Eine Brücke für den „Judenretter“

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Paul Grüninger verhalf 1938 und 1939 Tausenden von jüdischen Flüchtlingen zur Flucht in die Schweiz. Foto Paul Grüninger Stiftung
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Sie ist vielbefahren, obwohl die noch stärker befahrene Autobahn woanders durchführt: die Grenzbrücke zwischen dem Schweizer Diepoldsau (SG) und dem österreichischen Hohenems (Vorarlberg).  Zurzeit sind es nicht zuletzt Schweizer Schnäppchenjäger im Euroland Österreich, aber auch österreichische Pendlerinnen und Pendler, die in der Schweiz arbeiten.

Die Autofahrer fahren vermutlich eher achtlos an der Steintafel ziemlich genau auf der Mitte der Brücke vorbei: diese Brücke ist nämlich seit anfangs Mai nicht irgendeine Brücke sondern sie trägt einen Namen: Paul Grüninger-Brücke – wer die Grenzbrücke zu Fuss passiert, bekommt das besser mit.

Paul Grüninger? Mit diesem Namen verbindet sich in der Schweiz ein wichtiges Stück Geschichte – Geschichte des 20. Jahrhunderts mit der Flüchtlingspolitik des Landes, die schon vermehrt im Fokus stand, nicht selten sehr negativ.

Der 1972 im Alter von 81 Jahren verstorbene frühere  St. Galler Polizeikommandant, der vom Jerusalemer Yad Vashem-Institut auch schon längstens den Titel „Ein Gerechter unter den Völkern“ zugesprochen erhalten hatte, (als einer von bisher 45 Schweizerinnen und Schweizer) hat mitgeholfen, dass diese Flüchtlingspolitik der Schweiz aber vielleicht ein wenig günstiger beurteilt wird als das ohne ihn der Fall gewesen wäre.

Vermutlich bis zu 3000 Menschen hat Grüninger nämlich das Leben gerettet – einfach dadurch, dass er, der nach dem „Anschluss“ 1938 für den Abschnitt entlang der österreichischen Grenze verantwortlich war, wegsah – und so vielen Flüchtlingen die illegale Einreise in die Schweiz ermöglichte: die Schweiz erkannte damals jüdischen Flüchtlingen eine Einreise in die Schweiz „nur“ aus religiösen Gründen nicht zu. Paul Grüninger fälschte deshalb weiter auch Listen und Einreisedaten – einen materiellen Vorteil zog er aus seiner „menschlichen“ Vorgehensweise im Übrigen nicht.

Die offizielle Schweiz reagierte hart und harsch – 1939 wird der St. Galler fristlos aus dem Polizeidienst entlassen und zwei Jahre später auch noch gerichtlich verurteilt. Bis zum Ende seines Berufslebens findet er nie wieder eine feste Anstellung sondern bringt sich und seine kleine Familie mit allerlei Gelegenheitsjobs über die Runden, mehr schlecht als recht.

Selbst nach dem Krieg, als die nazistische Gefahr doch vorüber war, tat sich die offizielle Schweiz überaus schwer mit dem Verhalten des Polizeikommandanten ausser Dienst: erst 1995 hob ein St. Galler Gericht das frühere Urteil auf und sprach Grüninger frei. Drei Jahre später bezahlte die Kantonsregierung eine Entschädigung an die Nachkommen des Menschenretters. In Gang gesetzt hatten das Ganze nicht zuletzt das Buch und die entsprechenden Recherchen des Zürcher Journalisten Stefan Keller („Grüningers Fall“).

Und seit einigen Jahren trägt das Stadion des St. Galler Fussballclubs Brühl (nicht zu verwechseln mit dem eben wieder in die Super League aufgestiegenen FC St. Gallen) den Namen Paul Grüningers – den dort war er lange Jahre aktives und später auch passives Mitglied.

Nun also auch eine Brücke – und logischerweise ist es die Grenz-Brücke über den Alten Rhein, über die damals die verzweifelten Menschen sich irgendwie zu retten versuchten oder auch legal einzureisen – und oft abgewiesen wurden.

Diese Brückenbenennung geht zurück auf die Initiative des grünen St. Galler Kantonsrat Meinrad Gschwend, der diese zusammen mit Parteikolleginnen und –kollegen von jenseits der Grenze in Vorarlberg ausgearbeitet hatte. Gschwend hatte zuerst zahlreiche Gemeinden im St.Galler Rheintal angeschrieben, ob sie sich vorstellen könnten, eine Strasse nach dem lange Zeit Verfemten zu benennen – nur zwei Gemeinden antworteten positiv. Und auch die Grenzgemeinde Diepoldsau verhielt sich zuerst ziemlich abweisend – eine solche Ehrung komme u.a. darum nicht in Frage, weil es „ja noch andere Flüchtlingsretter gegeben habe“ so der damalige Gemeindepräsident. Doch die Sache nahm dann im letzten Winter eine andere, überraschende und sehr erfreuliche Wendung: Nachdem sich die St. Galler Regierung zuerst zum Anliegen der Grünen in tiefes Schweigen gehüllt hatte, gab sie kurz vor dem 40. Todestag Grüningers grünes Licht für die Benennung – „ein ungewohntes, schon beinahe unglaubliches Tempo, erst noch in vorbildlicher internationaler Kooperation mit den Vorarlberger Behörden“ kommentierte leicht sarkastisch die NZZ. Die auch notierte, dass die Bürokratie für einmal die Kultur überholt habe – denn diverse kulturelle Projekte, wie zum Beispiel ein Theaterstück über Grüninger und seine Taten kommen erst später in diesem Jahr zur Aufführung.

So war denn die kleine Zeremonie, die aus Anlass der Brücken-Benennung am ersten Mai-Sonntag auf der Brücke stattfand, eine durchaus historische. Die Tafel erinnert in drei Sprachen, nämlich in Deutsch, Englisch und Hebräisch an den menschlichen Polizeikommandanten. „Sein (Grüningers) Name steht stellvertretend für die mutigen Frauen und Männer auf beiden Seiten der Grenze, die Flüchtlingen geholfen haben“ heisst es dort u.a.

© Peter Bollag