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Gilad Atzmon, der sich selber als „anti-jüdisch“ bezeichnet, ist auf Tournee, um sein neustes Buch „The Wandering Who“ zu bewerben. Morgen Abend soll er in Bern auftreten.

Ins Reich der Kuriositäten gehören wohl auch radikale pro-palästinensische Aktivisten, die sich gegenseitig als „Krypto-Zionisten“ titulieren. Das mag wie ein schlechter  Scherz klingen, doch der britische Jazz-Musiker Gilad Atzmon – ursprünglich aus Israel stammend, zieht er es mittlerweile vor, sich als „hebräisch sprechender Palästinenser“ zu bezeichnen – wirft ebendies mit Vorliebe  jenen Palästina-Aktivisten vor, die seine Ansichten zum Judentum nicht teilen oder diese gar ablehnen. Den Krypto-Zionist-Vorwurf macht er am liebsten  antizionistischen Juden, etwas das seiner Meinung nach nicht existieren kann. Denn  wer sich als Jude begreife, verstehe sich zugleich als Zionist. Seine Gegner in den pro-palästinensischen Reihen kehren dieses Argument um und behaupten, Atzmon sei vielmehr der Krypto-Zionist, denn seine Argumentation sei doch in Wahrheit eine zionistische. Warum macht man sich das Leben bloss so kompliziert?

Das wäre allerdings alles gar nicht so interessant, wäre der „renommierte Jazzmusiker“ nicht gerade auf Lese-/Konzerttournee, um sein neustes Buch „The Wandering Who“ zu bewerben. Diese führt ihn neben Belgien, Deutschland, Österreich und Norwegen auch in die Schweiz, wo Atzmon am Donnerstag, den 28. Juni in Bern auftreten soll. Veranstalterin ist die Gesellschaft Schweiz-Palästina, die ihn auf ihrer Homepage bewirbt als „Multi-Instrumentalisten“, der sich auch als „politischer Schriftsteller […] einen Namen gemacht“ habe und nicht davor zurückscheue, sein „Geburtsland Israel scharf zu kritisieren“. Kein Wunder war Atzmon immer wieder gern gesehener Gast in pro-palästinensischen Kreisen. Doch Atzmon, der sich selbst als „proud self-hating Jew“ (auf Deutsch: stolzer selbsthassender Jude) bezeichnet, hat es sich mittlerweile mit vielen seiner früheren Weggefährten verscherzt. Namhafte Palästina-Aktivisten wie der Gründer der BDS-Bewegung Omar Barghouti, Ali Abunimah (ehemaliger jordanische Diplomat und Co-Gründer von Electronic Intifada) oder Neta Golan (International Solidarity Movement) gehören zu den Unterzeichnenden eines Aufrufs mit der Forderung, die Zusammenarbeit mit Atzmon einzustellen.

Diese Distanzierung von Atzmon liegt in seiner  „Obsession mit dem Jüdischsein“ begründet, wie die Aufrufenden schreiben. Ein Beispiel von vielen dafür ist Atzmons Rede anlässlich einer Palästina-Solidaritätskonferenz in Stuttgart: „Die jüdische Kultur ist  stammesorientiert. Wir neigen dazu die klare Tatsache zu übersehen, dass das Wort „Frieden“ – wie wir es kennen – eine Art Versöhnung  oder  „Liebe deinen Nächsten“  für die jüdische Kultur sehr fremdartig ist … Israelis verwenden das Wort „Shalom“ – sicher haben Sie das Wort Shalom schon  vorher gehört – doch Shalom bedeutet nicht Frieden: Tatsächlich bedeutet „Shalom“  Sicherheit  für Juden – und nur für Juden. Das ist ein großer Unterschied.“

Auch führt Atzmon das Konzept der „Jewish supremacy“ („jüdische Überlegenheit“) ins Feld, genau wie es auch David Duke, der ehemalige Anführer des Ku-Klux-Klans, macht.

Doch hat Atzmon nicht bloss ein Problem mit seiner jüdischen Identität; er setzt etwa Israel mit Nazi-Deutschland gleich, bzw. behauptet, Israel sei gar schlimmer: „Indeed, I believe that from certain ideological perspective, Israel is actually far worse than Nazi Germany, for unlike Nazi Germany, Israel is a democracy and that implies that Israeli citizens are complicit in Israeli atrocities.”

Mit solchen Aussagen hätten seine ehemaligen Weggefährten dann vermutlich wiederum weniger Mühe, doch geht man vorsichtshalber lieber einmal auf Distanz, denn schliesslich befürchtet man, Atzmon könne die eigene Glaubwürdigkeit gefährden.

Nicht so die Gesellschaft Schweiz-Palästina. Mit der Einladung Atzmons zeigt sie einmal mehr, welch Geistes Kind sie ist und wie viel sie von Friedens- und Kooperationsbemühungen und Dialog hält. Weniger Glück hatte man allerdings mit dem Veranstaltungsort. Nachdem die Betreiber der ursprünglichen Lokalität sich eingehender über Atzmon informiert hatten, erteilten sie eine Absage. Laut Flyer will Atzmon an der Veranstaltung lediglich über seinen Weg über Musik, Ethik und sein neues Buch sprechen. Man darf allerdings gespannt sein, wie die Ethik eines Mannes aussieht, der bei seinen Konzerten auch gerne mal einen Judenwitz (nicht zu verwechseln mit „jüdischen Witz“) zum Besten gibt.

Heute wurde der Auftritt von Atzmon  von einem zweiten Veranstaltungsort  in einen „nochmals neuen Ort“ verlegt. Anscheinend ist niemand dazu bereit, seine Räumlichkeiten als Plattform für eine Person zur Verfügung zu stellen, die über sämtliche Grenzen legitimer Kritik hinausschiesst, und deren Meinung viele als rassistisch und antisemitisch erachten.  Nun bleibt Atzmon offenbar nichts anderes übrig, als zuhause bei einem Vorstandsmitglied der Gesellschaft Schweiz-Palästina im wohl eher kleinen, privaten Rahmen aufzutreten.

Weitere Aussagen von Atzmon:

http://hurryupharry.org/wp-content/uploads/2011/02/Gilad-Atzmon.pdf

Alan M. Dershowitz über Gilad Atzmon und sein neues Buch „The Wandering Who“

http://www.alandershowitz.com/gilad_atzmon.pdf

Über Michel Wyss

Michel Wyss ist freischaffender Analyst bei der Audiatur-Stiftung und beschäftigt sich hauptsächlich mit Sicherheitspolitik im Nahen Osten. Er absolviert derzeit ein MA-Studium in Government mit Fokus auf Internationale Sicherheit am Interdisciplinary Center in Herzliya, Israel und ist als Research Assistant beim International Institute for Counterterrorism (ICT) tätig.

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5 KOMMENTARE

  1. Hab grade "Anleitung für Zweifelnde" gelesen. Ich sehe darin eine Menge Selbsthaß, Verachtung der eigenen Herkunft. Ziemlich ungesund. Herr Atzmon schießt ganz gewaltig über das Ziel hinaus. Wer über die Zustände in Palästina wirklich Bescheid weiß, kommt nicht umhin, ihm oft (aber nicht immer) recht zu geben. Viele Völker haben einen Genozid auf dem Gewissen – die Deutschen haben das außer an den Juden auch an Sinti und Roma verbrochen, die Amis die fast vollständige Ausrottung der amerikanischen Ureinwohner, die Türken die Armenier -und die Israelis versuchen seit Jahrzehnten, ihren Staat mittels Apartheid zu einem genetisch rein jüdischen Staat zu machen – das ist Tatsache. Ersteres wird aber ständig wiederholt, während letzteres kaum erwähnt werden darf – will man nicht in die antisemitische Ecke gestellt werden.
    Außerdem bezweifle ich, dass ein palästinensischer Staat die Gleichberechtigung aller ethnischen Gruppen im Land so schön wie im Buch durchsetzen könnte. Die palästinenschen Parteien – ich weiß von sieben – sind ein ziemlich zerstrittener Haufen, der kaum einen fortschrittlichen, demokratischen Staat auf die Beine stellen könnte. Aber Tatsache ist, dass dem Staat Israel der Wille dazu fehlt.

    • Apartheid wem gegenüber, den israelischen Arabern und anderen ethnischen Gruppen mit israelische Pass in Israel, oder den Palästinensern im Westjordanland und Gazastreifen, die unter der politischen Kontrolle der Palästinensischen Autononomiebehörde bzw. der Hamas leben?

      • Die arabischen Bürger Jerusalems.
        Die Palästinenser, deren Häuser zerstört werden, um Platz für neue israelische Siedlungen zu schaffen.
        Die, die täglich an israelischen Checkpoints diskriminiert werden.
        Die, die misstrauisch beäugt werden, weil sie offensichtlich keine Juden sind.
        Die, die keinen israelischen Pass annehmen, weil sie sich mit diesem Staat nicht identifizieren können.
        Und auch die, die seit 3 oder 4 Generationen in riesigen Flüchtlingslagern in anderen arabischen Ländern leben und immer noch hoffen, dass einmal die Gerechtigkeit siegen wird und sie dort hin zurückkehren dürfen, wo ihre Heimat ist.

        • Umfragen zeigen immer wieder, dass arabischen Bürger Jerusalems – wenn sie sich entschieden müssten, unter welcher Herrschaft sie leben wollten – lieber die israelische wählen würden.
          Apartheid ist eine gezielte Trennung von zwei Völksgruppen. Wenn also Palästinenser im Westjordanland leben, was zu einem zukünftigen palästinensischen Staat gehören wird, kann hier nicht von Apartheid die Rede sein.

          • Sicherlich würden sie lieber freie Bürger sein, als "unter" irgendeiner Herrschaft, die nicht ihre Interessen vertritt.

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