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Nachdem Mohammed Merah, ein Franzose algerischer Herkunft, im März einen jüdischen Lehrer und drei Kinder an der Otzar-Ha-Torah- Schule in Toulouse ermordet hatte, wurde diese Tat von allen Seiten verurteilt. Der damalige französische Präsident Nicolas Sarkozy besuchte nach den Morden die Schule; aus Respekt vor den Opfern unterbrachen er und sein Herausforderer François Hollande ihren Wahlkampf für zwei Tage.

Nicht nur aus Frankreich kamen Verurteilungen – darunter auch von vielen Muslimen –, sondern aus der ganzen Welt. Der König von Marokko entsandte eine Delegation zur Schule, um seine Beileidsbekundung zu überreichen.

Es gab aber auch andere Reaktionen auf die Morde. Kurz nach der Tat gingen viele Hass-Emails und Drohungen bei der Schule ein. Jüngst wurde bekannt, dass in Folge des Massakers in Toulouse der Antisemitismus in Frankreich massiv zugenommen hat. In den zehn Tage nach den Morden an der Schule, so der Sicherheitsdienst der jüdischen Gemeinde SPCJ , waren mehr als 90 antisemitische Vorfälle zu verzeichnen.

Das französische Innenministerium dokumentiert im März und April 148 antisemitische Vorfälle, von denen 43 als gewalttätig eingestuft wurden. Das waren doppelt so viele Vorfälle wie im gleichen Zeitraum des Vorjahres. Der letzte gewaltsame Vorfall ereignete sich in Marseille, wo zwei Juden angegriffen wurden; die Angreifer gaben an, dass sie Palästinenser seien und die Juden auslöschen wollten. Nach einem weiteren gewalttätigen Angriff gegen drei Juden in Villeurbanne bei Lyon am 2. Juni veröffentlichte der SPCJ seinen Bericht. Darin heisst es, diese Angriffe seien ein Ausdruck von Mitgefühl, das einige Merah gegenüber empfinden.[1] Nach einem weiteren antisemitischen Angriff im Pariser Vorort Sarcelles nahm Innenminister Manuel Valls dort an einem Gottesdienst teil, um so seine Sympathie für die jüdische Gemeinde zu bekunden.[2]

Die Ausbrüche antisemitischer Gewalt konnten bisher in diesem Jahrhundert mit den Entwicklungen im Nahen Osten in Zusammenhang gebracht werden: so auch während der zweiten Intifada im Jahr 2000, während des zweiten Libanonkriegs 2006 und der Operation Gegossenes Blei in Gaza 2008/2009. Deutlich unterscheiden sich die Phasen antisemitischer Gewalt dieser Zeit von drei Wellen antisemitischer Gewalt im letzten Jahrhundert: da war die „Hakenkreuz- Epidemie“ (1959-60), ein Ausbruch von Gewalt in den späten 1970er, frühen 1980er Jahren, und eine weitere Welle der Gewalt zwischen 1987 und den frühen 1990er Jahren. Der Antisemitismus-Experte Simon Epstein hat diese Vorfälle untersucht und ist zu dem Schluss gekommen, dass Wellen antisemitischer Gewalt ihren eigenen Gesetzen folgen. Anders gesagt, handelte es sich um Trittbrett-Täter und um Formen von „Nachahmungs-“Antisemitismus; der Anstoss für eine Tat geht von einer Person aus, und Dritte führen weitere aus.[3]

Insofern könnten die antisemitischen Folgen der Merah-Morde auf eine beängstigende Perspektive hindeuten. Nicht nur, dass Entwicklungen im Nahen Osten in hohem Mass zum Anstieg antisemitischer Vorfälle im Ausland führen könnten, auch ein schwere Tat selbst kann weitere Vorfälle entfachen. So könnten Täter davon ausgehen, dass ihr Verbrechen sich nicht nur unmittelbar auf ihre Opfer beschränkt, sondern eine grössere Wirkung hat und auch Dritte angreift.

Mindestens zwei Lehren können aus der Entwicklung in Folge der Merah-Morde gezogen werden: Erstens, dass die Sympathie mit den jüdischen Gemeinden oder den Opfern – die zu begrüssen ist – von Gewalt überschattet wird, die sich aus verschiedenen Quellen nährt. Am leichtesten zu identifizieren sind dabei Angehörige der muslimischen Gemeinschaften – was zeigt, dass böse Kräfte, egal wie sehr sie in der Minderheit sind, oftmals die guten Kräfte überwinden. Diese Tatsache zu verstehen, gelingt vielen offenbar nicht. In Europa gibt es viele Anstrengungen, Antisemitismus zu bekämpfen, auch mit Holocaust-Erziehung.

Doch die Wirkung der gewaltigen Bemühungen, Menschen beizubringen, dass der Antisemitismus nicht toleriert werden kann, hinkt den Übeltätern und ihrem Einfluss im gegenwärtigen Europa hinterher. Zu verleumden und zu delegitimieren ist einfach. Dagegen anzukämpfen jedoch ist äussert schwierig.

Eine zweite Lektion ist weniger offensichtlich. Wenn sich in einer Gesellschaft eine bestimmte Lesart etabliert hat, nehmen verschiedene Nachahmungseffekte zu. Die Nachahmer von Merah standen vermutlich am Rande der Gesellschaft. Nachahmungseffekte in der Mitte einer Gesellschaft kommen dagegen in vielen anderen Bereichen zum Ausdruck. Man denke etwa an eine Party, bei der ein antiisraelisches Thema das Gespräch beherrscht. Gäste, denen es um die Gunst der anderen Anwesenden geht, werden sich wohl beim Gastgeber anbiedern, während diejenigen, die auf der Seite Israels stehen, eher schweigen. Findet diese Form der Nachahmung erst einmal genügend Beteiligte, so verselbständigt sich dieses Verhalten oft und wird eher aus sozialen denn aus ideologischen Gründen angenommen.

So kann es sein, dass an Universitäten Mitarbeitende im Mittelbau mit ihrer Karriereplanung dann erfolgreich sind, wenn Instituts- oder Fakultätsleiter antiisraelische Ansichten vertreten und sie diese übernehmen. Das gleiche gilt auch für Studierende, die gute Noten erhalten wollen. Ähnliche Nachahmungseffekte treffen wohl für Korrespondenten zu, die für antiisraelische Fernsehsender berichten, oder für viele europäische Korrespondenten in Israel. Vermutlich spielen sie eine wichtige Rolle für die herrschende Voreingenommenheit gegen den Staat, doch müsste das eingehender untersucht werden.

Dr. Manfred Gerstenfeld ist Mitglied des Aufsichtsrates des Jerusalem Center for Public Affairs und war 12 Jahre dessen Vorsitzender.



[1]“Toulouse Massacre Encouraged More French Antisemitic Attacks, Report Says,” Jewish Telegraphic Agency, June 4, 2012. For more details, see Communique, Service de Protection de la Communauté Juive, June 4, 2012.

[2] “Three arrested for attacking Jewish man near Paris,” JTA, 11 June 2012.

[3] Simon Epstein, “Cyclical Patterns in Antisemitism: The Dynamics of Anti-Jewish Violence in Western Countries since the 1950s.” Vidal Sassoon International Center for the Study of Antisemitism, Hebrew University, 1993. Analysis of Current Trends in Anti-Semitism.