Auswirkungen des ägyptischen Gaslieferstopps an Israel

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Die vorhersehbare, wenngleich im März überraschend erfolgte Ankündigung des ägyptischen Staatsunternehmens, den Erdgas-Liefervertrag mit Israel aufzukündigen, ist für Washington von unmittelbarem Interesse – nicht nur, weil der Friedensvertrag zwischen beiden Ländern davon tangiert werden könnte, sondern weil bei der Erschliessung von Gasreserven im östlichen Mittelmeerraum dadurch Ärger und Streit wahrscheinlicher werden.

Ägyptens Öl- und Erdgaslieferungen an Israel bilden ein Fundament des Camp-David-Abkommens aus dem Jahr 1979. Trotz des rein wirtschaftlichen Charakters fällt das Gasabkommen unter die 2005 getroffene Vereinbarung beider Länder, in dem festgehalten wird, der Vertrag werde „zum Frieden und zur Stabilität im Nahen Osten beitragen“. Gemäss den Bestimmungen darin „garantiert [Kairo] die kontinuierliche und ununterbrochene [Gas-]Lieferung“. Doch die Vereinbarung ist unter ägyptischen Liberalen wie Islamisten seit Langem umstritten – auch ist sie in einem der Anklagepunkte gegen den abgesetzten Präsidenten Hosni Mubarak Gegenstand von Korruptionsvorwürfen. Ihre Aufkündigung – aufgrund des Ausbleibens israelischer Zahlungen, wie es heisst – wurde quer durch das politische Spektrum Ägyptens begrüsst.

Das Schicksal des Vertrags wird möglicherweise durch ein – politisches oder gesetzliches – Schiedsverfahren geregelt werden müssen. Aufgrund nur geringer Mengen und häufiger Sabotageakte gegen die Pipeline im Sinai durch Al-Qaida und beduinische Stammesangehörige hält sich die unmittelbare Verlegenheit Israels angesichts der Vertragskündigung in Grenzen. Die ordnungsgemässe Gaslieferung betrug jährlich rund 4 Milliarden Kubikmeter; seit 2009 hat Israel nun vor seiner Küste neue Reserven im Umfang von mehr als 750 Milliarden Kubikmeter entdeckt – was einer ägyptischen Lieferdauer von 200 Jahren entspräche.

Israels Herausforderung besteht darin, dass die erste dieser Reserven, das Gasvorkommen Tamar (rund 80 km westlich von Haifa), frühestens in zwölf Monaten ans Netz gehen kann. Bis dahin werden Kraftwerke, die zuvor aus Ägypten beliefert wurden, mit teurem und verunreinigtem Öl betrieben werden müssen – und vor dem Hintergrund der geringen Liefermengen und der Sabotageakte geschieht dies bei einigen von ihnen bereits seit Monaten. Engpässe in der Stromversorgung während der Sommermonate sind absehbar – trotz Versuchen, in der Not geringere Gasvorkommen vor der Küste, die zunächst für unrentabel gehalten wurden, ans Netz zu schliessen. Zusätzlich ist Israel dabei, Pläne für den Bau eines Spezialschiffes zur Regasifizierung zu entwickeln, das den zeitweisen Import von Flüssiggas erlaubt – so lange, bis die Tamar-Anlage operationsfähig ist.

In der Zwischenzeit wird die ägyptische Entscheidung – auch wenn Ministerpräsident Benjamin Netanyahu diese herunterspielt – Israels Entschluss bestärken, restriktive bilaterale Beziehungen zu lockern, die die Ausbeutung und den Export eines weiteren umfangreichen, passend „Leviathan“ genannten Gasvorkommens behindern könnten. Dies birgt für die Politik der USA zusätzlichen Verdruss – denn die Gasförderung im östlichen Mittelmeer weckte in den vergangenen zwei Jahren Washingtons Erwartungen, die Spannungen in der Region könnten sich dadurch lockern.

Bisher jedenfalls hat die Entdeckung der Gasvorkommen keine neuen Impulse gebracht. Während sich Israels Kooperation mit Zypern weiter entwickelt, vergrössert sich der Riss zwischen Zypern und der Türkei. Und bisherige Ideen zur Lösung der Grenzkonflikte vor den Küsten Israels und Libanons erscheinen noch immer unrealistisch. Jordanien, durch unzuverlässige Lieferungen aus Ägypten selbst hart getroffen, ignoriert derweil seine logische Option, Gas von Israel zu kaufen, und wendet sich stattdessen an Qatar.

Washington kämpft darum, seinen Einfluss in Ägyptens internen politischen Auseinandersetzungen zu behalten und gleichzeitig die Struktur des ägyptisch-israelischen Friedensabkommens – das seit Langem einen Zentralmast der US-Aussenpolitik in der Region darstellt – zu bewahren. Den Amerikanern stellen sich bei der Gasförderung im östlichen Mittelmeer ganz andere Herausforderungen als in ihrer Ägyptenpolitik – und beide Themenkomplexe sollten nicht miteinander vermengt werden. In dem Sinne bietet die zwar enttäuschende Entscheidung Ägyptens auch eine Gelegenheit, diese zu trennen.

Originalversion: Implications of Egypt’s Gas Cut-Off with Israel by Simon Henderson and David Schenker © The Washington Institute for Near East Policy, April 23, 2012. All rights reserved.