Theodor Herzl (1860-1904) mit seinen Kindern Hans, Paulina und Trude. Foto PD
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Es hat niemals eine Vereinbarung über den Zionismus gegeben. Nicht nur ist die Idee des jüdischen Nationalismus umstritten, schon das Wort „Zionismus“, einzigartig unter den Begriffen im Zusammenhang mit nationalistischen Bewegungen, entfacht Angriffe und Verteidigungen. Doch ist Zionismus im 21. Jahrhundert überhaupt ein nützlicher oder relevanter Begriff? Und was besagt die Antwort auf diese Frage über die Lage der Juden und über den jüdischen Staat?

Der Begriff Zionismus wurde im Jahr 1890 von Nathan Birnbaum in seiner Zeitschrift Selbstemanzipation! erfunden, um eine national-politische Bewegung für die Wiederansiedlung der Juden in Zion zu beschreiben. Der Begriff wurde von Theodor Herzl popularisiert und dann verwendet, um Bewegungen zu charakterisieren, die von kulturell bis sozialdemokratisch, von religiös bis säkular reichen.

Die Plastizität des Begriffs ist nicht nur ein modernes Phänomen. In der Bibel, wo er über 100 Mal genannt wird, bezog sich der Begriff Zion ursprünglich auf die von David eroberte Festung der Jebusiter in Jerusalem, dann auf einen Hügel in Jerusalem. Am häufigsten war er ein Synonym für das Land als Ganzes, vor allem in den Zeiten des Exils. Autoren wie Birnbaum hielten Zion für einen umfassenderen Begriff, um die nationale Bewegung zu beschreiben, als die Königreiche des biblischen Zeitalters Judäa oder Israel, da Zion die religiösen, territorialen und nationalen Dimensionen des Strebens nach der Wiederherstellung der jüdischen Souveränität verbindet.

Der Zionismus gehört zu den letzten in Europa ansässigen nationalistischen Bewegungen. Er hatte seltsame Züge, einschliesslich der Tatsache, dass er zunächst nur auf einer Diaspora beruhte. Noch seltsamer war sein Erfolg: Eine jüdische nationale Heimstätte wurde geschaffen. Der Name Zion wurde verworfen, und der Staat wurde Israel genannt; doch der Begriff für die nationale Bewegung, Zionismus, ist geblieben. So behielt man die Wortschöpfung, die eingeführt wurde, um eine nationale Bewegung zu beschreiben, bei, nachdem der Nationalstaat erfolgreich unter einem anderen Namen geschaffen worden war. Der Begriff Zionismus ist heute ein Anachronismus. Doch was könnte seinen Platz einnehmen?

Die meisten nationalen Bewegungen haben keine mit ihnen im Zusammenhang stehenden Neologismen, und diejenigen, die doch welche haben, sind in der Regel ausserhalb ihrer Landesgrenzen unbekannt, so wie etwa die bretonische nationalistische Bewegung Emsav. Doch der Zionismus ist weltweit bekannt und wird auf der ganzen Welt geschmäht.

Von Anfang an haben die Feinde des Zionismus einen einzigartigen gemeinschaftlichen Versuch unternommen, den Begriff seinen Verfechtern zu entreissen, um die Bezeichnung zu besudeln. Die berüchtigte Resolution der UN-Generalversammlung von 1975, die erklärte, dass Zionismus Rassismus sei, war der Höhepunkt von mehr als zwei Jahrzehnten geduldiger sowjetischer Propaganda, eifrig konsumiert und verstärkt durch die muslimische, arabische und blockfreie Welt. Seitdem ist der Zionismus in den Augen von Intellektuellen und Aktivisten gleichermassen zum Musterbeispiel des „extremen Nationalismus“, „Imperialismus“ und „Siedler-Kolonialismus“ geworden. Der von palästinensischen und arabischen Sprechern so bevorzugte Begriff „zionistisches Gebilde“ ist ein explizites Statement dafür, dass die Idee und Realität eines jüdischen Staates illegitim sind. Den Zionismus zu verteidigen bedeutet in manchen Kreisen ein fast mythisch böses Konzept zu verteidigen.

Angriffe auf den Zionismus sind daher klärend. Die Feinde des Zionismus greifen nicht nur den gegenwärtigen Staat Israel an, sondern den aufstrebenden Aspekt des jüdischen Nationalismus und der jüdischen Souveränität. Dies bedeutet, sie greifen die blosse Idee eines jüdischen Staates als illegitim an, unabhängig vom Verhalten des Staates. Wenn solche Angriffe im Widerstand gegen jeglichen Nationalismus geführt würden, hätten sie wenigstens eine Einheitlichkeit und intellektuelle Grundlage – aber natürlich werden sie dies nicht.

Es ist festzustellen, dass ausschliesslich gegen den Zionismus gerichtete Angriffe eine Form des Antisemitismus sind. Wenn nur jüdischer – nicht bretonischer oder türkischer – Nationalismus für illegitim gehalten und der Staat Israel im Namen der „historischen Gerechtigkeit“ oder eines anderen Orwellschen Euphemismus zur Auslöschung verurteilt wird, ist dies ein besonders nichts anderes als Antisemitismus. Genauso wie die Verbannung der Juden in eine permanente Diaspora, gepaart mit einem ewigen Minderheitenstatus. Ob solche Verdammungen von Juden ausgehen oder nicht, ist irrelevant. Juden müssen nicht in Israel leben und es nicht einmal unterstützen, aber die Idee eines jüdischen Staates zu leugnen, bedeutet, den Juden ihre Vergangenheit und Zukunft zu verweigern.

Die Verteidigung des Begriffes Zionismus – nicht des „Israelismus“ oder einer noch neueren Wortschöpfung zur Beschreibung des israelischen Nationalstaats im Gegensatz zum jüdischen Volk – verteidigt die Vergangenheit und Zukunft des jüdischen Volkes sowie die gegenwärtige Realität. Die traurige Realität ist, dass der Zionismus immer in der Defensive sein muss, immer auf weitere Angriffe oder Lügen reagieren muss, immer geduldig die jüdische Geschichte und die Rechte der Juden auf einen Staat in ihrem eigenen Land erklären muss.

Doch es gibt noch eine andere, zukünftige Dimension. Alle nationalen Projekte sind laufende Arbeiten. Während der Begriff Zionismus beibehalten wird, wird der Inhalt ständig neu formuliert. Die Herausforderung besteht darin, den Prozess der Neuformulierung bewusst und explizit zu machen.

Die Israelis führen heisse Diskussionen über das Verhältnis des Zionismus zur Kultur, zur religiös-säkularen Kluft, zu den arabischen Minderheiten. Doch der Begriff ist nicht viel von den Juden in der Diaspora diskutiert worden, deren vieler Verständnis über die Vielfalt der zionistischen Bewegungen und den Staat Israel minimal oder, schlimmer noch, durch ihre Feinde oder die genauso ignoranten Medien geprägt ist.

Die Chance besteht darin, den Zionismus neu zu erfinden und als stolze Beschreibung eines vielschichtigen Konzepts, das heute, glücklicherweise, einen eigenen Staat hat, zurückzufordern. Der erste Schritt zur Neuerschaffung des Zionismus in der Zukunft ist zu lernen, was Zionismus in der Vergangenheit bedeutete.

Gekürzte Fassung der Originalversion: Neologism and Nationalism by Alex Joffe © Jewish Ideas Daily, August 30, 2012.

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