratie ist kuft (eine Übertretung des Islam). Als Muslime können wir nicht an Demokratie glauben. Es ist nicht unsere Sunnah (Weg), sondern eine Sunnah des Westens. Salman al-Audah hat unseren Weg verlassen.“

„Demokratie ist die Herrschaft des Volkes, für das Volk, vom Volk,“, sagte einer aus der Gruppe ohne wahrscheinlich zu wissen, dass er damit Abraham Lincoln zitierte. „Als Muslime glauben wir ausschliesslich an die Herrschaft Gottes.“ Dann zitierte er aus dem Koran und wollte eine wörtliche Anwendung des „Gottesgesetzes“ in Tunesien.

Es war zutiefst erschütternd, diesen jungen Männern zuzuhören, wie sie neu erlangte demokratische Freiheiten missbrauchten, um Demokratie abzulehnen und danach zu streben, eine Regierung Gottes zu erschaffen, in der keine politischen Parteien existieren. Ihr politisches Analphabetentum, ihr Extremismus und Ignoranz waren zudem sehr betrübend. Aber es kam noch schlimmer.

Nachdem sie uns Namen von Salafi Gelehrten genannt hatten wie Madkhali und al-Albanin, die „echte Gelehrte” seien, und saudischen Reformer anprangerten, verabschiedeten wir uns von ihnen.

Ein anderer Salafi hörte unserer Unterhaltung von weitem zu. Er hielt sich auf Distanz zu dieser kleinen Versammlung, doch hörte konzentriert zu. Er hielt uns auf, weil er mit dem Ergebnis der Diskussion mit den anderen Salafi nicht zufrieden war.

„Bist Du Muslim,“ fragte er mich.

„Ja.“

„Und die Dame?“

„Nein,” sagte ich.

„Mag sie den Islam und Muslime?”

Ich wusste, dass es auf diese Frage nur eine sichere Antwort gab. Jede andere Antwort hätte zu heftigen Missionierungsversuchen geführt, Angriffe gegen andere Glaubensrichtungen oder noch schlimmer.

„Ja,” sagte ich. Er lächelte. „Du solltest sie konvertieren. Du wirst eine Belohnung im nächsten Leben bekommen.“

Und dann kam der Killer-Satz.

„Unsere Gelehrten sind nicht in Saudi-Arabien. Die anderen Typen haben sich geirrt mit dem, was sie dir erzählt haben. Wir in Tunesien folgen Sheikh al-Maqdisi in Jordanien und Abu Qatadah al-Filistin.“

Ich wiederholte die Namen. Und er betätigte. Maqdisi und Qatadah, führende Dschihadisten-Theoretiker und Fatwa-Erbringer zur Gewalt, die in Jordanien respektive in England unter dem Terrorismus-Gesetz in Gefängnissen schmachten, wurde offen im Stadtzentrum von Tunis gelobt.

Vor zwei Jahren hat niemand die Präsenz von Salafisten und Dschihadisten in Tunesien vorhergesehen, die die US-Botschaft anzünden, tunesische Hoteliers einschüchtern oder Kinos angreifen. Heute sind sie angeblich unorganisiert, aber sie haben eine schneidende und wachsende Gegenwart in Moscheen, Universitäten und sozialen Medien in Tunesien. Ihre soziale Rückschrittlichkeit, ihre schwarz- weiss Denkweise, und ihr Anspruch eines reinen Islam in der Mitte der politischen Ungewissheit in Tunesien werden wahrscheinlich in den nächsten Monaten mehr und mehr Personen anziehen. Die politischen Führer in Tunesien sind damit beschäftigt, über die Verfassung zu streiten und ob sie eine präsidiale oder parlamentarische Demokratie haben sollen. In der Zwischenzeit steuert eine ganze Schicht von Jugendlichen auf den radikalen Salafismus oder Dschihadismus zu. Das bedarf dringender Beachtung, bevor es zu spät ist.

Originalversion: Meeting Salafists in Tunisia by Ed Husain © Council on Foreign Relations, October 11, 2012. Deutsche Übersetzung © Audiatur-Online.

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