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In den vergangenen Monaten haben Teherans diplomatische Bemühungen in Zentralasien bei Weitem ihr traditionelles Niveau übertroffen. Bei zahlreichen Gelegenheiten haben sich iranische Behörden mit Vertretern der ehemaligen Sowjetrepubliken in der Region getroffen – auf Gipfeltreffen, beim Austausch von Delegationen, und in anderen multilateralen und bilateralen Foren. Doch die tatsächlichen Auswirkungen dieser hektischen Betriebsamkeit sind fraglich.

Ein wesentlicher Grund für die verstärkte Diplomatie Teherans in der Region ist Washingtons geplanter militärischer Rückzug aus Afghanistan. In der iranischen Elite besteht der Konsens, dass der angekündigte Rückzug nichts weiter als eine Tarnung für eine strategische Umschichtung ist. Dieser Sichtweise zufolge könnten es die USA in der Tat vorziehen, in Afghanistan zu bleiben sowie ihre militärische Präsenz in anderen zentralasiatischen Staaten zu erhöhen. Anfang dieses Sommers begannen zentralasiatische und russische Medienquellen, Gerüchte über eine Unterstützung der USA für die Regierung Tadschikistans bei der Unterdrückung lokaler Aufständischer zu verbreiten. Und damit wuchsen Teherans Befürchtungen.

Zudem ist der Iran frustriert, weil die USA ihn aus ihren neusten Plänen zur regionalen wirtschaftlichen Integration Afghanistans ausschliessen. Besonders ist man in Teheran  über westliche Versuche besorgt, Afghanistan als alternativen Landweg einzurichten, der Pakistan und Indien mit den Märkten in Zentralasien, Russland und China verbindet. Obwohl ein afghanischer Transportkorridor kurz- bis mittelfristig kaum realisierbar erscheint, scheint allein die Idee Teheran zu erschrecken.

Darüber hinaus ist die schwächer werdende regionale Position Russlands ein Trend, der von Teheran problematisch angesehen wird, weil Moskau lange als Teil einer antiamerikanischen Front in Zentralasien verstanden wurde. Im Juni setzte Usbekistan seine Mitgliedschaft in der von Moskau unterstützten Organisation des Vertrags über kollektive Sicherheit (OVKS), dem militärischen Rückgrat der zukünftigen Eurasischen Union, die Wladimir Putin angeblich zwischen den Mitgliedern der postsowjetischen Gemeinschaft Unabhängiger Staaten zu schmieden hofft, aus. Und im Juli wurde das Thema der russischen Truppenpräsenz in Tadschikistan in Frage gestellt, nachdem die tadschikische Regierung unzumutbare Bedingungen für einen russischen Militärstützpunkt dort geboten hatte. Die russischen Beziehungen mit Turkmenistan und Kasachstan sind auch angespannt gewesen. Eine Abnahme von Moskaus Einfluss in Zentralasien könnte die amerikanische Position stärken; dementsprechend hat Teheran versucht, seine eigene Präsenz in der Region zu erhöhen.

Der wachsende Einfluss der Türkei in Zentralasien betrifft auch den Iran. Die Region ist zu einem wichtigen Markt für türkische Waren geworden, und im Jahr 2011 war der türkische Handel in Kasachstan, Usbekistan, Kirgisistan, Tadschikistan und Turkmenistan um mehr als 50 Prozent höher als derjenige des Iran.

Unter diesen Umständen hofft Teheran, dass ein aktiver Dialog mit den zentralasiatischen Republiken diese davon überzeugen kann, dass eine Freundschaft mit dem Iran profitabler ist als eine Konfrontation. Die Methoden der Überzeugung sind bisher sanft gewesen: Teheran hat viel Zuckerbrot angeboten, aber keine Peitsche.

In diesem Sommer traf Teheran eine Reihe von Vereinbarungen für eine verstärkte wirtschaftliche Zusammenarbeit mit Turkmenistan, Kasachstan und Kirgisistan. Im Mai schlossen Tadschikistan und der Iran vorläufige Abkommen über den Bau von gemeinsamen Öl-, Gas- und Wasserpipelines und erörterten auch Exporte von tadschikischem Strom in den Iran sowie die iranische Beteiligung am Bau einer Ölraffinerie in Tadschikistan.

Ganz allgemein scheut der Iran keine Mühen, seine Bedeutung als regionaler Verkehrsknotenpunkt, den es für die Sicherung sowohl von wirtschaftlichen als auch geostrategischen Vorteilen für unerlässlich hält, unter Beweis zu stellen. Um dieses Ziel zu erreichen, fördert Teheran aktiv sogenannte „ECO-Containerzüge“ auf den Bahnstrecken in der Region. Im Laufe der vergangenen zwei Jahre hat der Iran zudem versucht, Passagier- und Frachtkapazitäten an seinen Grenzterminals mit der Türkei, dem Irak, Turkmenistan und Afghanistan zu verbessern.

Kaum Auswirkungen

Der Iran wird die zentralasiatischen Staaten weiterhin bei vielen Fragen konsultieren; Grenzsicherheit, Stabilisierung in Afghanistan, Transportzugang zu den russischen und chinesischen Märkten und die Entwicklung der regionalen Energiemärkte werden wahrscheinlich in naher Zukunft die wichtigsten Triebkräfte für die Diplomatie Teherans in der Region sein. Teheran wird auch seine Kontakte mit diesen Staaten benutzen, um das iranische Volk davon zu überzeugen, dass die Versuche der USA, die Islamische Republik zu isolieren, vergeblich sind.

Doch letztendlich ist es unwahrscheinlich, dass diese Bemühungen die aktuellen Tendenzen im postsowjetischen Zentralasien wesentlich verändern werden. Teherans Fähigkeit, die regionale Situation zu beeinflussen, ist stark eingeschränkt. Dies ist teilweise eine Folge der wirtschaftlichen Schwierigkeiten Irans im Zusammenhang mit den Sanktionen gegen ihn und seinem Wunsch, offene Spannungen mit gewissen nichtregionalen Akteuren wie Russland und der Türkei zu vermeiden. Dies ist zugleich auch Zweck der von den zentralasiatischen Regierungen selbst an den Tag gelegten Verschiebungen der Aussenpolitik. Diese Länder haben im vergangenen Jahrzehnt drastische Veränderungen in ihrer Selbstwahrnehmung durchlaufen; sie fühlen sich nicht mehr als würden sie in einer eingeschlossenen, isolierten Region leben, deren Beziehungen mit der Aussenwelt vollständig von Russland oder Iran abhängen. Die wachsende US-amerikanische, chinesische, türkische und arabische Präsenz dort hat ihnen ein Gefühl der eigenen Wichtigkeit und eine viel grössere Auswahl an Partnern und Möglichkeiten gegeben, unter denen der Iran nicht so attraktiv scheint.

Originalversion: Iran Struggles Unsuccessfully for Influence in Central Asia by Nikolay Kozhanov © Washington Institute for Near East Policy, August 28, 2012. All rights reserved.

1 KOMMENTAR

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    Der Iran wird die zentralasiatischen Staaten weiterhin bei vielen Fragen konsultieren; Grenzsicherheit, Stabilisierung in Afghanistan, Transportzugang zu den russischen und chinesischen Märkten und die Entwicklung der regionalen Energiemärkte werden wahrscheinlich in naher Zukunft die wichtigsten Triebkräfte für die Diplomatie Teherans in der Region sein. Teheran wird auch seine Kontakte mit diesen Staaten benutzen, um das iranische Volk davon zu überzeugen, dass die Versuche der USA, die Islamische Republik zu isolieren, vergeblich sind.

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