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Anlässlich einer kürzlichen Reise nach Antakya und Istanbul trafen sich David Pollock und eine europäische Delegation mit mehr als 100 syrischen Oppositionellen, um Grenzkontrollen, die Beteiligung der Muslimbruderschaft und Möglichkeiten, wie die USA die Opposition unterstützen können, zu diskutieren.

Gerade von einer von der European Foundation for Democracy gesponserten Reise nach Antakya und Istanbul zurückgekehrt, fallen einem eine Reihe wichtiger Beobachtungen ein. Erstens, einer meiner stärksten Eindrücke ist, dass die Dinge nicht so sind, wie sie scheinen. Es ist sehr schwierig, sich vor Ort sicher zu sein, mit wem man gerade wirklich spricht, und was derjenige repräsentiert. Zweitens hält die Türkei ein erstaunliches Mass an Kontrolle über die syrischen Oppositionskräfte innerhalb der Türkei aufrecht. Drittens ist die Muslimbruderschaft nicht nur innerhalb des Syrischen Nationalrats (SNC), sondern auch unter vielen Oppositionsgruppen – meist ausserhalb Syriens – allgegenwärtig. Schliesslich gibt es unter den Kämpfern in Syrien einen auffälligen Zynismus und Wut gegenüber der Aussenwelt, weil diese nicht ausreichend praktische Unterstützung zur Verfügung stellt.

Die Dinge sind nicht so, wie sie scheinen

Viele Male während der Reise erlebten wir, wie Menschen uns privat eine Sache erzählten und andere etwas völlig anderes, und wie sie hinter dem Rücken der anderen in ziemlich abfälliger Weise über jene sprachen. Zugleich versuchten sie, die Treffen gegenseitig an sich zu reissen.

Zum Beispiel trafen wir uns mit einem syrischen Scheich, der die Jamiyat al-Shura al-Khairiyah auf der jordanischen Seite der Grenze betreibt, eine angeblich humanitäre Organisation. Er hielt uns eine extrem lange, eloquente und detaillierte Präsentation über das gute Werk, das er tut und sagte, wir seien alle gleich und glaubten alle an die mitfühlenden und barmherzigen Propheten. Dann bat er uns, sein gutes Werk für das syrische Volk zu unterstützen. Dann, nach diesem Treffen, nahm er ein palästinensisches muslimisches Mitglied unserer Delegation beiseite und sagte: „Wissen Sie, wenn Sie mit diesen Europäern sprechen, müssen Sie wie ein Fuchs sein. Sie müssen all diese netten Dinge sagen, aber Sie wissen, dass wir nichts davon ernst meinen.“

Ich war getroffen von der weiten Verbreitung dieser Unsicherheit und Zweideutigkeit. Persönlich unterstütze ich die syrische Opposition, aber ich denke, wir müssen uns im Bewussten sein über die Tücken, wenn wir versuchen wählerisch vorzugehen. Daher lautet mein erstes Fazit: Ziehen Sie keine voreiligen Schlüsse. Selbst nicht darüber, mit wem Sie glauben, es zu tun zu haben.

Türkische, nicht syrische, Grenzkontrollen

Der Grad der türkischen Kontrollen, nicht nur über syrische Lager, sondern auch über das Ausmass, in dem syrischen Oppositionskräften die Erlaubnis gewährt wird, in die Türkei hinein und aus ihr heraus an bestimmte Orte zu reisen, ist sehr auffällig.

Zum Beispiel trafen wir uns mit dem offiziellen Sprecher der Freien Syrischen Armee (FSA), der in einem abgelegenen Dorf in den Bergen, etwa 20 Kilometer vom Lager Apaydin entfernt, lebt, so wie der grösste Teil der FSA in der Türkei. Der Grund dafür liegt darin, dass die Türken offenbar nicht wollen, jemand diese FSA-Soldaten trifft. Deshalb erlauben sie fast niemandem, das Lager zu betreten. Innerhalb des Lagers hingegen werden die FSA-Kommandeure und Soldaten von den Türken eingeschränkt und haben nur begrenzten Kontakt mit der FSA innerhalb Syriens.

Gleichzeitig wirklich auffällig ist, mit welchem Ausmass die Syrer, die Kontrolle über einige ihrer Grenzposten zu verlieren schienen, noch bevor in Damaskus die Bomben hochgingen. Syrer unterschiedlichster Herkunft scheinen frei zu sein, sich mit ausschliesslich türkischer Erlaubnis zwischen Syrien und der Türkei zu bewegen. Die syrische Regierung scheint nun in alle Richtungen die Kontrolle über ihre Grenzen verloren zu haben. Gruppen von Syrern kamen von innerhalb Syriens um uns zu treffen, und als ich sie fragte, wie sie genau aus Syrien herausgekommen seien, hatten sie nicht nur ziemlich überzeugende Erklärungen, sondern sie boten – wie ich meine sehr glaubhaft – an, uns mitzunehmen und wieder zurück in die Türkei zu bringen, wenn wir wollten.

Hinsichtlich der türkischen Haltung gegenüber den syrischen Oppositionsbewegungen ist es vielen verschiedenen Arten von syrischen Gruppen und Bewegungen erlaubt, Büros in der Türkei einzurichten. Doch es gibt eine deutliche türkische Präferenz für einige Teile der Oppositionsbewegung; sie bevorzugen die Muslimbruderschaft (MB) und den syrischen Nationalrat.

Die Kontrolle der Muslimbruderschaft (MB) über die Opposition ausserhalb des Landes

Es ist klar, dass die MB versucht, so weit wie möglich den SNC sowie die allgemeine syrische Oppositionsaktivität zu dominieren. Wir erlebten dies in der Praxis, als sie versuchte, Treffen an sich zu reissen, die wir mit anderen Fraktionen, überparteilichen Gruppen und FSA-Leuten abhielten. Wir drängten bei jeder Gelegenheit zurück, aber nach manchen Treffen kamen Syrer zu uns und sagten uns: „Es tut uns leid, wenn die Muslimbruderschaft hier hineingekommen ist und versucht hat, einen Teil des Treffens an sich zu reissen, aber wir sind nicht sie und sie sind nicht wir.“ Dies geschah oft genug, dass es Thema war.

Andere Gruppen in der syrischen Opposition sind aus einer Vielzahl von Gründen gegen die Muslimbruderschaft: Sie sind Säkularisten, sie wollen ihre eigenen politischen Ambitionen vorantreiben oder sie mögen den türkischen Einfluss auf die Bruderschaft nicht. Daraus ist ein unglückliches Paradoxon entstanden, in dem wohlmeinende und gut vernetzte Syrer jeden Tag neue Gruppen gründen und sagen: „Ich werde die Opposition vereinen.“ Einige dieser Gruppen sind beeindruckend, aber sie sind ziemlich zersplittert, ein Trend, den wir in der gesamten Region sehen.

Wie in einigen anderen Ländern sind die Islamisten relativ gut organisiert, diszipliniert und einheitlich, selbst wenn sie nicht die Mehrheit darstellen. Im Fall Syrien trifft dies auf die Opposition ausserhalb des Landes zu,  im Gegensatz zur innersyrischen Opposition, wo die MB noch immer eine begrenzte Präsenz hat. Jedoch dürften diese anderen Gruppen im politischen Kampf, wenn das Regime kollabiert, der Disziplin und Einheitlichkeit der MB nicht gewachsen sein.

Ansichten von innerhalb der Opposition: Was erwarten sie von uns?

Wir trafen uns mit vielen Menschen, die kämpfen und Hilfsmassnahmen in ganz Syrien organisieren, die aus einer Vielzahl von Gründen in die Türkei kamen: für Ausbildung, um Versorgungsgüter zu bekommen, um zu ruhen, um sich mit der Opposition ausserhalb des Landes und mit Ausländern zu treffen. Sie machten sehr deutlich, dass sie Kommunikationsausrüstung, medizinische Versorgung sowie Panzer- und Flugabwehrwaffen wollen. Sie wollen keine weiteren Versammlungen, politische Unterstützung, Ausbildung und Erklärungen mehr.

Das Ausmass an Zynismus und sogar Wut auf die Aussenwelt aufgrund deren mangelnder Unterstützung praktischer Art, war frappierend. Wir hörten immer wieder: „Sie sind mitschuldig an der Abschlachtung des syrischen Volkes.“ Es hiess nicht: „Sie leisten nicht genug Unterstützung“, sondern: „Sie wollen nicht, dass Assad fällt“, und: „Sie wollen, dass das syrische Volk abgeschlachtet wird.“

Leider halten die meisten dieser Syrer Israel dafür verantwortlich, dass die USA keine grössere Unterstützung leistet. Abgesehen von einer Ausnahme wurde diese Ansicht fast einstimmig vertreten. Trotz, oder vielleicht gerade wegen dieser sehr merkwürdigen Wahrnehmung der Macht Israels, lautete, wann immer wir fragten: „Wenn Israel Waffen oder Hilfe anbieten würde, würden Sie sie annehmen?“ die Antwort fast immer: „Bestimmt!“.

Wenn wir über Hilfe von ausserhalb sprachen, entstand eine klare Unterscheidung: Man will nicht nur eine Flugverbotszone oder einen humanitären sicheren Hafen, sondern eine Fahrverbotszone und sichere Durchreise von den Grenzen bis tief hinein nach Syrien. Doch was wir am häufigsten hörten, war: „Gebt uns Panzer- und Flugabwehrwaffen. Wir brauchen nicht einmal eure Luftsicherung oder Korridore. Gebt uns die Waffen und wir werden es selbst machen.“

Originalversion: Trip Report: Meeting the Syrian Opposition in Antakya and Istanbul By David Pollock © The Washington Institute for Near East Policy. July 26, 2012. All rights reserved.