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Zum ersten Mal in der Geschichte der Olympischen Spiele ist es den saudischen Frauen von ihrer ultrakonservativen Regierung erlaubt, an den Wettkämpfen teilzunehmen. Als die saudischen Athleten bei der Eröffnungsfeier in London marschierten, spiegelten die Gesichter und offenen Arme der Frauen ein freudiges Gefühl von Befreiung vom Joch der politischen, religiösen und traditionsbedingten Marginalisierung wider. Nach den Massstäben der freien und fortschrittlichen Gesellschaften ist der Fortschritt klein, doch nach saudischen Massstäben ist er ein gigantischer Schritt nach vorn, mit weitreichenden Folgen für Saudi-Arabien und die internationale Gemeinschaft.

Die zunehmende Bereitschaft der saudischen Frauen, ihre Rechte geltend zu machen, war eine bahnbrechende Entwicklung der letzten Jahre. Bekannt für ihre Ausdauer und Fähigkeit, institutionelle Unterdrückung zu bewältigen, sagen die saudischen Frauen „genug!“. Ein steigendes Bildungsniveau und der Zugang zu Kommunikationsmitteln wie dem Internet machten sie besser informiert als jemals zuvor. Sie organisieren sich und verfolgen unerschrocken ihre Rechte trotz der damit verbundenen Risiken wie  Belästigung durch die Sittenpolizei, Verhaftung und Verhör. Einige wurden für kurze Zeit inhaftiert.

Das Recht der Frauen darauf, Auto zu fahren, und auf Gleichbehandlung im Beruf gehört heute zu den umstrittensten Themen in Saudi-Arabien. Die Frauen drängen auch auf verbesserte Bildungsmöglichkeiten, ein modernes Curriculum, das die Beiträge von Frauen respektiert, und auf die Entfernung des männlichen Vormundsystems, das von ihnen die Begleitung oder schriftliche Zustimmung eines männlichen Verwandten für Reisen, Schulbildung, Beschäftigung und einige medizinische Behandlungen erfordert. Einer der jüngsten Erfolge ist die Forderung, dass Warenhäuser, die Damenunterwäsche verkaufen, die Verkäufer durch weibliches Verkaufspersonal ersetzen, ein Fortschritt für den Respekt gegenüber Frauen und eine Möglichkeit,  Arbeitsplätze zu schaffen.

Dennoch bleibt der Widerstand gegen Veränderungen unvermindert heftig. Im September 2009 zum Beispiel gab König Abdullah bekannt, dass er, nach Rücksprache mit hochrangigen Geistlichen, den Frauen erlauben werde, an Kommunalwahlen teilzunehmen und sich im Jahr 2015 für einen Posten im nationalen Schura-Rat zur Wahl zu stellen. Dieser symbolische Schritt – die Wahlen sind weitgehend kosmetisch und dem Schura-Rat fehlt es an substanzieller Macht – spaltete die politischen und religiösen Autoritäten des Landes tief. Ein hochrangiger Geistlicher, Scheich Saleh al-Lohaidan, bezichtigte den König in einer seltenen öffentlichen Zurschaustellung von Dissens der Lüge: Er bestritt, dass die Geistlichen konsultiert worden seien.

Das Haus Saud und die streng kontrollierten religiösen Institutionen, die es repräsentiert, bleiben uneins hinsichtlich des Umgangs mit Frauen im 21. Jahrhundert, wobei das religiöse Establishment strikt gegen Veränderung ist. Um die Unterstützung ihrer indoktrinierten Anhänger zu behalten, verwenden saudische religiöse Institutionen weiterhin geheime religiöse Lehrbücher, um die Vorstellung voranzutreiben, Frauen seien den Männern untergeordnet.

Dennoch deuten alle Indizien auf den endgültigen Triumph der Moderne über die Geschlechterparanoia der saudischen Männer hin, da die Frauen, zu Hause und im Ausland, stetig an Stärke, Unterstützung und Anerkennung gewinnen. Ihr Erfolg scheint die einzige Hoffnung für einen positiven Wandel in Saudi-Arabien zu sein, und er wird auch der internationalen Gemeinschaft zugutekommen, indem er das religiöse Establishment und die tödlichen Lehren, die es in der ganzen Welt propagiert, unterminiert. Unerklärlicherweise nimmt die internationale Gemeinschaft – vor allem die westlichen Demokratien, die von muslimischen extremistischen und terroristischen Gruppen bedroht worden sind, – nur wenig Notiz vom Kampf der saudischen Frauen. Starke westliche Unterstützung für die saudischen Frauen – wie diese energischen Athletinnen in London – ist eine weitere Entwicklung, die längst überfällig ist.

Originalversion: Saudi Women: A Force to be Reckoned With by Ali H. Alyami © The Weekly Standard, August 1, 2012.